Von news.de-Redakteur Torben Waleczek
Qualität gibt es nur in der Zeitung, predigt FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher vor Leipziger Journalistik-Studenten – und spricht ein vernichtendes Urteil über den Online-Journalismus. Ein Ortstermin.
Um zu ermessen, wie schwer die Krise den deutschen Qualitätsjournalismus getroffen hat, genügt ein Blick auf den Stellenmarkt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Vor einigen Jahren noch war jener Teil der FAZ, in dem Unternehmen und Hochschulen ihr Spitzenpersonal rekrutieren, über 100 Seiten stark. Heute sind es oft nur noch 30 Seiten, wenn es schlecht läuft bloß 20. Dem Zentralorgan der konservativen Intelligenz bricht damit ein großer Teil seiner Werbeeinnahmen weg.
Bei manchen Leuten in der Branche provoziert dieser Negativtrend heftige Trotzreaktionen. Eines dieser Rückzugsgefechte lässt sich am Mittwochabend in Leipzig beobachten. Im Zeitgeschichtlichen Forum spricht der FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher vor Journalistikstudenten über die Unverzichtbarkeit seiner Zeitung. «Ohne Printmedien, die Qualitätsjournalismus pflegen, gibt es keine politisch relevante Öffentlichkeit», sagt er. Nonnenmacher, ein jovialer Mann von 61 Jahren, der sich mit einer Arbeit über die politische Philosophie des 17. Jahrhunderts habilitiert hat, demonstriert das Selbstbewusstsein jener journalistischen Klasse, die sich trotz vieler Krisensymptome noch immer für das Maß aller Dinge hält. Mit größter Strenge geht der FAZ-Mann ins Gericht mit dem seichten Rest.
Radio? Hintergrundrauschen und Infotainment.
TV? Viel Unterhaltung, Anspruchsvolles nur nach Mitternacht.
Und dann erst das Internet: Qualitätsjournalismus – Fehlanzeige!
Zumal der User an so etwas ohnehin bloß marginal interessiert sei: Nur 16 Prozent aller Internetnutzer lesen laut Nonnenmacher politische Nachrichten im Netz – der Taum von einer breiten Demokratisierung der Öffentlichkeit ist für den FAZ-Herausgeber eine Chimäre: «Die Vision einer im Internet mit sich selbst kommunizierenden Bürgergesellschaft halte ich für eine Fiktion», sagt Nonnenmacher – und präsentiert einige sehr ernüchternde Zugriffszahlen des hauseigenen Online-Portals faz.net. Mit Fotostrecken generiert die Seite mehr Klicks als mit einzelnen Artikeln, 50 Prozent der Besucher verweilen auf dem Portal für weniger als zehn Sekunden. Viele User suchen im Netz offenbar nur den schnellen Überblick, ohne sich vertieft mit einem Thema beschäftigen zu wollen, schlussfolgert Nonnnenmacher.
Auch bei den ökonomischen Perspektiven des Online-Journalismus gibt sich das Print-Urgestein pessimistisch: «Faz.net ist kein Standbein im Geschäftsmodell unseres Verlages.» Nachrichten im Netz produzieren aus der Sicht von Günther Nonnenmacher vor allem eines: finanzielle Defizite.
Vielleicht ist diese Häme gegenüber den neuen Medien Ausdruck einer tiefen Ratlosigkeit angesichts der Probleme im eigenen Haus. Nonnenmacher selbst bilanziert die desolate Lage der Qualitätstageszeitung: massive Anzeigeneinbrüche nach dem Platzen der New-Economy-Blase und nun wieder im Zuge der weltweiten Krise, dazu ein schleichender Auflagenschwund. Die FAZ sah sich jüngst erst gezwungen, einen Teil ihrer Marke zu opfern: Seit zwei Jahren erscheint die Zeitung mit einem Bild auf der Titelseite und verzichtet auf die altertümliche Frakturschrift. Der Auflagenrückgang konnte damit vorerst gestoppt werden, sagt Nonnenmacher. Doch werden solche Relaunches dem Siechtum dauerhaft Einhalt gebieten? Wie kann eine überregionale Zeitung mit einem weltweiten Korrespondentennetz finanziell tragfähig bleiben?
Was zu tun ist, damit die auf Papier gedruckte Qualitätszeitung überlebt, darauf weiß auch der FAZ-Journalist keine Antwort. Nach einer zweistündigen Lektion in Sachen Kulturpessimismus entlässt Nonnenmacher, der den Herbst seiner Karriere inzwischen erreicht hat, die Leipziger Nachwuchsjournalisten mit vielen offenen Fragen.
Der Vortrag von Günther Nonnenmacher war der Auftakt zu einer Ringvorlesung der Leipziger Universität. Es folgen Termine mit Rüdiger Ditz, Chefredakteur bei Spiegel Online (25.11.), Peter Matthias Gaede, Chefredakteur von Geo (9.12.), Georg Mascolo, Chefredakteur des Spiegel (13.1.2010), dem Verleger Konstantin Neven DuMont (20.1.2010) und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (angefragt, Februar 2010).
bla/news.de
@ Chat Atkins Schöner kann man es nicht sagen. Wir lesen nur noch die Kommentare, nachdem wir den angepaßten Qualitätstext kurz überflogen haben.
jetzt antwortenKommentar meldenEs ist völlig unerheblich, ob sich jemand auf dem Papier oder auf dem Flatscreen äußert: Der Text ist immer das Entscheidende ... Und wenn die 'Verweildauer' zu kurz ist, dann war der Text wohl langweilig. Auch das ist keine Eigenschaft von 'Online', sondern ein Resultat der Fähigkeiten des Schreibers.
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