Fr., 10.02.12

Günter Wallraff «Ich bin nicht der Kämpfer»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 25.11.2009

Mit neuem Buch und Film ist Günter Wallraff auf Lesereise. Er hat wieder recherchiert, undercover versteht sich. Im Interview spricht er über Prominenz, Qualitätsjournalismus, Angst, alltäglichen Rassismus und darüber, warum er nie in die Politik gegangen ist.

25.11.2009
Journalismus
Raus aus den Büros?
Video: news.de

Herr Wallraff, seit mehr als 40 Jahren recherchieren sie undercover in den verschiedensten Rollen. Was treibt Sie an?

Wallraff: Da kommt vieles zusammen. Das hat schon früh begonnen, und es war vielleicht kein Zufall, dass ich zuerst da arbeitete, wo mein Vater seine Gesundheit ruiniert hat: in der Lackhölle am Fließband bei Ford. Ich war ein sehr schlechter Schüler in abstrakten Fächern, ich muss es selbst zu spüren kriegen.

Hat sich denn etwas verändert seitdem?

Wallraff: Ich bin inzwischen recht bekannt, ich habe so eine Art Promistatus, das ist etwas sehr, sehr widernatürliches. Prominenz hat immer auch etwas mit Prostitution zu tun, da lebt man in einer Scheinwelt. Behörden verhalten sich anders, Menschen verhalten sich anders. Ich muss dann immer wieder raus, um das normale Leben zu teilen. Sonst würde ich auch die verraten, in deren Situation ich meine Arbeit und auch meinen Erfolg begonnen habe. Für mich ist es auch ein bisschen Abenteuerlust, aber hauptsächlich bewirke ich damit etwas und das schafft auch Genugtuung.

Mit ihrem Bekanntheitsgrad steigt ja auch die Gefahr, aufzufliegen ...

Wallraff: Das ist im Grunde genommen die Hauptangst. Das Verrückte ist: In der Brotfabrik bei Lidl hat mich ein Arbeitskollege erkannt. Und der hat mich nicht verraten, der fand das prima. Und erst, nachdem die Rolle fertig war, hat er sich zu erkennen gegeben und seitdem sind wird befreundet.

Glauben Sie denn, es müssten viel mehr Journalisten so arbeiten, wie Sie das tun?

Wallraff: Es gibt ja Jüngere, die das gerne machen würden, die aber von den Medien zurückgehalten werden. Das braucht Zeit, das braucht einen ziemlichen Aufwand. In Deutschland hat das leider nicht gerade Tradition, in angelsächsischen Ländern sehr viel eher, oder in Schweden, da gibt es sogar den Begriff «wallraffa» für meine Methode, alle paar Wochen wallrafft da jemand. In den USA gibt es Umfragen, dass jeder fünfte Journalist diese Methode gerne machen würde, in Deutschland glaube ich nur jeder Zehnte.

Und wie steht es in Ihren Augen um den Qualitätsjournalismus?

Wallraff: Es gibt die Vielfalt der immer noch guten Presseerzeugnisse, aber leider zu wenig Spielraum. Und durch den Auflagenrückgang der Qualitätszeitungen wird der Spielraum eher noch geringer. Es gibt ein paar Sendungen, Frontal oder Panorama, die das auch fördern und auch sehr wichtige Beiträge zustande bringen, aber es ist leider immer noch marginal.

Dennoch sind Ihre Methoden nicht unumstritten. Als sie als Schwarzer verkleidet in Ostdeutschland bei einem Fußballspiel in einen Fanzug gestiegen sind, hat man Ihnen zum Beispiel vorgeworfen, eine Situation herbeizuführen, die unrealistisch sei. Wie gehen sie mit solchen Vorwürfen um?

Wallraff: Also, erst einmal war es mehr dem Zufall überlassen, was mir bei der Reise durch Deutschland widerfuhr. Und was ist das Verwerfliche? Dass ich in einen solchen Fanzug einsteige oder dass es solche Züge überhaupt gibt? Das ist wie eine national befreite Zone auf Rädern. Und das lasse ich auch nicht auf sich beruhen. Ich setze jetzt diesem Fußballverein zu, gehe dahin und werde mit den Fans und den Verantwortlichen über den Film und das Buch diskutieren und renne damit übrigens auch offene Türen ein. Die Verantwortlichen des Vereins haben mich unabhängig davon auch eingeladen.

Haben Sie in solchen Momenten wie in diesem Zug Angst?

Wallraff: Angst spielt schon eine Rolle und auch die Überwindung von Angst. Vielleicht mache ich darum auch manchmal so etwas, weil ich von meiner Mutter zur Ängstlichkeit erzogen werden sollte. In dem Fanzug hatte ich Todesangst. Und da habe ich auch überlegt, dass ich unter Umständen feige werde und mir im Notfall die Perücke runterreiße und sage: «Ich bin einer von euch:» Aber ob das dann genutzt hätte, ist eine andere Frage.

Nach einer Untersuchung pflegt rund ein Drittel der Deutschen rassistische Vorurteile. Ist das etwas, was Sie durch Ihre Arbeit bestätigen können?

Wallraff: Das hat keinen Repräsentationsanspruch, aber so ungefähr habe ich das erlebt. Sogar noch häufiger. Diejenigen, die diese Einstellung nicht haben, machen sich zu selten bemerkbar. Das ist in Deutschland sehr verkümmert, Zivilcourage. Das müsste ein Schulfach werden.

Und wie steht es um ihre eigene Zivilcourage? Sind sie ein mutiger Mensch?

Wallraff: Was heißt das schon? Ich habe allerdings Fähigkeiten zu deeskalieren, durch meine Körpersprache, durch ein Wort, eine Geste. Ich kann Aggressionen entkräften. Man soll sich hier jetzt nicht als Held hinstellen. Ich weiß es nicht.

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Günter Wallraff: «Ich bin nicht der Kämpfer» » Medien » Nachrichten

URL : http://www.news.de/medien/855033835/ich-bin-nicht-der-kaempfer/1/
Schlagworte:
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Leserkommentare (15)
  • Kommentar: 15
  • 18.02.2010 22:54
von
Klarsicht
Antwort auf Kommentar 6

Haben Sie zugelassen, dass Teutopresse mit einem Foto von Wallraff Geschäfte gemacht (bei Verletzung des Urheberrechts). Wie kommt Teutopress ohne Zustimmung von Herrn Wallraff zum Urheberrecht?

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  • Kommentar: 14
  • 01.02.2010 11:50
von
Karl Cervik
Antwort auf Kommentar 6

Darf teuropress aus Bielefeld ohne Ihre Zustimmung oder Auftrag für Wallraff-Fotos Rechnungen ausstellen?

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  • Kommentar: 13
  • 01.02.2010 11:34
von
Karl Cervik
Antwort auf Kommentar 5

Ich habe mich gemeldet aber von ihnen keine Antwort erhalten. Erneut Herrn Fahnemann angeschrieben. 31.01.2010

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  • Kommentar: 12
  • 11.12.2009 19:46
von
Klarsicht
Antwort auf Kommentar 7

War die Antwort hell genug?

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  • Kommentar: 11
  • 06.12.2009 09:25
von
Klarsicht
Antwort auf Kommentar 6

Die Rechnung kam von einem Anwalt der teutopress aus Hamburg (nicht aus Bielefeld). Ich nahm an, dass Wallraff den Anwalt beauftragt hat, Verletzungen seines Urheberrechts zu verfolgen. Wie kann die Angelegenheit ausgeräumt werden? Ich bin natürlich daran interessiert, meinen Kommentar sofort zu löschen, falls Wallraff nichts damit zu tun hat.

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  • Kommentar: 10
  • 04.12.2009 14:42
von
Klarsicht
Antwort auf Kommentar 6

Die Rechnun kam von einem Bielefelder Anwaltsbüro.

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  • Kommentar: 9
  • 04.12.2009 13:40
von
Klarsicht
Antwort auf Kommentar 3

Die Rechnung habe ich bereits bezahlt und darf jetzt das Bild auf meiner HP belassen.

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  • Kommentar: 8
  • 04.12.2009 13:38
von
Klasicht
Antwort auf Kommentar 7

Was wollen Sie denn noch konkret wissen?

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  • Kommentar: 7
  • 28.11.2009 12:48
von
Bertil Fuchs
Antwort auf Kommentar 6

Wär`doch schön und fair, wenn Klarsicht (Kommentar1)uns über den wahren Sachverhalt nicht im Dunkel stehen ließe!

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  • Kommentar: 6
  • 27.11.2009 11:02
von
Büro Günter Wallraff
Antwort auf Kommentar 5

Achso, die Rechnung ist nicht von uns...

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  • Kommentar: 5
  • 27.11.2009 10:44
von
Büro Günter Wallraff

Hallo Klarsicht, ich bin Mitarbeiter von G.W. Können wir irgendwie in Kontakt treten damit Sie mir den Sachverhalt schildern könnnen? Bitte schreiben Sie eine Mail an folgende Adresse, ich habe sie für die Kontaktaufnahme eingerichtet. john.d2@gmx.de Viele Grüße, Büro Günter Wallraff

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  • Kommentar: 4
  • 27.11.2009 07:29
von
Longus
Antwort auf Kommentar 3

Lieber Bertil...dann bestelle ihm mal schöne Grüsse. Ich habe hohen Respekt vor ihm. Allerdings habe ich Jahrelang in afrika unter Farbigen gelebt, und leider festgestellt, dass es unter ihnen genau so viel Dummvolk gibt wie unter Weissen. Oft sogar noch schlimmer u. bis zum Radikalrassismus. Auch sorgen Migranten hier sehr oft durch ihr Verhalten selber für Vorurteile. Herr Wallraff hätte mit mir vorher mal für 1 Jahr die Wohnung tauschen sollen. Dann hätte er sich nicht umgefärbt. Hier kann man sehr gut beobachten das so einiges nicht mit rechten Dingen zugeht.

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  • Kommentar: 3
  • 27.11.2009 03:31
von
Bertil Fuchs
Antwort auf Kommentar 1

Da stimmt was nicht! Ich bin mit G. W. befreundet und kenne ihn als liebenswürdigen und stets hilfsbereiten Menschen. Erstens: Nicht er selbst überwacht die öffentliche Verwendung seiner Pressebilder, sondern allenfalls sein Sekretariat. Zweitens: Kommt nicht klar zum Ausdruck, ob Klarsicht die 400 EUR zahlt und das Bild auf seiner HP belässt, oder ob er sich lieber abmahnen lässt und es entfernt. Drittens: In welchem Zusammenhang das Bild verwendet wird oder wurde bleibt offen. Ist dabei Werbung im Spiel, könnte sie ja unlauter sein. Also immer langsam mit die Pferde!

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  • Kommentar: 2
  • 26.11.2009 21:46
von
Dimmu

Ein Glück, das es den Wallraff gibt. Kein Anderer hat die Brutalität der kapitalistischen Arbeitswelt aus der Sicht der Arbeiterklasse so treffend beschrieben. Kein Anderer entlarvt so kompromisslos die Oberschicht, deren Denken und Handeln, deren maßlose Gier und Profitsucht so authentisch. Niemand versteht es besser, die Scheinmoral und Verlogenheit der Kirche und der BILD- Zeitung deutlich zu machen. Seit "Ihr da oben, wir da unten" ist er für mich der Größte. Weiter so, Günther. Wir brauchen Dich ! Ein Arbeiter

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  • Kommentar: 1
  • 26.11.2009 16:51
von
Klarsicht

Sein Bild habe ich ohne sein Einverständnis auf meiner HP veröffentlicht. Für diese kostenlose Werbung hätte Wallraff sich freuen können. Doch stattdessen schickt er mir eine Rechnung über 400,00 Euro ins Haus. Als nicht gerade gut Betuchter war das ganz schön hart. Ich dachte nicht, dass ausgerechnet Wallraff so scharf auf mein Geld ist. Bisher kannt eich das nur von der Steuer.

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