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Deutschland feiert seine Mythen

Von news.de-Mitarbeiterin Juliane Wienß

Schabowski wird «Nach meiner Kenntnis sofort» stammeln, Berliner «Wir wolln doch nur ma' guckn jehn!» maulen, Trabis rollen, Menschen taumeln und Korken knallen. Zum Mauerfalljubiläum ist all das unvermeidlich. Aber das Fernsehen hat noch mehr zu feiern.

Lester Maul (Was ist das?)

Vielleicht ist es ganz gut, dies alles zu sehen. Denn man vergisst zu schnell, wie es einstmals war und die Kinder von heute wissen kaum etwas von der jüngeren Vergangenheit. Feiern wir, auf das auch die Mauer im Kopf fällt.

Am Freitag lässt schonmal die dienstälteste Talkshow Deutschlands die Korken knallen. 3nach9 holt sich zum 35. Geburtstag nicht nur mit dem Schwarm-Autoren Frank Schätzung, der Schauspielerin Jessica Schwarz und dem Sänger Sting interessante Gäste auf die Couch. (22 Uhr, NDR). Charlotte Roche darf zudem als Gastgeberin zeigen, dass sie nicht nur feucht-fröhlich, sondern auch charmant unterhalten kann. Frauenschmeichler und Mitmoderator Giovanni die Lorenzo kann ja zur Not die Wogen glätten.

Auch ein mit denkbar undankbaren Premieredatum hat Geburtstag. Das mutige Drama um das schwule Coming Out wurde am 9.11.1989 in Ostberlin zwar gefeiert, ging dann thematisch aber irgendwie im Wendetaumel unter. Zu später Stunde wird das Drama am Samstag wieder hervorgeholt (23.45 Uhr, RBB).

Und wenn man schon mal gerade dabei ist, die DDR-Filmkiste zu durchstöbern, findet sich eine Perle aus den «wilden» 68ern der DDR: Erst wird um die Wette an der Autobahn getrampt, um dann an der Ostsee – na, was wohl! – kräftig Freikörperkultur zu betreiben. Für elf fesche Leip'scher Mädels und zehn Buschen aus Korl-Morx-Stodt wird das ein richtig Heißer Sommer (22.45Uhr, Comedy Central). Und für den Zuschauer ein beschwingtes komödiantisches Schmankerl am Sonntag Abend, mit Frank Schöbel in jung und ohne Weihnachtsbaum.

Es ist in diesem Jahr die Nacht der Nächte, mehr zelebriert als Silvester und Wahlsonntag zusammen, wenn am Montag der Mauerfall jubeliert. Die ganz großen Gefühle beginnen mit dem Fest der Freiheit (19.25 Uhr, ZDF), wenn live am Brandenburger Tor über 1000 bunte Styroporblöcke symbolisch für die Grenzöffnung fallen. An die Nacht und ihre Helden (20.15 Uhr, RBB) gibt es reichlich Erinnerungen. Und bewegende Bilder darüber, wie es damals war, Als die Mauer fiel (21 Uhr, ARD), zeigen die Rückblicke. Und was machen die ganzen glücklichen Menschen vom 9. November heute so? Höchste Zeit, dass Birgit Schrowange ihnen in einem Extra Spezial (22.25 Uhr, RTL) auf den Zahn fühlt. Am späten Abend passiert dann noch was Gruseliges: Der Schwarze Kanal kehrt zurück (23.25 Uhr, ZDF). Sie wissen nicht, was das ist? Aber dass die SED den Westen übernommen hat, ist Ihnen schon bekannt, oder?

Am Dienstag erreicht die große Selbstfeier im Fernsehen ihren Zenit in den Sternstunden der Deutschen (20.15 Uhr, ZDF). Oberhistoriker Guido Knopp entzündet dann mit der ersten Dokufolge ein Feuerwerk aus 100 Momenten, die als wohliger Schauder über Deutschlands Rücken laufen sollen: Rosinenbomber oder das Wunder von Lengede, Kniefall in Warschau, Mauerfall in Berlin.

Große Mythen verlangen manchmal große Opfer. Das merkte auch Romy Schneider, die sich «endlich richtige Aufgaben, lebendige Figuren und keinen Kaiserschmarrn» wünschte. In Deutschland blieb sie immer die Sissi. Trotzdem war klar, dass kaum ein Fußabdruck groß genug wäre, um ihre Stapfen in einer Biografie auszufüllen. Während eine geplante Produktion mit Sängersternchen Yvonne Catterfeld abgeblasen wurde, hat Ex-Vivamoderatorin Jessica Schwarz die Herausforderung angenommen – und schlägt sich am Mittwoch wacker als Romy (20.15 Uhr, ARD). Zeitgleich beginnt die Pappnasenzeit. Für die, die's mögen, schunkeln und bütten sich die Elfer im Elften nach kölscher Tradition warm (20.15Uhr, WDR).

Wenn Deutschland seine Mythen feiert, ist Regisseur Leander Haußmann nicht weit. Aber am Donnerstag geht’s weder um seine Jungs aus der Sonnenallee noch ihre Männerherzen. Das deutsche Revoluzzertum voller Sturm und Drang wurzelt schließlich viel tiefer, in Zeiten, in denen man angesichts Kabale und Liebe noch blank zog (22.25 Uhr, 3sat). Haußmanns Filmfassung des Schillertheaterstücks am Donnerstag lohnt sich. Keine Mythenfeier ohne Klassiker.

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