Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Heute beginnt die Aktion «Deutschland liest. Treffpunkt Bibliothek» in Kooperation mit dem Bibliotheksverband. News.de spricht mit der Vorsitzenden Gabriele Beger über Google Books, das Urheberrecht und darüber, wie Deutsche und Migranten lesen.
Lesen die Deutschen anders als Amerikaner oder Franzosen?
Beger: Das ist ja eine sehr schöne Frage! (lacht) Also erst einmal glaube ich, lesen alle mit ihren Augen und wenn sie sehschwach oder erblindet sind, mit den Fingern. Ich glaube, dass das Leseverhalten ziemlich gleich ist. Es gibt ein klares Leseverhalten, wenn es um die Freizeit geht oder um die berufliche Ausbildung und Lehre. Was aber ganz interessant ist: Aus der Studie «Lesen in Deutschland 2008» der Stiftung Lesen geht hervor, dass, wer eine Bibliothek besucht, für den Beruf oder die Ausbildung, sich gleichzeitig auch etwas für die Freizeit mitnimmt.
Eine andere spannende Erkenntnis aus dieser Studie war auch, dass deutsch sprechende Migranten eine neue Lese-Mittelschicht bilden. Geht «Deutschland liest» auf diese Leser ein?
Beger: Das ist ein Schwerpunkt der Bibliothekskampagne in diesem Jahr. Wir haben «Kinder und Jugendliche» und «Bürger mit Migrationshintergrund» als Schwerpunkt gewählt, weil diese Studie uns die Erkenntnis gebracht hat, dass es Bibliotheken längst gelungen ist, Bürger mit Migrationshintergrund besser anzusprechen und zu integrieren. In der Bibliothekskampagne finden sie ein großes Spektrum an Veranstaltungen, die dieses Thema bedienen.
Gibt es vonseiten der Bibliotheken eine Strategie, wie man Migranten anspricht?
Beger: Schon sehr früh haben öffentliche Bibliotheken damit begonnen, in den Originalsprachen Literatur, Zeitungen, Zeitschriften und auch Fachbücher in ihre Bestände aufzunehmen. Hintergrund war immer, dass man seine Herkunft und die Sprache weiter pflegen muss und dass man wissen muss, was in der Heimat eigentlich passiert.
Die Aktion «Deutschland liest» läuft eine Woche. Glauben Sie, dass man innerhalb von einer Woche aus einem Lesemuffel einen Bücherwurm machen kann?
Beger: Diese Woche gilt eigentlich gar nicht so sehr unserem Benutzer, denn den haben wir ja zum großen Teil schon erreicht. Natürlich wollen wir die Leser auf die Leistungsfähigkeit von Bibliotheken hinweisen. Die Bibliothekskampagne soll aber der Öffentlichkeit und der politischen Öffentlichkeit zeigen, dass Bibliotheken nicht nur Bücher ausleihen und Informationen beschaffen, sondern dass sie Bildungs- und Kultureinrichtungen sind, deren Existenz man absichern muss.
Was gibt es denn für Strategien, die Existenz zu sichern? Vor dem Hintergrund der Digitalisierung stehen den Bibliotheken in Zukunft ja großen Umwälzungen ins Haus.
Beger: Absicherung kann man verbindlich nur durch rechtliche Regelungen herbeiführen und aus diesem Grunde verfolgt der Deutsche Bibliotheksverband die Behandlung von Bibliotheksgesetzen. Diese Empfehlung beruht auf dem Bericht der Enquete-Kommission «Kultur in Deutschland», die ebenfalls zu diesem Schluss kam: Wenn im Ausland Fälle des «best practice» vorzuweisen sind, dann beruhen die meistens auf Bibliotheksgesetzen. Die zweite Antwort, die ich Ihnen geben kann, wenn Sie mir die Frage noch einmal stellen? (lacht) Ach, genau: der Wandel!
Durch die Digitalisierung...
Beger: Genau, die Digitalisierung. Dahinter vermute ich immer die These, die Journalisten oft haben: Mit Google und der Digitalisierung würden irgendwann Bibliotheken überflüssig, weil alles im Netz verfügbar ist. Schon heute glaube ich, wenn Sie bei Google einen Suchbegriff eingeben, dann bekommen sie eine sehr hohe Trefferquote und auf Seite 10 schauen Sie gar nicht mehr nach, sondern Sie verlassen sich auf die ersten beiden Seiten. Da müssen aber nicht die zuverlässigen Informationen stehen.
Was können da die Bibliotheken leisten?
Beger: Sie können Informations- und Medienkompetenz bieten. Das gehört heute schon zu ihrem Kerngeschäft, denn obwohl zunehmend digitalisiert wird, werden die Bibliotheken trotzdem überrannt. Aber heute geht man nicht mehr rein, leiht ein Buch aus und geht wieder nach Hause, sondern man lässt sich beraten und verweilt. Das schätzt der Leser und deshalb haben wir steigende Besuchszahlen, bei steigenden Produkten im Netz.
Durch die Digitalisierung wird es irgendwann keine Bücher mehr geben. Ist die Bibliothek als Ort dann überflüssig?
Beger: Es kann sein, dass die Bibliothek dann anders aussieht. Aber erst einmal werden wir auf Jahre noch mit gedruckten Büchern zu tun haben. Wir haben ja ein riesiges kulturelles Erbe in den Archiven und das muss man erstmal digitalisieren. Das bedarf wahnsinniger Speicherkapazität und digitalisieren heißt ja nicht einfach nur ins Netz stellen, sondern sie müssen das erschließen. Das müssen aber auch Menschen tun, die indexieren und Quellen verbinden können. Das tun heute schon Bibliothekare. Darin liegt die Chance und die Revolution der Wissensvermittlung.
Gibt es dann künftig nur noch Online-Bibliotheken?
Beger: Machen wir uns nichts vor, es wird nicht alles frei zugänglich sein, was die Menschheit an Texten hervorbringt und es wird immer viele geben, auch in der Ausbildung, die sich das nicht kaufen, sondern in eine Bibliothek gehen. Das gedruckte Buch wird durch das digitale abgelöst, das wird nicht mehr entliehen, sondern Sie rufen das in der Bibliothek auf und arbeiten auch gleich dort.
Sie sehen die Digitalisierung also gar nicht als Bedrohung?
Beger: Nein! Das ist ganz toll für Bibliotheken! (lacht)
Was halten Sie von Google Books?
Beger: Google Books ist von sich aus erst einmal eine gute Erfindung. Es ist eine große Bibliothek, die – wenn wir mal den Rechtsstreit, der da anhängig ist, außen vor lassen – alles, was urheberrechtlich frei ist, digitalisiert und frei verfügbar ins Netz stellt. Da gibt es ein paar Einschränkungen: Die Bibliotheken dürfen alles frei verfügbar haben, kommerzielle Partner können das gegen einen Preis abonnieren. Das ist der richtige Weg. Dass Google nicht die Schätze der ganzen Welt heben kann, das wissen wir auch und deshalb unterstützen wir die digitalen Bibliotheken, die dann in der Europeana zusammenfließen und ein Gegengewicht zu Google herstellen sollen.
Sie waren an der Novelle des Urheberrechts beteiligt, das aufgelockert worden ist. Dadurch ist der Digitalisierung Tür und Tor geöffnet. Tut es Ihnen nicht ein bisschen leid, dass dadurch das Buch verschwindet?
Beger: Also, das sehe ich nicht: Das Urheberrecht ist nicht aufgeweicht, das ist nach wie vor sehr stringent und der Schutz des Urhebers steht nach wie vor im Mittelpunkt, wobei ich mir wünsche, dass wir uns tatsächlich wieder mehr darauf besinnen, dass der Autor entscheidet, was mit seinem Werk passiert.
Haben Sie ein E-Book?
Beger: Ja! Also ich besitze, glaube ich, das allererste E-Book, das es auf dem Markt gab und das ist bestimmt 15 Jahre alt. Das habe ich mir aus den USA mitgebracht, da war Alice im Wunderland drauf und das war noch eine klobige Angelegenheit. Für Fachliteratur finde ich das sehr gut, auch für Reiseführer oder Stadtpläne. Aber nach wie vor sind diese Geräte nicht einladend, wenn es um einen Roman geht. Da werde ich immer das Buch zum Blättern mitnehmen.
Wie können die Bibliotheken den Nutzern die Vorbehalte gegenüber E-Books nehmen?
Beger: Noch ist ja die überwiegende Zahl der Bestände haptisch vorhanden. Deshalb ist die Angst, dass man in zehn oder zwanzig Jahren mit einem E-Book am Strand oder Kamin sitzen muss, erstmal nicht gegenwärtig. Für Menschen, die ein elektronisches Buch bekommen haben und es lieber haptisch lesen wollen, bieten die Verlage schon heute einen Service: Sie drucken ihnen das schnell aus und binden es ihnen.
Für den Urlaub ist es ja recht praktisch, wenn man sich nicht mehr den Koffer mit Büchern voll packen muss und sich die Romane nur noch auf das E-Book speichert.
Beger: Ach, ich zieh den Koffer hinter mir her und da hab ich dann auch meine Bücher drin. Aber ich bin ja von Haus aus Juristin und ehe ich mit Gesetzestexten durch die Gegend ziehe, habe ich die Passagen natürlich lieber auf einem E-Book dabei.
Gabriele Beger ist Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands und Direktorin der Universitätsbibliothek Hamburg. Außerdem lehrt die Juristin Urheberrecht an der Bayrischen Bibliotheksschule und war an der Novelle des Urheberrechts beteiligt.
bla/reu/news.de