Sido im Interview
«Ich bin kein Vorbild»

Aggro Berlin hei├čt sein neues Album. Aggressiv sind Sidos neue Nummern allerdings kaum noch. Er gibt sich so zuversichtlich und lebensbejahend wie nie zuvor. Ab heute geht er auf gro├če Deutschland-Tournee. News.de sprach vorab mit ihm.

Sido will kein Vorbild sein. Bild: sido.de

Fr├╝her warst Du arm, heute bist Du wohlhabend. Was ist Luxus f├╝r Dich?

Sido: ├ťbernachtbestellungen im Internet. Neulich war ich abends scharf auf die neue Playstation. Ich habe sie direkt bestellt, und f├╝r 13 Euro Aufpreis kam sie am n├Ąchsten Morgen. Ich bin und werde aber keiner, der krassen Wert auf diesen ganzen HipHop-Luxus legt. Ich brauche nicht viel zum Leben, und ich verprasse nichts.

Wie kommt es dann, dass Du Dein neues Album in Los Angeles aufgenommen hast und bei Hugh Hefner in der legend├Ąren
Playboy-Villa eingeladen warst?

Sido: Als meine fr├╝here Firma «Aggro Berlin» dichtgemacht hat, weil sich das Rapbusiness einfach nicht mehr lohnt, haben nat├╝rlich gleich alle gro├čen Plattenfirmen bei mir angefragt. Jetzt bin ich bei dem gr├Â├čten Plattenlabel von allen, und als die mich fragten, wo ich denn mein Album aufnehmen will, habe ich gesagt «In Hollywood». Sollte eigentlich ein Witz sein.

Aus dem Ernst wurde.

Sido
: Exakt. Es hie├č «Kein Problem, wir k├╝mmern uns um alles». Und ich dachte «Dann macht mal.»

Aber Du g├Ânnst Dir immerhin eine Autosammlung?

Sido: Ja, zwei Touregs, die finde ich geil. Und einen 7er BMW. Dummerweise habe ich keinen F├╝hrerschein. Ich hatte mich f├╝r die Pr├╝fung schon angemeldet, nur bin ich dann eine Woche vorher ohne Lappen erwischt worden.

Im M├Ąrkischen Viertel, das Du in deinem ersten Hit Mein Block besungen hast, wohnst Du schon seit Jahren nicht mehr, oder? Wo wohnst Du?

Sido: Nein, ich lebe seit zwei Jahren in Friedrichshain, aber in einer anst├Ąndigen Gegend dort. Autos haben bei uns in der Ecke noch nicht gebrannt. In der Nachbarschaft wohnt ein Botschafter, ich glaube, da passt die Polizei ein bisschen mehr auf als anderswo in Berlin.

Wie kommt es, dass Du gerade jetzt – in Deiner Single Hey Du - deine ostdeutsche Herkunft thematisierst?

Sido: Das habe ich mir nicht jahrelang vorgenommen, falls du das andeuten willst. Es ist so, dass ich immer schon ein gro├čer Fan vom Musical Linie 1 war, das in Berlin gespielt wird. In der Schule wurde uns das aufgezw├Ąngt, aber selbst da fand ich es schon ziemlich klasse. Gerade dieses Lied war mir immer im Kopf, Marias Lied hei├čt es. Das habe ich dann gesampelt und so ist Hey Du entstanden. Wie es in den Lied hei├čt, wollte ich was erz├Ąhlen von mir, was ich noch nie jemandem erz├Ąhlt habe, nicht mal meinem besten Freund. N├Ąmlich: Dass ich aus dem Osten bin.

War Dir das peinlich?


Sido: Vor meinem besten Freund war mir das irgendwann peinlich, ja. Weil ich zu tief drinsteckte in meiner West-Identit├Ąt. Meine Mama und konnten kurz vor der Wende ausreisen, wir kamen im Wedding ins Asylantenheim. Ich war acht, galt bei allen als der asoziale, bl├Âde Ostler und hatte st├Ąndig ├ärger. Immer, wenn wir umgezogen sind, habe ich es weniger Leuten erz├Ąhlt. In der 5. Klasse kam ich ins M├Ąrkische Viertel. Dort habe ich es niemandem mehr erz├Ąhlt und nie wieder ein Problem damit. Irgendwann gab es dann Rapper aus dem Westen und Rapper aus dem Osten. Wir haben Songs gemacht, die «Westberlin» hie├čen und die Fahne echt hochgehalten. Es w├Ąre ein Riesenproblem gewesen, wenn einer der Anf├╝hrer von diesem Westberlin-Hype auf einmal ein Ostler ist. Das w├Ąre schei├če gewesen.

Passt zum 20-j├Ąhrigen Mauerfalljubil├Ąum.


Sido: Stimmt, obwohl der Song selbst schon fast zwei Jahre alt ist. Aber es ist nat├╝rlich nicht dumm, den jetzt als Single rauszubringen.

Du warst insgesamt recht flei├čig. Dein letztes Album Ich und meine Maske ist erst vor einem Jahr rausgekommen.

Sido: Klar, ich bin flei├čig wie ein Ostler.

Sind die Menschen aus dem Osten wirklich emsiger als die aus dem Westen?


Sido
: Flei├č ist schon ein Wert bei uns. Meine Mutter hat immer gearbeitet.

FOTOS: Sido Er und seine Maske

Lesen Sie auf Seite 2, was Sido ├╝ber die DDR denkt und wie sein politisches Programm auss├Ąhe

Wieviel DDR steckt denn noch in Dir?

Sido: Ich war acht Jahre, als wir gegangen sind.

Habt ihr die DDR auf legalem Weg verlassen k├Ânnen?

Sido: Wir haben, allerdings schon unter Egon Krenz, einen Antrag gestellt, und der wurde bewilligt. Das war kurz bevor die Mauer sowieso aufging.

H├Ąttest Du Dir vorstellen k├Ânnen zu bleiben?

Sido: Chancen h├Ątte ich in dem System gehabt. Vieles war selbstverst├Ąndlich. Du hattest Arbeit, Wohnung und eine vern├╝nftige Schule. Auch ein Auto hast du irgendwann gekriegt. Obdachlose hat es in der DDR nicht gegeben. Aber ich bin ein Mensch, der die Freiheit liebt und der Autorit├Ąten hasst. Ich w├Ąre im Osten sehr schnell angeeckt.

Also war nicht alles schlecht?


Sido: Das System hatte seine Vorteile. Aber eine Mischung aus Kapitalismus und Sozialismus, die funktioniert einfach nicht. Wenn jeder eine Arbeit kriegt, egal wie dumm oder faul er ist, ist das das Gegenteil von Kapitalismus. Ich denke, es m├╝sste ein ganz neues System her - auf demokratischer Basis.

Wie s├Ąhe Dein politisches Programm aus?

Sido: Ziemlich verr├╝ckt, weil ich chaotisch bin. Aber eine gute Partei ist f├╝r mich eine Partei, die sich um die Kleinen im Volk k├╝mmert. Nat├╝rlich denkt man, ich mit meinem Einkommen bin der typische CDU-W├Ąhler. Bin ich aber nicht, gar nicht.

Sondern?

Sido: Ich k├╝mmere mich um die Leute um mich herum, die weniger haben, bei denen es hapert. Vor allem an Bildung. Ich meine, man w├╝sste gar nicht mal unbedingt mehr Geld investieren. Aber das, was man macht, mit mehr Augenmerk begleiten. Neue Lehrer sollten eingestellt werden, die Klassen sollten verkleinert werden. 35 Leute in einer Klasse, das ist unmenschlich. Der Typ mit Legasthenie, der sich hinten versteckt, wird nie einen guten Abschluss und eine gute Arbeit kriegen. Aber wenn nur 15 Leute in der Klasse sind, dann sieht der Lehrer, dass er es mit einem Legastheniker zu tun hat und kann ihn individueller f├Ârdern.

Du selbst hattest zwar keinen Bock auf die Schule, aber trotzdem ist was aus Dir geworden. Was hast Du richtig gemacht?


Sido: Ich hatte einfach Gl├╝ck. War am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Und ich kann das alles tragen. Ich bin irgendwie witzig und unterhaltsam. Das ganze Gesamtpaket bei mir ist gut. Dazu muss man geboren sein.

Du bist ein Gegenbeispiel daf├╝r, dass man aus der Unterschicht kommen und trotzdem Karriere machen kann.


Sido: Ich wei├č. Aber ich bin kein Vorbild. Die einfachere und bessere L├Âsung ist es, in der Schule gut aufzupassen.

Entscheidet sich n├Ąchstes Jahr, ob er aufs Gymnasium kommt?

Sido: Nein, das kommt erst nach der sechsten Klasse. Ich freue mich, wenn er die Empfehlung f├╝rs Gymnasiums kriegen sollte. Aber wenn nicht, dann eben nicht. So oder so versuche ich ihm einzutrichtern, dass die Schule ein sehr wichtiges Element seines Lebens ist.

Wobei Du nicht das ideale Vorbild bist, was Schulleistungen angeht, oder?

Sido: Ich war keiner von den Dummen. Blo├č hat mich die Schule irgendwann nicht mehr interessiert, mir wurde das alles so langweilig, ich hatte mich mehr f├╝r andere Dinge begeistert. Wobei ich wirklich eine gute Schule hatte. Ich glaube auch, das Viertel, mein Umgang damals, hatte viel dazu beigetragen, dass das mit der Schule und mir nicht mehr so gelaufen ist.

Lesen Sie auf Seite 3, warum er auf seiner neuen Platte zum ersten Mal singt und warum er Detlef D! Soost f├╝r einen Diktator h├Ąlt

Du sagst, die neue Platte sei ein «Neuanfang». Wie meinst Du das?

Sido: Das mit dem Neuanfang meiner ich eher auf privater Ebene. Musikalisch ist jedes Album ein Neuanfang, weil ich immer versuche, so authentisch wie m├Âglich zu sein. Die Musik ├Ąndert sich, die Aussagen ├Ąndern sich, weil sich auch mein Leben bis jetzt mit jeder Platte ge├Ąndert hat. Ich habe auch den Anspruch, dass sich meine Musik mit mir mit ver├Ąndert.

Deine neuen Songs klingen erwachsener, reifer und stecken voller aufmunternder, hoffnungsvoller Aussagen.


Sido: Ich will in meiner Musik immer ehrlich sein. Als ich anfing und harte Nummern wie den Arschficksong gemacht habe, war ich arm, habe st├Ąndig auf der Stra├če rumgehangen, gesoffen und gekokst. Ich war halt krass drauf. Jetzt habe ich Geld, eine sch├Âne Wohnung, kann meinem Umfeld und mir alles bieten. Das m├Âchte ich nicht verlieren. Also zahle ich Steuern, bin krankenversichert und insgesamt verantwortungsbewusster. Was dann auch in die Songs einflie├čt.

Bist Du b├╝rgerlich geworden?

Sido: Jein. Du hast den Jungen aus dem M├Ąrkischen Viertel gekriegt, aber nicht das M├Ąrkische Viertel aus dem Jungen. Ich f├╝hle mich nicht so wie die Leute, die bei mir im Haus leben. Ich bin Derselbe geblieben, auch wenn sich die Umst├Ąnde um mich herum ge├Ąndert haben.

Seit vier Jahren lebst Du in einer festen Beziehung mit der S├Ąngerin Doreen Steinert, die einst in der Castingband Nu Pagadi gesungen hat. Ihr wohnt auch zusammen.

Sido: Ja, unsere Beziehung ist nicht nur fest, sondern auch sehr ernsthaft. Die erste richtig ernsthafte Beziehung, die ich je hatte. Mit Doreen komme ich wirklich zur Ruhe. Fr├╝her blieb ich auf Parties immer bis zum Schluss, heute langweilt mich das meistens. Da freue ich mich lieber auf die DVD zu Hause und den n├Ąchsten Level auf der Playstation.

In Schlampen von gestern singst Du zum ersten Mal. Warum?

Sido: Weil ich Lust hatte darauf. Ich bin jedoch kein guter S├Ąnger, ganz im Gegensatz zu meiner Freundin, die ja nicht ohne Grund bei Popstars gewonnen hat.

Du selbst hast letztes Jahr in der Jury von Popstars gesessen. W├╝rdest Du das noch mal machen?

Sido: Nein, mit Sicherheit nicht. Ich bin zu naiv an die Sache rangegangen. Ich dachte, es geht trotz Quotendruck in erster Linie um die Musik. Und darum, dass man wirklich gute K├╝nstler finden wollte. Ich habe mich geirrt. Dabei wollte ich jahrelang in diese Schei├čjury, um da mal ein bisschen f├╝r Qualit├Ąt zu sorgen. Ich w├Ąre auch in die DSDS-Jury gegangen, w├Ąre mir egal gewesen.

Aber?

Sido: Schnell habe ich gemerkt, das ist M├╝ll. Ich hatte weniger Einfluss als ich dachte. Das war alles Fake und von Detlef (D! Soost) gesteuert. Detlef ist ein Diktator, mit seiner Art der Menschenf├╝hrung kam ich irgendwann absolut nicht mehr zurecht.

W├╝rdest Du noch mal was im Fernsehen machen?

Sido: Gerne w├╝rde ich das machen. Aber die Sache m├╝sste mir aus der Seele sprechen, Ich habe keinen Bock auf Klamauk a la Pocher, aber auch nicht auf was richtig Ernsthaftes.

Wie weit bist Du mit dem Film ├╝ber Dein Leben, den Du seit l├Ąngerem planst?

Sido: Der kommt, musste aber verschoben werden, weil meine Plattenfirma dieses Jahr unbedingt noch das Album wollte. Au├čerdem habe ich mich ein bisschen gehenlassen. Im April fangen wir aber an zu drehen.

Ärgert es Dich, dass Bushido seinen Film schon abgedreht hat?


Sido: Bushido ist mein Konkurrent. ├ťberhaupt der einzige, den ich noch habe. Aber sein Film spornt mich eher an, einen noch besseren zu machen. Und ich bin ├╝berzeugt, das wird mir auch gelingen.

juz/bla/news.de

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