Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Jamie Cullum ist 30 geworden. Zeit für den quirligen Briten, sich nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Im Gespräch mit news.de philosophiert er über Mischkassetten und erklärt, warum es ganz und gar nicht faul ist, Stücke zu covern.
Herr Cullum, wenn Sie kein Musiker wären, was wären Sie dann geworden?
Jamie Cullum: Ich denke, dann wäre ich Schriftsteller geworden. Ich war ein guter Schüler und ich konnte gut schreiben. Für meinen Universitätsabschluss habe ich Literatur studiert, ich habe viele Geschichten geschrieben, interessiere mich für Filme. Also vielleicht wäre ich Romanschriftsteller geworden oder Journalist oder Drehbuchautor – auf jeden Fall würde ich etwas Kreatives machen.
Was würden Sie an einem Tag ohne Musik machen?
Cullum: Ähm, dann würde ich ein bißchen verrückt werden. Ich habe Musik zwar nicht studiert, aber ich spiele und lebe Musik jeden Tag meines Lebens.
Wäre es für Sie eine Beleidung, Ihre Musik populären Jazz zu nennen?
Cullum: Nein. Ich denke, man kann meine Musik vieles nennen, aber es ist nicht meine Aufgabe, das zu definieren. Ich bin Jazzmusiker, ich habe immer viel Jazz gespielt und ich kenne diese Musik. Aber ich bin auch mit Popmusik, Soul und Hip Hop aufgewachsen. Ich versuche alles zusammenzubringen, was mir gefällt und das ist ein Mix aus Pop und Jazz.
Ärgert es Sie, wenn Ihnen Jazzmusiker vorwerfen, dass Sie mit Popmusik flirten?
Cullum: Ach, das sehe ich nicht als Beleidigung. Es wäre natürlich was anderes, wenn es meine Absicht wäre, reine Jazzmusik zu machen. Dann wäre ich sicher beunruhigt. Aber ich habe immer diese interessante Hybridmusik gemacht und deshalb würde ich sagen, diese Jazzmusiker haben Recht (lacht).
Wie schaffen Sie es, junge Menschen für Jazz zu begeistern?
Cullum: Wahrscheinlich, weil ich meine Songs mit modernen Elementen, die junge Menschen verstehen, mische: Beats, die im Pop, Hip Hop oder Rock geläufig sind, oder auch Alltagsbezüge in meinen Texten. Daran können sich die Hörer festhalten und sind dann auch bereit für Klänge, die ihnen erst einmal nicht so vertraut erscheinen.
Der Titel Ihres neuen Albums ist The Pursuit und es heißt, Sie haben ihn der Novelle The Pursuit of Love von Nancy Mitfort entlehnt.
Cullum: Ja, da ist ein Körnchen Wahrheit dran.
Was ist denn dieses Körnchen?
Cullum: The Pursuit ( zu deutsch: Jagd, Streben) bezieht sich auf viele Dinge. Auf ein Buch, das ich gut kenne und sehr mag. Aber es hat auch etwas damit zu tun, dass ich gerade 30 geworden bin. Dann analysiert man viel: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Und der ganze Kram, der einen mit 30 so beschäftigt. The Pursuit erinnert mich daran, dass das Leben eine Reise ist. Ich denke, wir halten uns viel zu sehr mit dem Ziel auf und sollten den Weg dahin mehr geniessen.
Auf dem neuen Album haben Sie mit der Count-Basie-Big-Band gespielt. Sie mussten bestimmt ziemlich laut dagegen ansingen, oder?
Cullum: (lacht) Ich werde Ihnen eine interessante Geschichte dazu erzählen: Ich hatte bis dahin noch nie mit dieser Band gespielt. Bei der Aufnahme zum ersten Song des Albums Just One of Those Things saß ich auf dem Klavierhocker und in den ersten zwei Minuten gibt es nur etwas Piano, Schlagzeug und meine Stimme. Als dann plötzlich die ganze Bigband einsetzte, hätte es mich fast von meinem Hocker gefegt, so laut und stark war der Sound. Das war unglaublich.
Es heißt, als Kind waren Sie sehr schüchtern. Davon merkt man aber überhaupt nichts, wenn Sie auf der Bühen stehen.
Cullum: Nein, das stimmt. Durch die Musik bin ich aus mir heraus gekommen. Musik war meine Rettung, als ich ein ziemlich schräger Teenager war. Da habe ich angefangen, Gitarre und Klavier zu spielen.
Gibt es ein Konzept für die Reihenfolge der Songs auf dem neuen Album?
Cullum: Ja, Sound und Stil sollen sich mit jedem Song mehr entfalten. Ich wollte, dass es ein Gesamtwerk wird und nicht nur eine Aneinanderreihung von Songs. Ich hoffe, die Hörer klicken nicht nur zu ihren Lieblingsliedern, sondern hören sich das Album als Ganzes an.
Komponieren Sie die Songs so, dass Sie sich sagen: «Oh, ich brauche unbedingt noch einen Openersong»?
Cullum: Nein, überhaupt nicht. Ich habe jeden Song für sich geschrieben und bei den Aufnahmen entscheide ich, wie die Stücke am Besten zusammenpassen.
Wieso haben Sie One of Those Things als Opener gewählt?
Cullum: Das Stück ist der Kern, aus dem all die anderen Songs wachsen. Die Kreativität, die darin steckt, ist eine Art Manifest des Albums.
In Mixtape singen Sie «I'll make you a mixtape that's a blueprint of my soul». Was wäre denn auf so einem Mixtape drauf?
Cullum: Also, wenn ich Mixtapes gemacht habe, zum Beispiel, wenn ich ein Mädchen beeindrucken wollte, dann habe ich versucht, mit den Songs meine Absichten klarzumachen. Also habe ich Lieder ausgewählt, die ihr sagen sollten, was ich fühle. Als Teenager habe ich das oft gemacht.
Heute auch noch?
Cullum: Ja, klar. Für Freunde. Ich habe einen guten Freund, der mir ständig Tapes macht. Ich liebe es, zu hören, welche Musik anderen gefällt.
Dieser Freund heißt Duncun, stimmt's? Ich habe Ihre Danksagung an ihn auf dem Booklet der neuen CD gelesen, da steht, er mache «the finest mixtapes known to man».
Cullum: Oh, phantastisch! Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht. Ja, er ist einer meiner besten Freunde. Er macht fabelhafte Mixtapes: Er verbringt Stunden damit, seltene Stücke aufzustöbern.
Machen Sie denn selbst überhaupt noch Mischkassetten oder brennen Sie nicht doch MP3s auf CD?
Cullum: Naja, heute brennen ich CDs, muss ich zugeben. Aber mit dem Song Mixtape wollte ich ausdrücken, was für eine romantische Idee es ist, den Kassettenrekorder vom Dachboden zu holen, und eine altmodische Mischkassette zu machen. Aber ich bin auch ein Technikfreak, wenn es um Musik geht.
Covern Sie deshalb so gerne Songs, weil Sie Mixtapes mögen?
Cullum: Nein, Stücke zu covern ist Teil der Jazztradition.
Manch einer könnte sagen, dass es eine größere Herausforderung wäre, eigene Stücke zu schreiben.
Cullum: Diese Menschen haben dann keine Ahnung von der Kunstform Jazz. Diese Tradition geht zurück bis zu Louis Armstrong und seiner Version von Summertime. Es ist sehr viel schwieriger, einen Song gut zu covern und ihm eine eigene Persönlichkeit zu geben, als selbst etwas zu schreiben. Mein Ziel ist es, eine Coverversion klingen zu lassen, als wäre es mein Song.
Wählen Sie Songs wie Rihannas Don't Stop the Music oder Jeff Buckleys Lover you Should Have Come Over, weil die Ihnen auch privat etwas bedeuten?
Cullum: Ja, mein Musikgeschmack ist sehr facettenreich: Von Grizzly Bear zu Jay-Z. zu Louis Armstrong, Rihanna, Mozart, Bob Dylan, Ben Harper, Jazzanova.
Einige der Songs haben Sie in Ihrer Küche aufgenommen. Sie haben wohl eine sehr große Küche?
Cullum: Nein, die ist ganz klein. Da steht ein Klavier drin, dann werden ein paar Mikrofone aufgestellt und los geht’s. Aber heute braucht man für Aufnahmen nicht mehr viel Platz.
Wieso haben Sie dort aufgenommen? Was ist das Besondere an Ihrer Küche?
Cullum: Sie hat eine gute Akustik und das Beste ist: Überall ist Essen griffbereit.