«Die Bigband hat mich vom Hocker gefegt»
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Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Artikel vom 13.11.2009
Jamie Cullum ist 30 geworden. Zeit für den quirligen Briten, sich nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Im Gespräch mit news.de philosophiert er über Mischkassetten und erklärt, warum es ganz und gar nicht faul ist, Stücke zu covern.
Herr Cullum, wenn Sie kein Musiker wären, was wären Sie dann geworden?
Jamie Cullum: Ich denke, dann wäre ich Schriftsteller geworden. Ich war ein guter Schüler und ich konnte gut schreiben. Für meinen Universitätsabschluss habe ich Literatur studiert, ich habe viele Geschichten geschrieben, interessiere mich für Filme. Also vielleicht wäre ich Romanschriftsteller geworden oder Journalist oder Drehbuchautor – auf jeden Fall würde ich etwas Kreatives machen.
Was würden Sie an einem Tag ohne Musik machen?
Cullum: Ähm, dann würde ich ein bißchen verrückt werden. Ich habe Musik zwar nicht studiert, aber ich spiele und lebe Musik jeden Tag meines Lebens.
Wäre es für Sie eine Beleidung, Ihre Musik populären Jazz zu nennen?
Cullum: Nein. Ich denke, man kann meine Musik vieles nennen, aber es ist nicht meine Aufgabe, das zu definieren. Ich bin Jazzmusiker, ich habe immer viel Jazz gespielt und ich kenne diese Musik. Aber ich bin auch mit Popmusik, Soul und Hip Hop aufgewachsen. Ich versuche alles zusammenzubringen, was mir gefällt und das ist ein Mix aus Pop und Jazz.
Ärgert es Sie, wenn Ihnen Jazzmusiker vorwerfen, dass Sie mit Popmusik flirten?
Cullum: Ach, das sehe ich nicht als Beleidigung. Es wäre natürlich was anderes, wenn es meine Absicht wäre, reine Jazzmusik zu machen. Dann wäre ich sicher beunruhigt. Aber ich habe immer diese interessante Hybridmusik gemacht und deshalb würde ich sagen, diese Jazzmusiker haben Recht (lacht).
Wie schaffen Sie es, junge Menschen für Jazz zu begeistern?
Cullum: Wahrscheinlich, weil ich meine Songs mit modernen Elementen, die junge Menschen verstehen, mische: Beats, die im Pop, Hip Hop oder Rock geläufig sind, oder auch Alltagsbezüge in meinen Texten. Daran können sich die Hörer festhalten und sind dann auch bereit für Klänge, die ihnen erst einmal nicht so vertraut erscheinen.
Der Titel Ihres neuen Albums ist The Pursuit und es heißt, Sie haben ihn der Novelle The Pursuit of Love von Nancy Mitfort entlehnt.
Cullum: Ja, da ist ein Körnchen Wahrheit dran.
Was ist denn dieses Körnchen?
Cullum: The Pursuit ( zu deutsch: Jagd, Streben) bezieht sich auf viele Dinge. Auf ein Buch, das ich gut kenne und sehr mag. Aber es hat auch etwas damit zu tun, dass ich gerade 30 geworden bin. Dann analysiert man viel: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Und der ganze Kram, der einen mit 30 so beschäftigt. The Pursuit erinnert mich daran, dass das Leben eine Reise ist. Ich denke, wir halten uns viel zu sehr mit dem Ziel auf und sollten den Weg dahin mehr geniessen.
Auf dem neuen Album haben Sie mit der Count-Basie-Big-Band gespielt. Sie mussten bestimmt ziemlich laut dagegen ansingen, oder?
Cullum: (lacht) Ich werde Ihnen eine interessante Geschichte dazu erzählen: Ich hatte bis dahin noch nie mit dieser Band gespielt. Bei der Aufnahme zum ersten Song des Albums Just One of Those Things saß ich auf dem Klavierhocker und in den ersten zwei Minuten gibt es nur etwas Piano, Schlagzeug und meine Stimme. Als dann plötzlich die ganze Bigband einsetzte, hätte es mich fast von meinem Hocker gefegt, so laut und stark war der Sound. Das war unglaublich.
Es heißt, als Kind waren Sie sehr schüchtern. Davon merkt man aber überhaupt nichts, wenn Sie auf der Bühen stehen.
Cullum: Nein, das stimmt. Durch die Musik bin ich aus mir heraus gekommen. Musik war meine Rettung, als ich ein ziemlich schräger Teenager war. Da habe ich angefangen, Gitarre und Klavier zu spielen.
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