Die größte Bühne der Welt
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 14.11.2009
Die Welt ist gerade genug, könnte sich Mario Alfonso gedacht haben, als er das Tanzfestival Side by Side 2005 weiterdachte. Er ging neue Wege und mit dem Festival ins Internet. Seitdem ist es Stück für Stück gewachsen und hat sich in der Szene etabliert.
Wie stellen Sie sich ein Theater vor, in dem getanzt wird? Eine Bühne? Ein Vorhang? Stuhlreihen, leicht ansteigend, eine kleine Loge? Von wegen. Im digitalen Zeitalter sieht das alles ein wenig anders aus. Sicher, die Bühne ist noch immer da. Das Publikum aber sitzt längst schon nicht mehr mit im Saal. Das Publikum ist überall. Zu Hause, auf der Arbeit, unterwegs im Café oder im Zug. Der Tanz ist im Internet angekommen. Dank Mario Alfonso.
Der 1973 in Bari geborene Tänzer und Choreograph ist Leiter des Internet-Tanzfestivals Side by Side. Die Idee dahinter ist simpel: Tänzer nehmen Ihre Choreographien auf Video auf, senden sie zu einem Wettbewerb ein, eine Jury entscheidet über sieben Finalisten und diese stellen sich dem globalen Publikum im Internet.
Geboren wurde das Festival eigentlich aus der Not heraus, aus Mangel. Dem Mangel an geeigneten Orten für den Tanz, dem Mangel an Geldgebern, dem Mangel an Publikum. Seit 2005 haben bereits 100.000 Zuschauer das Festival besucht, sprich: die Internetseite angeklickt. Zahlen, von denen klassische Dance Companies wohl nur träumen können.
2009 haben sich bereits 156 Choreographen und Künstler beworben, aus denen die Jury sieben ausgewählt hat - aus sieben Ländern: Spyros Kouvaras aus Griechenland, Michele Hanlon aus den USA, Birgitt Bodingbauer aus Österreich, Marcel Leeman aus der Schweiz, Adriana Cubides aus Kolumbien, Juan Carlos García aus Spanien und Veronica Vallecillo aus Frankreich.
Alle Produktionen durften sich im September in Düsseldorf vor Publikum vorstellen, anschließend wurden ihre Videos im Internet zur Wahl gestellt, bis heute läuft die Abstimmung noch. Das Ergebnis wird in einigen Tagen bekannt gegeben. Zwar gibt es auch ein kleines Preisgeld, insgesamt 3000 Euro, wichtiger jedoch sei, dass die Künstler vom Festival profitieren und sich in der Szene weiter etablieren, so die Aussage der Veranstalter.
Zwar ist allen Stücken gemein, dass sie immer noch die Bühne nutzen, sie vielleicht sogar brauchen, unübersehbar jedoch ist der Einfluss der Kamera, der multimedialen Möglichkeiten. Schnitt, Blickwinkel, Schärfe, Unschärfe und Farbgebung machen aus den Videos mehr als nur Tanz. Das oft spröde, wenig erzählerische Medium blüht regelrecht auf, entfaltet eine ganz neue Wirkung. Plötzlich sind da Geschichten, plötzlich ist da eine Ästhetik, die über den Körper hinausgeht. Und es entstehen Meta-Ebenen, etwa wenn Veronica Vallecillo mit Videos im Video arbeitet oder wenn Birgitt Bodingbauer die Ateliersituation mit durchscheinen lässt.
Auf den ersten Blick sind die meisten der sieben Choreographien kaum zu greifen, von «heroischen Darstellungen, handfesten Bewegungen und einer einzigartigen Vielfalt an Farben» ist da die Rede, von einem «Spannungsfeld von Neugier und Misstrauen, Anziehung und Abscheu, Sehnsucht und Angst» oder von unterdrückten Wesen, «die aufwachen und sich mit sich selbst und der Person vor ihnen verbinden». Im Video aber werden die Geschichten dahinter sichtbar, vielleicht auch, weil die Clips mediale Gewohnheiten bedienen, weil sie uns bekannter vorkommen, an Fernsehen, Kino oder YouTube erinnern.
Insofern könnte Side by Side noch mehr erreicht haben als nur ein größeres Publikum. Es könnte helfen, das Nischenprodukt Tanz nicht nur bekannter zu machen, sondern vor allem beliebter, einer neuen, internetaffinen ZIelgruppe überhaupt erst einen Zugang zu ermöglichen. Oder, wie es die Macher ausdrücken, «Tanz und insbesondere talentierten Nachwuchskünstlern eine neue Präsenz im Bewusstsein der Menschen zu verschaffen».
tno/news.de
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