Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Leona Lewis, Gewinnerin der britischen Castingshow The X Factor, legt ihr zweites Album Echo vor, produziert mit der prominenten Unterstützung von Hitschreibern wie Justin Timberlake oder Ryan Tedder von One Republic. Und die Platte funktioniert. Man muss nur an etwas ganz Bestimmtes denken.
Leona Lewis wird oft, und noch öfter zu Unrecht, mit Mariah Carey verglichen, was eigentlich nur dann ein Problem wäre, wenn denn tatsächlich Verwechslungsgefahr bestünde zwischen der 39-jährigen Diva und dem 24-jährigen Pop-Sternchen. Also zunächst die Checkliste der Unterschiede abgehakt: Stil: Check. Stimme: Check. Erfolg: Check.
Es gäbe da, auf der anderen Seite, natürlich Gemeinsamkeiten. Doch wer heute noch ernsthaft mit modischen Argumenten popkulturelle Epigonen konstruiert, hat lange schon kein Klatschmagazin mehr durchgeblättert. Und wer glaubt, schon die Tatsache, dass zwei Frauen mit Migrationshintergrund, wie man in Deutschland wohl sagen würde, Karriere machen – Maria Carey stammt aus afro-venezolanisch-irischem, Leona Lewis aus karibisch-walisischem Elternhaus – vereine die beiden in trauter Schwesterlichkeit ... Schwamm drüber.
Dass Carey und Lewis selbst nichts von solchen Vergleichen hören wollen, wundert indes nicht, dürfte die mit dutzenden von Preisen ausgezeichnete, aber nicht immer frei von Komplexen scheinende Carey sich doch ernsthafter Konkurrenz ausgesetzt fühlen und der aufstrebenden Lewis trotz solider Kritiken die Trauben einer der erfolgreichsten Musikerinnen der Gegenwart doch etwas zu hoch hängen.
Züchtig-erotisches Image
Konzentrieren wir uns also auf das, was wichtig ist, die Musik. Drei Jahre nach dem Gewinn der britischen Castingshow The X Factor und zwei Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debüts Spirit legt Leona Lewis ihr zweites Album nach: Echo. Vom Cover blickt Lewis selbst, die Lippen rot geschminkt, den Mund lasziv geöffnet und die langen Haare nass nach hinten gekämmt – züchtig-erotisch, diesen Begriff könnte man prägen für die bisher skandalfreie Sängerin aus London. Der Inhalt: 13 Stücke mit 52 Minunten Laufzeit.
Eine Hoffnung, soviel sei bereits verraten, erfüllt Lewis mit diesem Album: Der Titel ist nicht programmatisch, eine Wiederholung des drögen Debüts haben ihre Produzenten nicht gewagt. Kein Melodiedebakel wie bei Bleeding Love, kein uninspirierter Fließband-Pop wie bei The Best You Never Had, kein Scheitern selbst an der niedrigsten R&B-Latte wie bei I'm You.
Zunächst also das Positive: Echo ist ein konsequent durchgestyltes Album, die PR-Abteilung der Plattenfirma preist große Emotionen und mitreißende epische Melodien, und sie hat durchaus Recht damit. Die Platte ist auf Gänsehaut gebürstet, auf das große Gefühl, «ich wollte, dass die Songs dramatisch, fast schon filmartig sind», sagt Lewis selbst und trifft den Charakter der Kompositionen damit schon ziemlich gut.
Dabei aber haben die Produzenten und Co-Autoren wie Justin Timberlake, Ryan Tedder (One Republic) oder E. Kidd Bogart (Ashley Tisdale, Britney Spears, Beyoncé) leider vergessen, dass Gänsehaut eben nur oberflächlich ist. Bei aller offensichtlichen Mühe, die in einige der Kompositionen gesteckt wurde – ein wenig 1001 Nacht in Brave, reichlich Dancefloor in Outta My Head, der Versuch des Purismus in My Hands – bleibt der Gesamteindruck doch glatt und überprofessionell.
Das Management geht auf Nummer sicher
Befänden wir uns noch im Jahr 2007 mit einer Leona Lewis, die gerade eben noch als Kellnerin bei einer Fast-Food-Kette gearbeitet hat, das Album wäre eine handfeste Überraschung. Doch die Welt hat sich weitergedreht, auch die musikalische. Leona Lewis aber steckt fest, sowohl in Bezug auf ihre stimmlichen Möglichkeiten als auch in Bezug auf den Mut ihre Managements. Das hat es vorgezogen, auf Nummer sicher zu gehen.
Das ist nicht verwerflich und in seinen besten Momenten funktioniert Echo denn auch, wie es soll, und das ist schon mehr, als von vielen anderen Musikern derzeit geboten wird. Man muss nicht ergriffen und überwältigt sein von dieser Musik, wie Leona Lewis ihre eigene Reaktion beschreibt, Stücke wie Can't Breathe, eine mit sattem 80er-Beat unterlegte Liebeskummernummer, Up-Tempo-Stücke wie Love Letter und Naked oder das fast schon überdosiert pathetische Stop Crying Your Heart Out lassen sich durchaus einfach gut hören, ein bisschen Rührung inbegriffen.
Bis das Licht eines erloschenen Sterns auf der Erde angekommen ist, dauert es seine Zeit, und der von Mariah Carey mag zwar nicht mehr die Strahlkraft besitzen wie noch zu Beginn der 90er Jahre. Hier unten aber, da erscheint er noch konkurrenzlos hell. Ernsthafte Vergleiche mit der Pop-Diva dürften daher spätestens nach dieser Platte der Vergangenheit angehören.
Doch Echo funkioniert. Es ist ein gutes Album. Denken Sie einfach an eine singende Kellnerin.
Interpret: Leona Lewis
Titel: Echo
Plattenfirma: Sony
Spielzeit: 52 Minuten
Erscheinungsdatum: 13. November 2009