Rumpelstielzchen am Piano
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Jamie Cullum wirbelt in seinem neuen Album The Pursuit die Stile wild durcheinander und klingt dabei wunderbar lässig. Auch vor Rihanna macht er nicht Halt und verjazzt ihren Großraumdisko-Hit Don't Stop the music.
Holz splittert. Tasten fliegen. Saiten sirren durch die Luft. Ein Klavier explodiert auf dem Cover von Jamie Cullums neuem Album The Pursuit. Cullum selbst steht, adrett im Anzug, daneben und verzieht keine Miene, während Holzsplitter auf ihn niederprasseln.
In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt, wenn der Brite auf der Bühne steht: Das Klavier ruht und Cullum explodiert. Wie Rumpelstilzchen bearbeitet er die Tasten, springt auf den Flügel und tut auch sonst eine Menge Dinge, die man von einem Jazzmusiker nicht erwartet. Aber das muss er auch nicht und ein klassischer Jazzer ist er ohnehin nicht. Jamie Cullum mixt, was ihm gefällt: Pop mit Jazz mit HipHop mit Swing mit House mit Rock.
Auf seiner neuen Platte, die nach vierjähriger Pause heute erscheint, frönt Cullum seiner Lust am wilden Stilmix mehr denn je und das klingt nicht etwa nach chaotischem Brei, sondern ausgesprochen lässig. Absolutes Highlight der Platte ist eine großartige Coverversion von Rihannas Großraumdisko-Hit Don't Stop the Music. Cullum macht aus dem Partykracher eine sehr coole, fast schon melancholische Jazznummer.
Hat man bei Rihanna eine vollgepackte Tanzfläche vor Augen, konzentriert sich Cullum auf den prickelnden Moment der Begegnung. «This is a private show», schnurrt seine knarzende Stimme, darunter ein mit dem Besen touchiertes Schlagzeug, Pianoklänge purzeln dazwischen. Mädels, Vorsicht: Dieses Stück macht süchtig wie ein ordentliches Stück Schokoladensahnetorte.
Eine Stimme wie Mahagoniholz
Die Jazz- und Swingstücke sind die stärksten der Platte. Hervor stechen Songs, in denen Cullums raspelige Stimme voll zur Geltung kommt. Eine Stimme wie Mahagoniholz mit wilder Maserung, deren Facetten Cullum lässig auszureizen weiß.
In Music Is Through mixt der quirlige Brite House mit Jazz. Ein Song, der passt, wenn man morgens um vier, völlig betrunken und mit brennenden Augen auf der Tanzfläche schwelgt und weiß, man sollte eigentlich heim gehen, aber es ist doch noch zu schön und hey, «I got your number».
Elektronoise streut Cullum in We run things ein, der klingt, als stünde man vor einer Ruhrgebiets-Disse, aus der die Technomucke bis auf die Straße wummert. Eigentlich keine schlechte Idee, aber hier ist die Mischung einfach zu seicht geraten.
Als Tanzflächenfüller eignet sich You and Me are Gone ohnehin viel besser. Handclaps und ein in tiefer Tonlage trabendes Klavier scheinen zu rufen: Achtung, jetzt kann getanzt werden! Cullum fegt durch den Song, wirft immer mal wieder ein «dapdudap» ein, befeuert von Stöckchengeklöppel und einem entfesseltem Piano – bestens geeignet, um abgegebene Magisterabeiten oder Jobzusagen zu feiern.
Ein Song wie eine verrauchte Bar
Melancholiker dürften sich von I think I Love verstanden fühlen: Ein Barpiano plätschert vor sich hin, dazu kann man sich mühelos in eine dunkle Bar denken, in der sich Zigarettenrauch kringelt und schwermütige Gestalten mit starken Drinks vor sich hingrübeln. Das Liebeslied beschert uns außerdem die wunderbare Zeile «you drank too much wine and threw up in a taxi cab on the way home». Ob sich damit wohl seine Verlobte Sophie Dahl, Model, Schriftstellerin und Enkelin des Autors von Charlie und die Schokoladenfabrik, angesprochen fühlt? Das Album hat jedenfalls eine Menge Liebeserklärungen für Miss Dahl zu bieten.
In Mixtape besingt Cullum seine Gewohnheit, Mixtapes für Mädchen, die er mag, zu machen: «I'll make you a mixtape that's a blueprint of my soul». Laut Text ist darauf eine wilde Mischung zu finden, von Nine Inch Nails bis Louis Armstrong. Bei einem derart eklektischen Musikgeschmack ist es kein Wunder, dass Jamie Cullum auch für seine eigenen Stücke gern tief aus den Genres schöpft. Und es überrascht auch keinen mehr, dass er Teile des Albums einfach in seiner Küche aufgenommen hat – weil die Akustik gut ist. Und weil das Essen gleich griffbereit ist.
Interpret: Jamie Cullum
Titel: The Pursuit
Plattenfirma: Universal
Spielzeit: 52 Minuten
Erscheinungsdatum: 20. November 2009
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