Tom Liwa «St. Amour» Das seltsame Mädchen bleibe ich

Tom Liwa (Foto)
Tom Liwas Album aus dem Jahr 2000: St. Amour. Bild: amazon

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Auf den Stufen der Friedenskirche in Jena erzählt Tom Liwa einen Witz. Wir sitzen dort nach seinem Konzert. Seit neun Jahren ist es der einzige Witz, den ich weitererzählen kann. Und sein Album St. Amour, das er damals vorstellt, ist bis heute meine Lieblingsplatte.

Es ist dieser kauzig aussehende kleine Mann, der sich mit seiner Stimme und Gitarre im wahrsten Sinn in mein Herz gespielt hat. Ich wollte immer, dass mein Leben so ist wie in einem Tom-Liwa-Lied. Manchmal war ich ganz nah dran, oft sehr weit weg davon entfernt. Auch wenn er meist von Beziehungen singt, die unglücklich verlaufen, machen seine Texte Hoffnung. «Diese Welt ist ein seltsamer Platz, an dem man immer wieder vergisst, wie traurig man ist.» Melancholie, die nicht traurig macht.

Ich wollte in diesem Auto sitzen und mit dem Liedermacher die besungene Julianastraat entlangfahren. Denn Tom Liwa hat keine Geheimnisse vor mir - scheinbar. «Ich wünschte, ich könnt besser lügen, dann müsst ich es seltener tun.» Alles drückt er in seinen Liedern nur für mich aus. Obwohl ich mir auf manche Textzeilen erst später einen Reim machen kann - «All meine Geschwister sind Einzelkinder». Ich singe voller Inbrunst mit.

Ans Ohr gelegt
Lieblingsplatten in Bildern

Tom Liwa schreibt Texte, live meist nur mit Gitarre vertont, die für einen sprechen, wenn man seine Gedanken selbst nicht mehr in Worte fassen kann. «Für die linke Spur zu langsam, für die rechte Spur zu schnell.»

Heute steht der Duisburger barfuß auf der Bühne, schneidet Äpfel, verteilt die Spalten im Publikum. Tom Liwa hat einen Hut auf, keine Schuhe an, erinnert mit seinem schwarzen Jacket an einen Mormonen. Er hat viele Platten veröffentlicht, Solo oder mit Band. Im Publikum sitzen 50 Menschen. St. Amour ist nur eines seiner Meisterwerke. Er gibt zu, dass er manchmal nur schlecht von dem Geld leben kann, das er mit seiner Musik verdient. Er habe sich damit arrangiert, dass er mit fast 50 den Durchbruch nicht mehr schaffen werde. Mit Tingeltouren durch Deutschland, Österreich und die Schweiz bleibe das Leben auch irgendwie interessanter.

Die Plattenfirma Moll ist mittlerweile pleite, das Album St. Amour vergriffen und nur noch mit viel Glück für relativ viel Geld zu haben. Eigentlich wünsche ich mir, dass es viele kaufen, Tom Liwa Erfolg hat. Er hat es verdient. Andererseits ist es auch schön zu wissen, keinem ausproduzierten Massenprodukt zuzuhören. Und das seltsame Mädchen, das er auf der Platte besingt, bleibe auch heute nur ich.

Interpret: Tom Liwa
Titel: St. Amour
Label: Moll
Spielzeit:
 

iwi/news.de

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