Von news.de-Redakteur Christian Vock
Das Leben ist nicht immer eitel Sonnenschein. Diese banale Erkenntnis gilt nicht nur in der Realität, sondern eben auch in der Fiktion, bieten doch gerade die Schattenseiten den Stoff für spannende Geschichten. So wie in den heutigen Buchtipps.
Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro
Bunny Munro besticht durch zwei Dinge: Er ist Kosmetikvetreter und er ist, hier möge der zartere Leser bitte verzeihen, ein Arschloch. Dezenter kann man es kaum umschreiben. Er ist den Drogen mehr als nicht abgeneigt, steigt jedem Frauenrock hinterher und behandelt seine Familie respektlos. Als sich seine Frau wegen seiner ausschweifenden Lebensführung das Leben nimmt, trifft ihn die Realität mit aller Wucht. Jetzt steht er da mit seinem Sohn, Bunny Junior, und dessen nicht enden wollender Lidrandentzündung. Kurzerhand nimmt er den Kleinen mit auf seine Vertretertour entlang der Südküste Englands.
Der australische Popstar Nick Cave legt mit Der Tod des Bunny Munro seinen zweiten Roman vor, der nun mit seinem ehemaligen Bandkollegen Blixa Bargeld, auch als Hörbuch vertont wurde. So wie sein Held bei der Moral keine Grenzen kennt, so grenzenlos ist die Sprache, in der Cave seinen Helden präsentiert. Selbst auf der Beerdigung seiner Frau ist Bunny Munro schon bei seinen nächsten tristen, sexuellen Gedankenspielen, als er die weiblichen Trauergäste auf ihre «Qualitäten» überprüft: «Er lässt seiner Fantasie freien Lauf und merkt zum x-ten Mal, dass er keine hat und stellt sich einfach nur ihre Vagina vor.» Unverblümt, sexuell explizit und schockierend realistisch zeichnet Cave das Bild eines Mannes, der auf dem Boden der Moral herumkriecht und schafft gleichzeitig eine Gesellschaftssatire auf das England von heute, authentisch vorgelesen von Blixa Bargeld.
Titel: Der Tod des Bunny Munro
Autor: Nick Cave
Hörbuch, gekürzte Lesung von Blixa Bargeld
6 Cds
Der Hörverlag
Preis: 24,95 Euro
Tracey Emin: Strangeland
Künstler, egal welcher Sorte, sehen sich selbst gerne als unverwechselbar. Das mag für die meisten auch sicher zutreffen, für eine aber ganz besonders: Tracey Emin. Die englische Künstlerin, neben Damien Hirst eine der bekanntesten Vertreterinnen der Young British Artists, bezeichnet ihr auf den ersten Blick befremdlich, weil sehr explizit, wirkendes Schaffen als «autobriografische Kunst». Einblick in dieses Leben gibt die Künstlerin mit ihrer Autobiografie Strangeland. Die Tochter einer Britin und eines zypriotisch-türkischen Vaters wächst zusammen mit ihrem Zwillingsbruder in dem heruntergekommenen Küstennest Margate auf. Drogen, Sex und Angst bestimmen ihre Jugend, die man optimistisch formuliert als hart bezeichnen würde. Doch bei all dieser Härte, die sie in Strangeland ganz ohne falsche Scham und fast schon exhibitionistisch beschreibt, hat es Emin geschafft, ihren Weg in die Kunstszene Londons zu finden und dorthin, wo sie nun steht. Wer Tracey Emin und ihre Kunst verstehen will, der kommt an Strangeland nicht vorbei.
Titel: Strangeland
Autorin: Tracey Emin
Blumenbar Verlag
Gebunden, 240 Seiten
Preis: 17,90 Euro
Barbara Vine: Das Geburtstagsgeschenk
Ivor Tesham ist ein Mann, der es ganz offensichtlich geschafft hat. Er hat die besten Schulen Englands besucht, stammt aus vermögendem Haus und seine Politikerlaufbahn hat ihn bis kurz vor die Türen des britischen Verteidigungsministeriums geführt. Es könnte nicht besser laufen für ihn. Doch als er seiner Geliebten, einer verheirateten Frau, ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk machen will, geht plötzlich alles schief. Von einem Tag auf den anderen lebt der Bilderbuchmann in ständiger Angst vor einem Medienskandal. Barbara Vine, geboren 1930 ist eine Kennerin der britischen Politikszene, wurde sie selbst doch von Tony Blair ins House of Lords berufen. Dieses Wissen spielt sie in Das Geburtstagsgeschenk voll aus, indem sie ihre zweite große Stärke einsetzt: ihre Beobachtungsgabe. Sie versteht es wie keine zweite, Menschentypen zu beschreiben und zwar über alle Klassengrenzen hinaus. Doch statt ihre Figuren einfach in Schubladen zu stecken, lässt sie ihnen ihre Individualität, lässt den Leser verstehen, warum sie so sind, wie sie sind. Mit den Mitteln der Selbst- und Fremdabgrenzung malt sie ein Bild der englischen High Society, verpackt in eine spannende Geschichte. Dies macht sie zwar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, doch an den pikanten Stellen des Romans lässt Vine nie einen Zweifel daran, auf welcher Seite der Moral sie steht. Ein spannender und in präziser und unaufgeregter Sprache gehaltener Roman einer Autorin, die es unbedingt zu entdecken gilt.
Titel: Das Geburtstagsgeschenk
Autorin: Barbara Vine
Gebunden, 379 Seiten
Diogenes Verlag
Preis: 22,90 Euro