Von Britta Gürke, Frederik Obermaier und Andreas Heimann
Wenn einer wie Hans Magnus Enzensberger 80 wird, mag ihm das selbst nicht gefallen, Deutschland aber horcht auf. So wie es das immer tut, wenn der Intellektuelle in der Öffentlichkeit auftaucht. Auf seine Meinung hört die Republik.
Hans Magnus Enzensberger will nicht darüber reden, aber er kann auch nichts dagegen tun: Heute wird der Literat 80 Jahre alt, auch wenn er nichts von Geburtstagen halte, wie er einmal verriet. Er werde zu seinem Wiegenfest «gar keine Interviews» geben, ließ er mitteilen. Dabei hätte er viel zu erzählen: Seit der Veröffentlichung seines Debüts Verteidigung der Wölfe vor 52 Jahren hat der preisgekrönte Schriftsteller die literarische und intellektuelle Diskussion in der Bundesrepublik entscheidend mitbestimmt.
Enzensberger kam am 11. November 1929 als Sohn eines Postbeamten im Allgäu zur Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Dolmetscher und Barmann der Royal Air Force, später als Radioredakteur, Dramatiker, Lektor und Dozent. Heute gibt es kaum ein literarisches Genre, in dem Enzensberger sich noch nicht versucht hätte. Meist waren diese Versuche von Erfolg gekrönt. Bekannt wurde er vor allem als Lyriker und mit seinen Essays. Geschrieben hat das Mitglied der Gruppe 47 aber auch Romane.
Eine Reihe älterer Texte des Schriftstellers hat der Suhrkamp-Verlag nun in zwei interessanten Bänden versammelt. Scharmützel und Scholien heißt der eine, ein Mammutwerk von mehr als 900 Seiten, darunter viele bisher unveröffentlichte Essays und Rezensionen. Sie beweisen zum einen, wie breit Enzensbergers Interesse an Literatur ist und wie intensiv er sich mit anderen Autoren beschäftigt hat: Über Clemens Brentano hat er ebenso geschrieben wie über Heinrich Böll, Pablo Neruda oder Erich Fried. Zum anderen zeigen die Texte, wie wenig Enzensberger Zeitgeist-Autor war und ist: Gerade viele seiner literaturtheoretischen Überlegungen wirken kein bisschen vorgestrig, auch nach Jahrzehnten nicht.
Im Gegenteil, Arbeiten wie Die Nebenwirkungen kennt nur der Apotheker, in der Enzensberger der Frage nachgeht, wie es um das Verhältnis von Literatur und außerliterarischer Wirklichkeit bestellt ist, könnten auch heute sofort weiterdiskutiert werden. Dem gleichen Thema widmete sich Enzensberger in seinen Poetikvorlesungen im Wintersemester 1964/65 an der Universität Frankfurt. Der Vorlesungstext findet sich am Anfang des umfangreichen Bandes unter dem mit Ein wenig Theorie überschriebenen Abschnitt. Auch das ist typisch: Theoriefeindlichkeit war nie seine Sache. Die Poetikvorlesungen bestätigen das nachdrücklich.
Weder Moralist, noch Outsider
Enzensberger reflektiert darin über die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft und nimmt für sich in Anspruch, sich auf keine bestimmte festlegen zu lassen – weder auf die des Moralisten, noch auf die des Outsiders. Die Freiheit des Künstlers besteht für ihn gerade darin, keine solche Rolle spielen zu wollen – auch nicht die des politisch engagierten Gesellschaftskritikers. Das waren damals klare Positionen, in einer Zeit, in der von Schriftstellern oft genug erwartet wurde, im politischen Diskurs mitzumischen.
Enzensberger, Mitglied der Gruppe 47, kannte viele Autoren, die das so sahen. Und das Kursbuch, das er 1965 gründete und zehn Jahre lang herausgab, war schließlich gerade nach 1968 ein Forum für gesellschaftspolitische Diskussionen. Einiges davon scheint auch in der zweiten Neuerscheinung durch: dem Briefwechsel mit Uwe Johnson. Auch in diesem Fall macht das Lesen eher Spaß als Mühe. Privates mischt sich auf unaufdringliche Weise mit Anmerkungen zur Literatur und den politischen Auseinandersetzungen der Zeit.
Der Briefwechsel der beiden unterschiedlichen Charaktere begann im Dezember 1959, als Johnson aus der DDR nach Berlin-Friedenau gezogen war. Enzensberger bot ihm schon bald die Zusammenarbeit an einer noch zu gründenden Literaturzeitschrift an. Johnson ging ebenso schnell darauf ein. Und aus dem förmlichen «Lieber Herr Johnson» und «Lieber Herr Enzensberger» wurde nach kurzer Zeit «Lieber Uwe» und «Lieber Mang». Eine gewisse Vertrautheit deutete sich da an, trotz der Distanz schon in räumlicher Hinsicht: Enzensberger zog 1961 nach Tjøme an den Oslofjord.
Die Briefe drehten sich immer wieder um die Schwierigkeiten des gemeinsamen Zeitschriftenprojektes, für das Enzensberger auch mit anderen Autoren wie Martin Walser oder Ingeborg Bachmann korrespondierte. Aber die beiden Autoren tauschten sich auch als Kollegen aus: Enzensberger empfahl Johnson die Lektüre von Alexander Kluge oder berichtete von seiner Arbeit als Literaturübersetzer. Johnson erzählte von eigenen Buchprojekte oder von seiner Skepsis gegenüber Günter Grass. Dessen «Eifern für eine westdeutsche Partei» missfiel ihm immer mehr.
Die Distanz zwischen den beiden Briefeschreibern nahm seit Mitte der 1960er Jahre zu. Enzensberger schilderte dem inzwischen in New York lebenden Johnson von den Demonstrationen auf dem Kudamm gegen den Berliner Senat: «große teile der innenstadt sahen aus, als wäre der belagerungszustand verhängt worden», schrieb er im April 1967. Johnson hatte für die Protestbewegung kein Verständnis und verlangte von Enzensberger eine Klarstellung seiner politischen Haltung dazu: «Es scheint uns durch die Nase gedroehnt, wenn du deine Zugehörigkeit zu einer Kommune abstreitest.»
Die Auseinandersetzung der beiden Schriftsteller eskalierte an Banalitäten, an der Frage, ob Enzensbergers Frau Freunde in Johnsons Berliner Wohnung übernachten ließ zum Beispiel oder an Diskussionen über strittige Mietschulden. Der Tonfall war bisweilen ruppig. Die letzten Briefe wechselten die beiden 1975. Zu sagen hatten sie sich da schon lange nichts mehr. Schön war das nicht, lesenswert ist es noch immer.
Wortführer der Studentenbewegung
Eine Gattung hat Enzensberger je nach Wissenschaftler-Meinung sogar entwickelt, zumindest aber angemessen weitergebracht: das politische Gedicht. Auf sein literarisches Debüt folgte 1960 Museum der modernen Poesie. Mit seiner Lyrik, aber auch seinen Essays hat er mit eisiger Unerbittlichkeit das Nachkriegsbewusstsein der Gesellschaft und die Bedingungen, die dazu führten, offen gelegt. In den 1960er Jahren gehörte er zu den Wortführern der Studentenbewegung und der linken Intelligenz.
Obwohl Enzensberger für ein breites Publikum fest mit der Studentenrevolte verbunden ist, wurde er später zum schärfsten Kritiker «linker Gemütlichkeit», wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung Ende der 1980er Jahre schrieb. Heute zählt «HME», wie Enzensberger auch genannt wird, nach Meinung von Kollegen neben Günter Grass und Jürgen Habermas zu den wenigen deutschen Intellektuellen, die auch im Ausland auf Resonanz stoßen.
Auf Enzensbergers Meinung hört die Republik. Wenn der «zornige junge Mann der deutschen Literatur», wie ihn Schriftsteller-Kollege Alfred Andersch einst nannte, zitiert wird, spitzen auch die Oberen die Ohren. Meinungsbildend sei er, müssen selbst seine Kritiker zugeben. In jüngster Zeit machte der Büchner-Preisträger vor allem mit seiner Kritik aktueller Ereignisse von sich reden. Unter anderem verteidigte er 2003 als einer der wenigen deutschen Intellektuellen den von den USA forcierten Irakkrieg. Im Februar 2010 erhält er den renommierten dänischen Sonning-Preis. Die Jury lobt den Münchner als einen «Dichter und Intellektuellen, der mit Humor, Ironie und versteckter Wärme ‹Nein› zu sagen wagt».
Weiterhin schreibt Enzensberger aber auch neue Bücher. Anfang 2008 kam Hammerstein oder der Eigensinn über einen preußischen Karriere-General heraus. Der Mix aus historischen Fakten, fiktionalen Elementen und essayistischen Reflexionen wurde nicht von allen Kritikern geliebt. 2004 veröffentlichte er unter seinem Pseudonym Andreas Thalmayr das Buch Lyrik nervt! Erste Hilfe für gestresste Leser.
bla/hav/news.de/dpa