So., 27.05.12

Mario Alfonso 14.11.2009 «Es wird nicht erzählt wie bei ‹Schwanensee›»

Mario Alfonso (Foto)
Tänzer und Festival-Direktor Mario Alfonso. Bild: Side by Side

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Mario Alfonso ist Tänzer, Choreograph und künstlerischer Leiter des Internet-Tanzfestivals Side by Side. Im Interview spricht er über Pina Bausch, beantwortet die Frage, warum Tänzer tanzen und verrät, warum Tanz anstrengend ist – für das Publikum.

Ihr macht Side by Side jetzt schon ein paar Jahre. Wie ist das Festival entstanden?

Alfonso: Side by Side ist eine Entwicklung. Am Anfang war das eine Dance Company, in der freie Choreographen oder Tänzer sich unterstützen, arbeiten und produzieren konnten. Ich habe mich bemüht, einen Ort dafür zu finden und habe 2000 ein Theater in Wuppertal gegründet, das ich der Freien Szene zur Verfügung gestellt habe.

Das heißt, das Festival war gar nicht Grundgedanke?

Alfonso: Nein, es war einfach ein Ort. Es ging darum, die Freie Szene zu unterstützen. An diesem Ort habe ich dann mit Festivals angefangen. Side by Side ist nicht nur das Internet-Festival, Side by Side waren auch fünf Festivals vorher, erst regional, dann überregional und sogar international.

Ihr sagt von Euch, dass Ihr Nachwuchskünstlern eine Plattform schaffen wollt, ein Bewusstsein bei den Menschen herstellen. Wie steht es denn um dieses Bewusstsein für Tanz, um seinen Stellenwert?

Alfonso: Künstler sind da, weil sie tiefer sehen. Das wird oft vergessen. Warum tanzt man? Viele haben die Einstellung: Die bewegen sich nach rechts, links, schmeißen sich über den Stuhl, gehen runter, rollen ein bisschen, das kann ich auch. Aber es geht nicht darum, was man kann und was nicht. Es geht darum, was man erreichen will und warum man andere für seine Thematik sensibilisieren will.

Und warum tanzt ein Tänzer?

Alfonso: Weil man das alltägliche Leben viel tiefer sieht. Wie die Leute sich bewegen, wie sie reagieren, wie traurig oder happy sie sind. Wenn ich Leute auf der Straße sehe und grüße, frage ich mich immer, warum die nicht lächeln. Dadurch kommen Ideen. Mein erstes Stück 1997 war ein Stück mit einer Frau von Plus. Da war eine Frau mit 67, die hat Pina Bausch als Kind gesehen. Ich gehe bei Plus einkaufen, sehe diese Frau und stelle mir die Frage, wer sie überhaupt kennt, wie lange sie hier arbeitet. Sie kennt Pina, die kennt jeder, aber niemand kennt sie, niemand hat sie wahrgenommen.

Pina Bausch kennen nun wirklich viele, andere Namen aber kennen nur sehr wenige. Warum ist das so?

Alfonso: Es ist Politik. Am Ende machst Du etwas, was nicht für Dich gut ist, sondern was gebraucht wird.

Das heißt, Tanz ist zwar für den Tänzer notwendig, aber das Publikum sieht das nicht so?

Alfonso: Nein, es gibt ein bestimmtes Publikum, das zu den Vorstellungen geht, um sich inspirieren zu lassen. Warum wird Ballett so geliebt? Weil es in eine akrobatische Richtung geht, das ist etwas für die Augen. Aber wir sprechen über zeitgenössischen Tanz, es hat sich so viel geändert durch den Bruch von Pina mit dem Tanztheater. Den großen Fehler, den viele Künstler gemacht haben, war zu versuchen, Tanztheater auf die Bühne zu bringen. Sprich: Sich auch einen Stuhl zu setzen und zu sagen: «Mein Name ist Mario oder Maria.» Solche Banalität. Natürlich hat alles etwas weniger Wert bekommen.

Vielleicht kommt die fehlende Resonanz auch daher, dass beim Tanz das echte Erzählen von Geschichten fehlt, dass man viel aufmerksamer sein muss als im Theater?

Alfonso: Genau, und das wird anstrengend.

Vielleicht schreckt das auch ab, denn Tanz lässt sich nicht einfach konsumieren ...

Alfonso: Richtig, ich sage den Leuten oft: «Macht kürzer. Warum verlängert Ihr die Szene, nur damit Ihr eine Stunde Programm bekommt?» In Amerika werden Stücke von sieben, acht Minuten gemacht. Konkret. Auf den Punkt. Es ist schön, wenn Du in ein Theater gehst und Dein alltägliches Leben vergisst. Genauso wie im Kino oder bei einem romantischen Abend mit Candle-Light-Dinner. Wenn der Zuschauer während der Vorstellung wieder zu sich zurückkommt, dann ist die Vorstellung nicht gut.

Hat sich denn seit dem Beginn von Side by Side die Art und Weise, wie getanzt wird, verändert, vielleicht auch durch das Medium Internet?

Alfonso: Die Art der Präsentation hat sich verändert. Früher wurde alles selbst gemacht, wurden die Video selbst gedreht. Ziel ist es auch, dass Künstler miteinander kooperieren. Wir sind nicht nur für die anderen da, die Künstler müssen auch Leute finden, die sie unterstützen.

Das heißt, sich professionalisieren?

Alfonso: Selbstverständlich, auch in der Art, wie sie sich vorstellen müssen in einem Wettbewerb. Davon haben viele gar keine Ahnung gehabt. Auch die Videos sind besser geworden. Weil wir die Masse ansprechen wollen, müssen wir ein buntes Programm bieten, sprich Tanztheater, akrobatische Stücke, ein Programm, dass viele Leute interessiert.

Wir haben ja schon über das Geschichtenerzählen gesprochen. Welche Themen behandeln die Tänzer aktuell?

Alfonso: Da gibt es zum Beispiel das Stück 100 Quadratmeter von Marcel Leemann, darin geht eine Frau raus aus ihren 100 Quadratmetern und wird von einem Auto überfahren. In deinem Raum bist du geschützt. Bloß nicht rausgehen, sonst ist es gefährlich. Oder Veronica Vallecillo, die hat eine super Installation gemacht, eigentlich ist sie Flamenco-Tänzerin, die auch modernen Tanz mache. Ihre Bewegungen sind so unglaublich. Da wussten wir selbst nicht, ob das ein Video-Effekt war oder ob das die Art und Weise ist, wie sie sich bewegt. Aber das war so. Oder zum Beispiel Spyros Kouvaras aus Griechenland, der sich mit Plastikfolie eingewickelt hat und sich ganz minimalistisch bewegt. Selbst, wenn du das nicht gleich verstehst, bist du fasziniert von diesem Bild.

Da sind wir wieder beim Geschichten erzählen oder dabei, dass keine Geschichten erzählt werden.

Alfonso: Genau. Es wird eben nicht erzählt wie bei Schwanensee.

Die eigentlichen Wettbewerbsbeiträge werden ja nicht live vor Publikum getanzt, sondern vor der Kamera. Macht das für einen Tänzer einen Unterschied?

Alfonso: Manche Tänzer machen das auch vor Publikum. Aber das macht keinen Unterschied. Als Tänzer lernt man, weiter zu blicken. Wenn du übst und du hast einen Spiegel vor dir, guckst du weiter als in den Spiegel. Wenn ich dir jetzt in die Augen schauen würde, würde ich dich nicht sehen. Ich würde vielleicht die Leute hinter dir sehen.

Wird es Side by Side auch in den kommenden Jahren geben?

Alfonso: Auf jeden Fall. Wir haben eine Förderung für drei Jahre zugesichert bekommen.

Welche Wünsche hast Du für die Zukunft des Festivals?

Alfonso: Mein Wunsch ist, dass wir mit den Künstlern, die mit uns die Live-Performance machen, um sich vorzustellen, auf Tournee gehen. Das kann vielleicht auch erstmal regional anfangen und dann peu à peu größer werden. Ich denke, dass wir das nächstes Jahr schaffen, dieses Jahr waren wir bereits in Oslo eingeladen.

Wie konkret ist das schon?

Alfonso: Auch das ist eine Sache der Entwicklung. Wir planen und hoffen jedenfalls, für die kommenden Jahre weitere Locations in Deutschland und anderswo als Partner zu gewinnen.

news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • dudei
  • Kommentar 1
  • 14.11.2009 20:38
 

Ich bin der festen Überzeugung, dass Tanz die beste Körpersprache ist und eine Brücke zwischen Menschen baut, wenn ich z. B. mit einem Menschen tanze, kann ich feststellen, ob er offen, ehrlich, empfindsam ist. Tanzen ist für mich das Gleiten der Seele nach außen. Natürlich hat jeder seine Art und weise und das ist gut so! Ich bin auch total happy, dass Wenders ein Film über Pina dreht.

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