Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Ian McEwan hat für sein Buch For You ein ungewöhnliches Genre gewählt: Es ist ein Libretto für eine Oper. Aber statt angestaubtem Operngeschwafel findet McEwan drastische Worte für eine tiefschwarze Geschichte.
Komponist und Dirigent Charles Frieth ist ein Schürzenjäger. Seine Eroberungen laufen immer nach dem gleichen Muster ab: «Verachtung, dann Vergebung, dann Verführung», seufzt sein Sekretär Robin. Der Reihe nach schnackselt sich Charles durch den weiblichen Teil seines Orchesters: Erst kritisiert er schiefe Töne, um dann mit der jeweiligen «Flöte», «Geige» oder «Oboe» im Bett zu landen. Im Anschluss zeigt er sich dann mit einem 32 Takte langen Solo für das entsprechende Instrument erkenntlich. Derweil flieht seine unglückliche Frau Antonia in ihre Krankheit, die ihr immer wieder Krankenhausaufenthalte unter der Obhut ihres Arztes und Verehrers Simon beschert.
Das geht so seinen Lauf, bis Charles erkennt, dass Antonia dem Werben des Dottore nachgeben könnte. Es plagen ihn Potenzprobleme und er schwört, dass «das Horn» die letzte Affäre war – allerdings sagt er das nicht seiner Frau, sondern sucht sich seine Haushälterin als Zeugin. Die versteht das völlig falsch, weil sie den großen Maestro heimlich liebt. Sie glaubt, dass sich ihre Sehnsucht nun endlich erfüllen wird und trifft eine verhängnisvolle Entscheidung. Am Ende ist alles Desaster und Verderben.
Ian McEwan, britischer Erfolgsautor und Träger des renommierten Booker Price hat sich mit For You an ein ungewöhnliches Genre gewagt. Er hat die Geschichte von Charles, seiner Frau Antonia und der polnischen Haushälterin Maria als Libretto für eine Oper von Michael Berkeley geschrieben. Libretto ist italienisch und bedeutet wörtlich übersetzt «Büchlein», in der Opernwelt ist ein Libretto schlicht der Text hinter der Musik. «Büchlein» heißt es, weil es so wenig Text gibt – gesungene Worte, besonders in der Oper, nehmen schließlich mehr Zeit in Anspruch. Da ist kein Raum für ziselierte Formulierungen, die Sätze sollten schön knackig sein.
Rutschpartie von Seite zu Seite
Und so ist auch For You ein entrümpelter, angenehm schlanker Text. Die Geschichte wird ausschließlich im Dialog der Protagonisten erzählt. Das klingt vielleicht erst einmal ungewohnt, liest sich aber außerordentlich angenehm. Man rutscht geradezu von Seite zu Seite. Auch weil englischer und deutscher Text sich jeweils auf der rechten und linken Seite gegenübergestellt sind, ist man im Nu durch mit dem feinen und tiefschwarzen Stück. Nebenbei kann man sich noch in die Feinheiten der Übersetzung vertiefen und wird mit der schönen Erkenntnis belohnt, dass «Trübsal blasen» auf Englisch «to mope» heißt.
Bescheiden muss man sein, um ein Libretto zu schreiben, denn der Text ist der Musik und dem Gesang untergeordnet. Das hält McEwan allerdings nicht davon ab, eine makabere Geschichte zu erzählen. Die Sprache ist teils drastisch, wie es seine Leser von ihm gewohnt sind. Abgesehen von der äußeren Form erinnert hier nichts an angestaubtes Operngeschwafel.
Der Basler Zeitung hat McEwan zu diesem Werk gesagt: Es kann keine moralischen Sonderregelungen für Künstler geben, auch keine Gesetze mit dem Vorbehalt: «Gelten aber nicht für Genies». Und genau das lässt er seinen Helden Charles spüren. Nur weil er Künstler ist, kann er nicht auf den Gefühlen der Damen herumtrampeln wie es ihm gefällt. Und so straft McEwan seinen Charles genüsslich ab, lässt ihm sein Schürzenjägertum vor die Füße fallen und verbannt ihn schließlich in seine ganz spezielle Form der Hölle.
Autor: Ian McEwan
Titel: For You. Libretto für eine Oper von Michael Berkeley
Seiten: 144 Seiten
Verlag: Diogenes