Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Jedes wichtige Ereignis, jeder Umbruch in der Geschichte: Irgendwann landen sie alle im Kino. Bei den richtig spannenden Dingen entsteht nicht nur ein Film, sondern ein eigenes Subgenre: So etwa durch den Mauerfall. News.de gibt einen kleinen Überblick.
Bisher wurde das Subgenre zum wiedervereinten Deutschland und seiner Vergangenheit vor allem durch die DDR-Vergangenheit, den Mauerfall und was danach kam geprägt. Westdeutschland vor 1989 spielte da kaum eine Rolle. Stattdessen ist es der Osten, den es für den Westen zu entdecken gab, und oft noch gibt, und für den Osten, manchmal ostalgisch, zu erinnern und verarbeiten gilt.
Seine Geburtsstunde erlebte diese neue Nische des deutsch-deutschen Kinos bereits schnell nach dem Fall der Mauer im Komödienfach. Schließlich waren die ersten Jahre vom vorsichtigen Beschnuppern und Wundern über das seltsame Verhalten des jeweils anderen geprägt. Das galt es, wenn schon nicht zu erklären, dann doch zumindest zu karikieren.
Für allzu ernsthafte Reflektion war es noch viel zu früh. Stattdessen machte sich der schnell etablierte Ossi-Witz-Humor breit. Und was passte da besser als das Zusammenkrachen der deutschen Kulturen am augenscheinlichsten Unterschied festzumachen: dem Trabi. So landete Go Trabi Go, die herzige, wenn auch etwas platte Komödie mit Wolfgang Stumph, prompt 1991 auf den Leinwänden Gesamtdeutschlandes.
Auch wenn Regisseur Peter Timm ein Klischee nach dem anderen bediente und bemühte, so griff der Film doch zumindest die Erfahrung der ersten freien Reise durch Europa mit Wunderblumenneugierde und tollpatschigem kulturellen Ungeschick auf. Die Fortsetzung folgte ein Jahr später.
Stille bis zum ersten Jubiläum
Dann wurde es sehr lange still im deutsch-deutschen Kino. Zwar wurden einige Filme im Westen wie im Osten gedreht, aber kaum einer griff die neue Gemeinschaft oder die zuvorige Trennung auf. Die westdeutschen Filmemacher ignorierten ihre gewonnenen Bundesländer und Geschichte und erzählten stattdessen mit Der bewegete Mann (1994), Allein unter Frauen (1991) oder Das Superweib (1996) vom ewigen Kampf der Geschlechter und übten sich in der Beziehungskomödie.
Erst zum zehnjährigen Jahrestag des Mauerfalls sollte etwas Schwung ins Subgenre kommen. Mit Sonnenallee (1999) von Ossi Leander Haußmann bekam der Wessi einen kleinen Einblick in den Osten. Das Vortasten blieb dennoch zaghaft. Es war nicht der tiefste Osten. Denn das längere Ende der Sonnenallee lag in Westberlin, das kürzere im Osten.
«Och wie süß, ein Ossi», ruft ein Mädchen beim Blick über die Mauer, wie in einem Zoo. Und der Wessi-Kinogänger fühlt sich ertappt. Denn auch er findet das ihm völlig fremde Verhalten der Figuren entlang der Sonnenallee irgendwie putzig und lernt was ein Mufuti ist. Der Ossi dagegen seufzt lachend: «Jawohl, so war's.» Für Schauspielerin Katharina Thalbach war der Blick zurück in die DDR zum Brüllen komisch. Denn, so sagt sie: «Wenn man die Angst wegnimmt, die wir ja auch hatten, dann ist das schon sehr absurd. Wir lachen uns heute darüber scheckig.»
Nur einen Monat nach Sonnenallee, nämlich genau am 9. November 1999, erklärte der charmante Helden wie wir, warum die Mauer wirklich geöffnet wurde. Nämlich, weil Klaus seine Hose fallen ließ. Dafür kann ein Kinofilm schon mal an einem Dienstag starten, statt an dem sonst üblichen Donnerstag.
Mit Der Zimmerspringbrunnen (2001) etablierte sich das Genre langsam. Denn jedes Genre braucht nicht nur Hits, sondern auch seine erfolglosen Underdogs. Noch im gleichen Jahr folgte Berlin is in Germany, der es aber nur in die Programmkinos schaffte. Mit Herr Lehmann (2003), in dem es nur ganz am Rande um das Ende der Teilung ging, kam das nächste Highlight. Ab nun war klar: Mauerfall gehört einfach zu deutschen Filmen dazu.
Mit dem Riesenerfolg Goodbye, Lenin! (2003) umarmte das deutsch-deutsche Kino geradezu das Zusammenkrachen der Welten mit all seinen absurden, liebenswerten, problematischen und wehmütigen Seiten. Selbst jeder Wessi fängt beim Anblick von Spreewald-Gurken im Supermarktregal noch heute an, amüsiert zu lächeln. Der Film brachte das deutsche Kino auch weltweit ins Gespräch und gewann Sympathien. Endlich mal eine Geschichte aus Good old Germany, die sich nicht ums Dritte Reich drehte. Zudem ebnete der Film die internationale Karriere von Daniel Brühl.
Seitdem vergeht kaum ein Jahr, in dem die Mauer und ihr Fall sich nicht in den Kinosälen die Ehre geben. Ob nun Horst Krause in Schultze gets the Blues (2004) die neugewonnene Reisefreiheit zu einem melancholisch schönen Roadmovie nutzt oder sich Soldaten urkomisch in NVA (2005) für den real existierenden Sozialismus im Dreck wälzen. Das Genre ist nicht mehr wegzudenken.
Oscargekrönt und erfolgsverwöhnt
2006 machte Florian Henckel von Donnersmarck die DDR-Vergangenheit und ihre Schattenseiten salonfähig. Zwar klangen Stasi-Methoden auch am Rand von Sonnenallee und anderen Filmen bereits an, aber was dies mit den Leben von Menschen anstellte, dass brachte erst Das Leben der Anderen richtig zum Tragen. Internationale Anerkennung von Kritikern und Publikum sowie der Oscar gaben Henckel von Donnersmarck recht.
Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls wird es jetzt wieder etwas turbulenter im deutsch-deutschen Kino. So startet mit Liebe Mauer ein amüsanter Blick auf eine interdeutsche Liebe, die nicht nur mit den Kulturunterschieden, sondern auch mit der Stasi und dem Schlagbaum am Grenzübergang in Berlin auf herrlich absurde Weise zu kämpfen hat.
Im Januar kommenden Jahres startet dann der Film Friendship!. Der Titel des herzigen Roadmovies spricht nicht nur von der dicken Freundschaft zwischen Veit und Tom, sondern auch über ihren unüberlegten Trip direkt nach dem Mauerfall nach San Francisco. Friendship steht natürlich auch für den FDJler Gruß «Freundschaft».
Die Filme über den kleinen feinen Unterschied zwischen Ossi und Wessi sowie das bewegenste Ereignis der jungen gesamtdeutschen Geschichte hat inzwischen einen festen Platz in der cineastischen Landschaft gefunden. Mit der Öffnung der Spielarten von der augenzwinkernden Komödie, wie es Sonnenallee, Helden wie wir und Goodbye, Lenin! zu den großen, aber feinen Drama wie Das Leben der Anderen und Roadmovies wie Schultze gets the Blues und Friendship! bleibt zu hoffen, dass das Kinopublikum in Zukunft noch einige ostalgische und deutsch-deutsche Perlen erwarten.
ham/news.de