«Wir sind fasziniert vom eigenen Untergang»
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Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Artikel vom 12.11.2009
In seinem neuen Spektakel begibt sich Roland Emmerich erneut auf den globalen Zerstörungstrip, wie im Maya-Kalender prophezeit, droht 2012 die Apokalypse. Im Interview spricht der Regisseur über die Lust am Desaster, Macht, Millionenbudgets und Optimismus.
Eigentlich wollten Sie doch keine Katastrophenfilme mehr machen – warum wurden Sie rückfällig?
Emmerich: Stimmt genau, als mir mein Co-Autor Harald Kloster dieses Projekt vorschlug, sagte ich: «Ich habe schon so viele Desaster-Filme gemacht, ich will nicht zum Witz werden.» Aber er hat mich dann doch überzeugt. Anders als bei Day After Tomorrow mit seinem ernsten Anliegen konnten wir uns hier Humor erlauben – wie etwa diese Sache mit der Comic-Einlage.
Der Erdkern schmilzt, die Welt versinkt - wie viel Realität braucht Fantasy?
Emmerich: Wir haben Wissenschaftler um Rat gebeten, darunter einen hochrangigen Geologen. Alles soll so realistisch wie möglich erscheinen. Aber im Grunde ist unser Szenario natürlich Quatsch. Das war bei Jurassic Park nicht anders, aber die Leute haben es gekauft – Film darf das, hier ist eben alles möglich.
Wie groß ist der Spaß am Zerstören?
Emmerich: Das Zerstören macht mir Spaß, das geht doch wohl jedem so. Wenn man in Hollywood einen großen Film machen möchte, dann muss man ein Genre bedienen, und davon gibt es nicht viele: Superhelden. Bestellerverfilmung. Geheimagenten. Oder eben Katastrophen. Nicht umsonst ist Titanic der erfolgreichste Film aller Zeiten.
Woher kommt die Lust am Weltuntergang?
Emmerich: Die Menschheit war schon immer interessiert an der Apokalypse, solche Szenarien finden sich ja nicht nur in der Bibel, sondern in allen Religionen und Kulturen. Offensichtlich sind wir fasziniert vom eigenen Untergang und ahnen tief im Unterbewusstsein, dass sich das Leben in Zyklen abspielt: Zerstörung und der Neubeginn.
Wie sehr sehen Sie die Welt 2009 am Abgrund?
Emmerich: Ich bin der absolute Optimist, aber seit sechs, sieben Jahren bin selbst ich pessimistisch geworden und frage mich, wo das alles hinführen soll. Diese Fragen nach der Zukunft sind ja auch in meine Arbeit eingeflossen. Dabei geht es nicht nur um die Ökologie, auch der zunehmende Terrorismus und religiöse Fundamentalismus macht mir Angst.
Die Religion spielt in Ihrem Film beim Neuanfang der Menschheit keine Rolle mehr …
Emmerich: Die entscheidende Frage im Film heißt: Was sollte man bewahren? Die klare Antwort heißt Moral – und Religion hilft dir dabei gar nichts!
Zerstören Sie deshalb den Petersdom im Vatikan?
Emmerich: Beim Thema Religion ist die größte Kirche der Welt einfach das passende Bild. Wenn man den Jesus in Rio herabstürzen lässt, dann weiß jeder sofort, dass auch in Südamerika die Hölle los ist.
Ein anderes Bild zeigt einstürzende Hochhäuser, zwischen denen das Sportflugzeug der Helden hindurch fliegt – ist damit das Trauma der Twin Towers vom 11.September überwunden?
Emmerich: Vielleicht, aber die Sache ist eigentlich banaler: Die beiden Hochhäuser gibt es in dieser Stadt tatsächlich, deshalb stürzen sie eben auch ein. Bei den Testvorstellungen wurde das jedenfalls nie als störend empfunden.
Wie viel Ahnung haben Sie selbst von Computern und Effekten?
Emmerich: Ich bin technisch nicht besonders begabt. Schon in der Schule war ich in Mathe und Physik relativ schlecht. Bei meiner zweiten Technikprüfung an der Filmhochschule war ich sogar der Einzige, der durchgefallen ist. Ich lasse mir Dinge einfallen und rede danach über die Ideen mit meinen Effekt-Leuten. Die reagieren regelmäßig mit Grausen: «Warum willst du Sachen machen, die man noch nicht machen kann?»
Wie groß ist der Zwang, sich mit jedem Film aufs Neue selbst zu übertreffen?
Emmerich: Inzwischen ist es einfacher geworden, visuelle Effekte zu machen – gar nicht auszudenken, wenn wir diese ganze Technologie schon bei Independence Day gehabt hätten! Dieser Vorsprung durch Technik gibt einem viel mehr Zeit für die Schauspieler, zudem kann man seine Darsteller in Szenen einsetzen, wofür man früher einen Stuntman gebraucht hätte.
Sie haben als einer der wenigen Regisseure den Final Cut, das letzte Wort beim Schnitt. Macht soviel Macht nicht taub für Vorschläge?
Emmerich: Es ist schon cool, wenn man seine Filme wie ein Independent-Regisseur machen kann. Aber wir hören schon noch auf Vorschläge – was sich nicht immer als Vorteil erweist. Bei 10.000 B.C. haben wir uns viel zu sehr beeinflussen lassen und zu viel heraus geschnitten. Aber je größer der Etat wurde, desto mehr Konzessionen haben wir gemacht. Für 80 Millionen Dollar wäre der Film besser geworden als für diese 140 Millionen.
Diesmal haben Sie noch eine Schaufel drauf gelegt und die 200 Millionen Dollar erreicht …
Emmerich: 200 Millionen Dollar mag sich viel anhören, aber damit liege ich an der Untergrenze: große Filme kosten 240 bis 260 Millionen. Ich habe mir meine Freiheit erkauft, weil ich alles billiger mache. Bei uns kann keiner herum spinnen, wir drehen immer so schnell wie möglich – und kosten damit einfach 20 Millionen weniger als ein Regisseur, der alles zulässt.
Bekommen Sie für einen Film so viel Geld wie sie wollen?
Emmerich: Das ist tatsächlich überhaupt kein Problem. Ich habe eine gewisse Reputation, keine Flops zu machen, entsprechend reißen sich die Studios um meine Projekte. Ich biete meine Stoffe immer allen Studios an, die dafür in Frage kommen. Diese acht bis neun Kandidaten klappere ich dann im Halbstunden-Takt ab und am Ende des Tages ist klar, wer den Zuschlag enthält.
Welche Faktoren entscheiden dabei für Sie?
Emmerich: Ausschlaggebend ist mich, wer die größte Begeisterung zeigt und wer den Film am besten begreift. Mein liebstes Beispiel ist Day After Tomorrow, als ein Studio ernsthaft vorschlug, dass eine Atombombe die Katastrophe verhindern sollte – damit fehlte natürlich jede gemeinsame Basis für eine Zusammenarbeit.
Was wollen Sie als nächstes zerstören?
Emmerich: Den Titel «Master of Desaster» höre ich nicht sehr gern. Auch deshalb mache ich als nächstes etwas völlig anderes: In Anonymous geht es darum, ob William Shakespeare seine Stücke tatsächlich selbst geschrieben hat – ein Thriller im 16.Jahrhundert, den wir im nächsten Jahr im Studio Babelsberg drehen. Übrigens zum sehr günstigen Preis für 28 Millionen Dollar.
bla/news.de
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