«Union Atlantic» Mit Witz und Esprit in den Untergang

Union Atlantic (Foto)
Adam Hasletts neuer Roman Union Atlantic, erschienen bei Rowohlt. Bild: Rowohlt

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Die Finanzkrise, die 2008 die Welt erschüttert hat, ist für viele immer noch ein abstraktes Ereignis. Der Autor Adam Haslett könnte das ändern. Mit Union Atlantic legt er den ersten großen und visionären Roman zur Krise vor. Der entstand, bevor alles begann.

Adam Haslett kann in die Zukunft blicken. Auf Seite 294 seines Romans Union Atlantic kommt er uns mit Walt Whitman, dem großen Dichter: «Ich fühle dem Leben den Puls», heißt es da. «Ich Sänger der Persönlichkeit, entwerfe die Umrisse dessen, was kommt, entwerfe die Geschichte der Zukunft.» Das tut er tatsächlich, doch nicht nur in Umrissen, sondern gleich als ganzes Gemälde.

Hasletts Roman spielt 2002, doch es könnte auch 2008 sein. Und Union Atlantic, die Bank, die ihm den Titel gibt, könnte auch Lehman Brothers heißen. Doch in dieser Geschichte lernen wir einmal echte Menschen kennen – und ihre Schicksale: Doug Fanning, Charlotte und Henry Graves oder den jungen Nate.

Doug ist Banker bei Union Atlantic und auf Erfolgskurs. Der freie Markt könnte freier kaum sein und so schnappt sich der Emporkömmling das Kapital seines Arbeitgebers und verwettet Milliarden auf den Kurs des Nikkei. Gerade erst hat er sich in Finden, seinem Heimatort nahe Boston, eine repräsentative Villa erbaut, die aber wird dort nicht lange stehen.

Das zumindest glaubt Charlotte, seine Nachbarin. Die alte Dame war einst Geschichtslehrerin, heute, schon leicht dement, spricht sie mit ihren Hunden und die antworten auch, als Reiter der Apokalypse oder als Malcolm X, zumindest nie ohne gewissen Tiefgang. Desweiteren hält sie gern Vorträge als Verfechterin der alten, besseren Welt, und sie klagt – auch deshalb – gegen Dougs Neubau, steht der doch, hässlich noch dazu, auf einem Stück Land, dass die Gemeinde gar nicht hätte verkaufen dürfen.

Berechtigte Vorschusslorbeeren

Und dann wären da noch Nate, ein Teenager, und Henry Graves, Präsident der US-Notenbank. Nate schlägt sich einen Teil des Tages mit Freunden und Drogen herum, nimmt bei Charlotte Nachhilfeunterricht, verliebt sich in Doug und fängt ein Verhältnis mit ihm an. Henry, Charlottes Bruder, steht eigentlich mit beiden Beinen auf dem Boden, zweifelt aber am Ende, als alles den Bach runterzugehen droht, selbst am System.

Adam Haslett hat für sein Debüt, das in den USA erst im Februar erscheint, einige Vorschusslorbeeren bekommen, von Alexander Fest, Geschäftsführer von Rowohlt, etwa: «Seit Jonathan Franzens Korrekturen hat dieser Verlag keinen so hellsichtigen und klugen, außerdem unterhaltsamen Roman aus Amerika mehr herausgebracht.» Das müsste nicht weiter erstaunen, hat Fest doch ein verlegerisches Interesse an seinem Erfolg, wäre da nicht Franzen selbst, der von Union Atlantic als Glücksfall spricht, von einem Buch von unvergleichlicher Reife und Vollständigkeit.

Fest und Franzen haben zweifellos Recht. Haslett ist der der erste große Roman über die Krise gelungen und das, obwohl er ihn erst in der Woche fertiggestellt hat, in der Lehman Brothers zusammenbrach. Da ist sie wieder, Hasletts Weitsichtigkeit. Doch er hat noch weitere außergewöhnliche Begabungen: Er ist in der Lage, Figurenkonstellationen zu schaffen, die zugleich erhellend und unterhaltsam, überraschend und zutiefst tragisch sind, und schreibt in einer Sprache voller Witz und Esprit, die zugleich jedoch so bitter-ironisch sein kann, so wundervoll menschlich, dass man einfach gerne liest.

Das Problem übersteigt das menschliche Fassungsvermögen

Das beginnt schon bei der ersten Begegnung zwischen Doug und Charlotte: «Guten Morgen. Doug Fanning. Das neue Haus da – das ist meins.» Kein guter Einstieg und Charlotte entgegnet auch nur: «Wald. Ehe Sie hier aufgetaucht sind. Alles Wald.»

So entspinnt sich eine innige Feindschaft, in deren Mühlen auch Nate gerät, von dem Doug, hin- und hergerissen zwischen Faszination und Ekel, nicht mehr loskommt. Und ausgerechnet Nate ist einer der wenigen, die mit heiler Haut aus dieser Geschichte herauskommen. «Ich tu dir einen Gefallen», sagt Doug zu ihm in seiner großkotzigen Art. «Das begreifst Du jetzt vielleicht noch nicht, aber glaub mir, es ist so. Willst Du Dein Leben lang wehrlos sein, ein Loser? Du schläfst gern mit Typen – kein Problem. Aber nimm verdammt nochmal das Herz aus der Hand.» Nate wird es eine Lehre sein.

Um ihn herum aber bröckelt es. Nicht nur Charlottes Haus ist auf dem Weg zur Ruine, auch sie selbst hat schon bessere Tage gesehen. Und auch Doug, der omnipotente Banker, steht auf wackligen Beinen. So schön seine Villa sein mag, so unbewohnbar wirkt sie, so erfolgreich er ist, so wenig macht ihn das glücklich. Er ist eine Maschine: «Je bedrohlicher die Ausmaße des Debakels, desto mehr wurde seine Handhabung zur Routine. [...] In dem Moment aber, als der Ernst der Lage jedes bisher denkbare Maß überschritten hatte, war es, als löse sich das Problem in Luft auf, als übersteige es einfach das menschliche Fassungsvermögen.»

Diese Eigenschaft zeichnet sich schon früh ab. Schon im Erfolg ist es weniger das Geld, das Doug antreibt, es ist das Glücksgefühl, wenn etwas wie am Schnürchen läuft: «In solchen Phasen legte sich der Sturm der Gedanken, wurde sein Kopf wunderbar klar, durchströmte ihn Kraft so reibungslos wie Buchgeld ein Glasfaserkabel: Der Widerstand der realen Welt ging gegen null.» Dass das nicht so bleibt, dafür sorgt die reale Welt schon selbst.

Ein Buch, das Hoffnung macht

Haslett schreibt unterhaltsam und lehrreich, nie aber belehrend. Dabei gäbe es durchaus Momente, in denen diese Gefahr bestanden hätte, etwa, wenn er Dougs Herkunft skizziert, geboren von einer alkoholsüchtigen Mutter, oder seine Karriere als US-Soldat im Irak, für die er diese Heimat, die nie wirklich eine war, von einem auf den anderen Tag verlassen hat. Haslett entwirft seine Charaktere so schlicht wie beeindruckend, er zerlegt die wirren Strukturen der Finanzwirtschaft so stilsicher in Einzelportionen, wie es kein Zeitungsartikel, keine Dokumentation je könnte.

Jonathan Franzen hat in einem Interview mit der Zeit im April über die Gefahren der Globalisierung für den Roman gesprochen, über eine Welt, in der es keine wahrhaft bedeutsamen Unterschiede mehr geben würde: «Wozu nach China fahren, ist doch alles wie hier! Das wäre der Albtraum, und da spüre ich den Drang, mein Revier zu verteidigen, denn der Roman lebt als Gattung von diesen großen Unterschieden.»

Haslett nun hat ihm bewiesen, wie Unrecht er hatte. Er hat gezeigt, dass man immer noch große Romane schreiben kann, über Ereignisse, die sich in unserer globalisierten Welt an einem ganz spezifischen Ort abspielen. Auch deshalb wohl hat Franzen dieses Buch so gern gelesen: Es macht Hoffnung – wenn auch nur aus literarischer Sicht.

Autor: Adam Haslett
Titel: Union Atlantic
Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 396 Seiten
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungsdatum: 10. November 2009

nak/news.de

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