Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh
Obwohl er bereits seit über 200 Jahren tot ist, wird Friedrich Schiller immer noch gefeiert, kritisiert und instrumentalisiert. So wie es sich für einen wahren Popstar gehört. Und tatsächlich kann die heutige Popwelt von ihrem Veteran noch einiges lernen.
Friedrich Schiller wird gerne als der erste wahre Popstar bezeichnet, sozusagen als Vorgänger von Michael Jackson, Madonna, Britney Spears, Robbie Williams & Co. So scheute sich manch ein Journalist auch nicht, anlässlich der Beerdigung von Michael Jackson die weltweite Trauermanie um den King of Pop mit dem damaligen nationalen Totenkult um den Weimarer Dichter zu vergleichen.
Und es stimmt, damalige Zeitungsberichte lassen vermuten, dass sich bei der Trauerfeier in Weimar im Mai 1805 ähnliche Szenen abspielten wie im September 2009 in Los Angeles. Bei der Beerdigung des «hochberühmtem Mannes» Friedrich Schiller sei die Kirche überfüllt gewesen, viele seiner Verehrer hätten weinend vor den Toren gestanden, heißt es in den Artikeln.
Doch auch wenn Schiller wie Jackson im Stande war, Massen zu bewegen, unterscheidet sich der Dichter in einem Punkt von den Popstars unserer Epoche: Schillers Zielgruppe war zwar auch der Mainstream, aber seine Aussagen hatten einen echten Inhalt und bestanden nicht nur aus Floskeln. Schiller war vor allem ein Visionär mit Popstar-Qualitäten, der von seinen Zeitgenossen, und auch darüber hinaus, für sein Rebellentum verehrt wurde und nicht für seine Konformität. Zwar spielten bereits bei ihm Themen wie Liebe und zwischenmenschliche Probleme, auf die sich der heutige Popstar hauptsächlich beschränkt, eine große Rolle, aber es war vor allem sein Kampf für die Freiheit und gegen die autoritären Herrscher, mit dem er die Massen begeisterte.
Blickt man auf Schiller zurück, hat er alle Kriterien eines Popstars erfüllt: Ein kurzes, rebellisches Leben, Affären und der Mut, sich gegen das Establishment zu richten. Einer, der wie seine Ideen universell einsetzbar ist – unabhängig vom politischen oder wirtschaftlichen System. Einer, der die essentiellen Sehnsüchte des Menschen nach Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung verkörpert.
Exemplarisch für sein Werk steht etwa sein berühmtes Gedicht Ode an die Freude, bekannt aus der 9. Sinfonie Ludwig van Beethovens. Dort zeichnet Schiller ein Bild von einer Welt, in der alle Menschen gleichberechtigt zusammen leben – wie es im vereinten Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall sein sollte. Das dachte sich wohl auch T-Mobile und drehte aus diesem Anlass in der «Heldenstadt» Leipzig einen Werbespot mit dem Casting-Tenor Paul Potts, der zusammen mit Leipziger Bürgern Schillers Ode schmetterte – um die Grenzenfreiheit seines Angebots zu feiern.
Instrumentalisiert zu werden gehört zum Leben und Nachleben eines Popstars, das ist ein Popstar-Gesetz. Auch in dieser Hinsicht präliert Friedrich Schiller: Sei es Ende des 19. Jahrhunderts, als die Menschen einen deutschen Nationalstaat wollten und Schiller zu der Symbolfigur ihrer Bewegung stilisierten, oder als die Nationalsozialisten und die DDR versuchten, den Dichter in ihrem Sinne zu vereinnahmen – auch wenn seine Ideen zur Freiheit so gar nicht in das jeweilige Konzept passten.
So wurde etwa trotz Verehrung – Goebbels nannte Schiller den «Sänger der nationalen Revolution» – Schillers Stück Don Carlos («Sire, Geben Sie Gedankenfreiheit») sowohl von Hitler als auch von den SED-Funktionären letztlich verboten. Von den 68ern wurde Schiller wiederentdeckt und zur Freude des Feuilletons und T-Mobiles fielen Schillers 250. Geburtstag und das Jubiläum des Mauerfalls fast auf einen Tag.
Doch ein Popstar wird nicht nur verehrt und instrumentalisiert, er wird vor allem kritisiert. Auch an Schiller reiben sich die Gemüter seit über 200 Jahren. Seien es die Romantiker, die schon zu Lebzeiten den Kult um seine Person eher skeptisch betrachteten oder Georg Büchner, der, wie viele nach ihm, Schiller für seinen Idealismus abstrafte. Während Friedrich Nietzsche den Weimarer Dichter als «Moral-Trompeter von Säckingen» bezeichnete, wurde er in der Folge vor allem für die Instrumentalisierung seiner eigenen Person kritisiert – als habe er dies mit seinem Leben und Werk willentlich provoziert.
Noch heute, zu seinem 250. Geburtstag, mehren sich zwar die Lobpreisungen auf den deutschen Nationalhelden, aber auch die kritischen Stimmen sind nicht zu überhören. Doch das gehört zum Dasein eines Popstars dazu. Auch die zeitgenössischen Helden der Popwelt, ob Spears oder Madonna, sie alle sind jeden Tag mit Kritik an ihrer Person konfrontiert. Doch im Unterschied zu Friedrich Schiller ist es eher unwahrscheinlich, dass in 250 Jahren der Todestag von Michael Jackson noch Anlass zur Berichterstattung gibt. Aber wer weiß, die Popwelt hat ihre ganz eigenen Gesetze.