«Ich bin nicht der Kämpfer»
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Mit neuem Buch und Film ist Günter Wallraff auf Lesereise. Er hat wieder recherchiert, undercover versteht sich. Im Interview spricht er über Prominenz, Qualitätsjournalismus, Angst, alltäglichen Rassismus und darüber, warum er nie in die Politik gegangen ist.
Günter Wallraff war mal wieder unterwegs. Was plant er als nächstes? Ich drücke jedem Bettler in der Fußgängerzone immer einen Euro in die Hand. Könnte ja der Wallraff sein, der sonst über mich lestert.
Herr Wallraff, seit mehr als 40 Jahren recherchieren sie undercover in den verschiedensten Rollen. Was treibt Sie an?
Wallraff: Da kommt vieles zusammen. Das hat schon früh begonnen, und es war vielleicht kein Zufall, dass ich zuerst da arbeitete, wo mein Vater seine Gesundheit ruiniert hat: in der Lackhölle am Fließband bei Ford. Ich war ein sehr schlechter Schüler in abstrakten Fächern, ich muss es selbst zu spüren kriegen.
Hat sich denn etwas verändert seitdem?
Wallraff: Ich bin inzwischen recht bekannt, ich habe so eine Art Promistatus, das ist etwas sehr, sehr widernatürliches. Prominenz hat immer auch etwas mit Prostitution zu tun, da lebt man in einer Scheinwelt. Behörden verhalten sich anders, Menschen verhalten sich anders. Ich muss dann immer wieder raus, um das normale Leben zu teilen. Sonst würde ich auch die verraten, in deren Situation ich meine Arbeit und auch meinen Erfolg begonnen habe. Für mich ist es auch ein bisschen Abenteuerlust, aber hauptsächlich bewirke ich damit etwas und das schafft auch Genugtuung.
Mit ihrem Bekanntheitsgrad steigt ja auch die Gefahr, aufzufliegen ...
Wallraff: Das ist im Grunde genommen die Hauptangst. Das Verrückte ist: In der Brotfabrik bei Lidl hat mich ein Arbeitskollege erkannt. Und der hat mich nicht verraten, der fand das prima. Und erst, nachdem die Rolle fertig war, hat er sich zu erkennen gegeben und seitdem sind wird befreundet.
Glauben Sie denn, es müssten viel mehr Journalisten so arbeiten, wie Sie das tun?
Wallraff: Es gibt ja Jüngere, die das gerne machen würden, die aber von den Medien zurückgehalten werden. Das braucht Zeit, das braucht einen ziemlichen Aufwand. In Deutschland hat das leider nicht gerade Tradition, in angelsächsischen Ländern sehr viel eher, oder in Schweden, da gibt es sogar den Begriff «wallraffa» für meine Methode, alle paar Wochen wallrafft da jemand. In den USA gibt es Umfragen, dass jeder fünfte Journalist diese Methode gerne machen würde, in Deutschland glaube ich nur jeder Zehnte.
Und wie steht es in Ihren Augen um den Qualitätsjournalismus?
Wallraff: Es gibt die Vielfalt der immer noch guten Presseerzeugnisse, aber leider zu wenig Spielraum. Und durch den Auflagenrückgang der Qualitätszeitungen wird der Spielraum eher noch geringer. Es gibt ein paar Sendungen, Frontal oder Panorama, die das auch fördern und auch sehr wichtige Beiträge zustande bringen, aber es ist leider immer noch marginal.
Dennoch sind Ihre Methoden nicht unumstritten. Als sie als Schwarzer verkleidet in Ostdeutschland bei einem Fußballspiel in einen Fanzug gestiegen sind, hat man Ihnen zum Beispiel vorgeworfen, eine Situation herbeizuführen, die unrealistisch sei. Wie gehen sie mit solchen Vorwürfen um?
Wallraff: Also, erst einmal war es mehr dem Zufall überlassen, was mir bei der Reise durch Deutschland widerfuhr. Und was ist das Verwerfliche? Dass ich in einen solchen Fanzug einsteige oder dass es solche Züge überhaupt gibt? Das ist wie eine national befreite Zone auf Rädern. Und das lasse ich auch nicht auf sich beruhen. Ich setze jetzt diesem Fußballverein zu, gehe dahin und werde mit den Fans und den Verantwortlichen über den Film und das Buch diskutieren und renne damit übrigens auch offene Türen ein. Die Verantwortlichen des Vereins haben mich unabhängig davon auch eingeladen.
Haben Sie in solchen Momenten wie in diesem Zug Angst?
Wallraff: Angst spielt schon eine Rolle und auch die Überwindung von Angst. Vielleicht mache ich darum auch manchmal so etwas, weil ich von meiner Mutter zur Ängstlichkeit erzogen werden sollte. In dem Fanzug hatte ich Todesangst. Und da habe ich auch überlegt, dass ich unter Umständen feige werde und mir im Notfall die Perücke runterreiße und sage: «Ich bin einer von euch:» Aber ob das dann genutzt hätte, ist eine andere Frage.
Nach einer Untersuchung pflegt rund ein Drittel der Deutschen rassistische Vorurteile. Ist das etwas, was Sie durch Ihre Arbeit bestätigen können?
Wallraff: Das hat keinen Repräsentationsanspruch, aber so ungefähr habe ich das erlebt. Sogar noch häufiger. Diejenigen, die diese Einstellung nicht haben, machen sich zu selten bemerkbar. Das ist in Deutschland sehr verkümmert, Zivilcourage. Das müsste ein Schulfach werden.
Und wie steht es um ihre eigene Zivilcourage? Sind sie ein mutiger Mensch?
Wallraff: Was heißt das schon? Ich habe allerdings Fähigkeiten zu deeskalieren, durch meine Körpersprache, durch ein Wort, eine Geste. Ich kann Aggressionen entkräften. Man soll sich hier jetzt nicht als Held hinstellen. Ich weiß es nicht.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Seit mehr als 40 Jahren ist Günter Wallraff unterwegs, er gilt als Vorreiter des investigativen Journalismus und unermüdlicher mehr ...
Günter Wallraff hat sich nicht in den Ruhestand begeben, sondern seine Undercover-Recherchen zu einem Buch mehr ...
Bücher-Marathon in Frankfurt: 300.000 Besucher wühlen sich durch die Hallen und sickern in die Kojen mehr ...
Leserkommentare (15)
Haben Sie zugelassen, dass Teutopresse mit einem Foto von Wallraff Geschäfte gemacht (bei Verletzung des Urheberrechts). Wie kommt Teutopress ohne Zustimmung von Herrn Wallraff zum Urheberrecht?
jetzt antworten Kommentar meldenDarf teuropress aus Bielefeld ohne Ihre Zustimmung oder Auftrag für Wallraff-Fotos Rechnungen ausstellen?
jetzt antworten Kommentar meldenIch habe mich gemeldet aber von ihnen keine Antwort erhalten. Erneut Herrn Fahnemann angeschrieben. 31.01.2010
jetzt antworten Kommentar meldenWar die Antwort hell genug?
jetzt antworten Kommentar meldenDie Rechnung kam von einem Anwalt der teutopress aus Hamburg (nicht aus Bielefeld). Ich nahm an, dass Wallraff den Anwalt beauftragt hat, Verletzungen seines Urheberrechts zu verfolgen. Wie kann die Angelegenheit ausgeräumt werden? Ich bin natürlich daran interessiert, meinen Kommentar sofort zu löschen, falls Wallraff nichts damit zu tun hat.
jetzt antworten Kommentar melden