Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Zweimal wurde der chinesische Exilschriftsteller Bei Ling daran gehindert, auf der Frankfurter Buchmesse zu sprechen. Zeit, Bilanz zu ziehen. news.de sprach mit Bei Ling über die Rolle des Auswärtigen Amtes, Selbstzensur und einen provokanten Sinologen.
Zwei Wochen sind nach der Frankfurter Buchmesse vergangen. Haben sich die Wogen geglättet?
Bei Ling: Ja, für mich ist es ruhiger geworden, ich widme mich jetzt wieder meiner literarischen Arbeit.
Es gab ja einige Aufregung für Sie auf der Buchmesse. Sie durften auf dem Symposium im Vorfeld nicht sprechen und auch auf der Abschlussveranstaltung wurde Ihr Vortrag verhindert. Sind Sie noch immer verärgert?
Bei: Nein, ich bin nicht verärgert. Mir macht es nichts aus, ob ich sprechen kann oder nicht. Es interessiert mich nur, warum das Auswärtige Amt nicht wollte, dass wir sprechen.
Was glauben Sie, ist der Grund?
Bei: Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Vielleicht sorgt sich das Auswärtige Amt, dass die chinesischen Offiziellen vom Amt für Presse und Veröffentlichungen (GAPP) und die chinesische Regierung verärgert sind, dass wir sprechen. Es kann auch daran liegen, dass die Buchmesse und das Auswärtige Amt keine besonders enge Beziehung pflegen. Es ist nur sehr merkwürdig, dass sie uns erst am letzten Tag mitteilten, dass wir auf dem Symposium nicht sprechen können.
Wer ist in Ihren Augen verantwortlich für den Eklat? Der China-Projektleiter Peter Ripken oder das Auswärtige Amt?
Bei: Nein, Peter Ripken ist nicht schuld. Das Auswärtige Amt ist verantwortlich. Was mich ärgert, ist, dass es keine freie Meinungsäußerung für inoffizielle Stimmen gab. Die offizielle chinesische Delegation hingegen konnte auf einer Pressekonferenz verlautbaren: Unser Land ist wie Deutschland, er gibt keine Zensur, alles wird von den Verlagen entschieden – aber das ist eine Lüge. Es gibt die GAPP und das ist eine Zensurbehörde, die die Verlage kontrolliert.
Peter Ripken hat seinen Job verloren. Wie finden Sie das?
Bei: Das tut mir sehr leid. Er hat diesen Job 20 Jahre lang gut gemacht, und Flüchtlingsliteratur hat er immer unterstützt. Aber diese Buchmesse war die schwerste Aufgabe für Peter Ripken, weil er nie Erfahrungen mit der kommunistischen Macht gemacht hatte.
In der FAZ hat Peter Ripken über Sie und Dai Qing gesagt: «Die beiden haben eine blühende Phantasie. Es gab nicht eine Einladung, lediglich vor Wochen einmal eine Vielleicht-Überlegung in einer E-Mail.» Was sagen Sie dazu?
Bei: Es war Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, der mich eingeladen hat. Vielleicht glaubt Peter Ripken, dass er mich nicht eingeladen hat, aber das war nicht seine Aufgabe. Boos ist sein Chef, er kann jeden einladen.
Was hätte die Buchmesse besser machen können?
Bei: Nach der Buchmesse muss auch Peter Ripken über vieles nachdenken, warum er die Situation nicht kontrollieren konnte und warum man immer «ja» sagen muss, wenn die GAPP etwas sagt. Das ist vielleicht nicht nur seine Entscheidung, vielleicht muss er sich auch danach richten, was das Auswärtige Amt sagt. Manchmal denke ich, dass die Kontrolle beim Auswärtigen Amt liegt.
Ich muss immer noch sagen, dass die Buchmesse gute Arbeit gemacht hat. Es war mitunter sehr schwierig, mit einem System umzugehen, dass keine Meinungsfreiheit gewährleistet. Nach dem Eklat auf dem Symposium haben sie aber viel verändert. Es gab mehr Raum für unabhängige Stimmen, unabhängige Autoren, unterschiedliche Organisationen von Verlagen.
Aber zum Abschluss der Messe ist es wieder passiert...
Bei: Ja, aber ich glaube auch nicht, dass Jürgen Boos alles kontrollieren kann. Aber es ist schon sehr verletzend, wenn das Auswärtige Amt am letzten Tag wieder Auftritte von Dissidenten verhindert. Das Auswärtige Amt will wohl enger mit der chinesischen Regierung zusammenarbeiten.
War es eine gute Idee, China als Gastland der Frankfurter Buchmesse einzuladen?
Bei: Nach all dem bin ich mir nicht mehr sicher. Vorher fand ich es eine gute Idee, denn man hätte voneinander lernen können. Wir hätten uns miteinander an einen Tisch setzen können - offizielle Schriftsteller, chinesische Schriftsteller und Verleger - aber dazu gab es auf der Buchmesse keine Gelegenheit. Ein Austausch mit taiwanesischen Autoren wäre wichtig gewesen, wir sprechen ja die gleiche Sprache. Und auch Hongkong ist eine wichtige Stimme für uns, denn dort gibt es die Pressefreiheit und viele Bücher.
In der Öffentlichkeit wurde in erster Linie über den Skandale auf dem Symposium diskutiert. Ist dabei die chinesische Literatur nicht etwas zu kurz gekommen?
Bei: Das stimmt, das ist auch ein Problem. Es ist ein großes Versäumnis, dass so wenig über chinesische Literatur gesprochen wurde. Auch das Thema Selbstzensur ist viel zu kurz gekommen.
Der Sinologe Wolfgang Kubin sagt, dass chinesische Autoren durch die Zensur im Ausland viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wie sehen Sie das?
Bei: Das ist absoluter Schwachsinn. Dieser Mensch ist wirklich verrückt. Vielleicht führt Zensur dazu, dass die Menschen mehr darüber nachdenken, was veröffentlicht werden soll. Kubin wird jedes Jahr von der chinesischen Regierung eingeladen, an chinesischen Universitäten und auf Symposien zu sprechen. Für die chinesischen Offiziellen ist er wohl einer der willkommensten deutschen Akademiker. Ich war sein Freund, als ich vor elf Jahren das erste Mal nach Deutschland kam. Er wird wohl wissen, dass die Zensur einige großartige Schriftsteller hervorbringt. Aber er müsste auch erklären, warum die Zensur bessere Literatur hervorbringt. Man kann natürlich Literatur außerhalb von China veröffentlichen und die Zensur umgehen, aber dann verliert man auch seine Leser.
Kubin hat auch gesagt, dass er von älteren chinesischen Autoren erwarte, dass sie mehr politische Kritik äußern und mutiger Widerstand leisten, weil sie aufgrund ihres Alters nicht mehr fürchten müssten, im Gefängnis zu landen...
Bei: Das stimmt. Ältere Autoren können Kritik lauter äußern und sie könnten tatsächlich einen größeren Einfluss haben.
Ihre Bücher werden in China nicht veröffentlicht. Was bedeutet das für Sie?
Bei: Ja, meine Bücher erscheinen nur in Taiwan. Ich würde gern in China publizieren, aber der Preis ist mir zu hoch. Ein befreundeter Autor wollte seine Essays in einem offiziellen Verlag in China veröffentlichen und sie kürzten mehr als 400 Stellen heraus. Nach ein paar Jahren hat er nicht mehr «nein» gesagt und ließ das einfach über sich ergehen. Das ist absurd. Ich möchte nicht, dass jemand meine Texte kürzt oder dass ich mich selbst zensiere.
Wie kommt man in China an unzensierte Literatur. Werden Bücher wie damals in der DDR über die Grenze geschmuggelt?
Bei: Manche Autoren können problemlos in China veröffentlichen. Das Land gibt vor, offen zu sein. Das sieht für die Bevölkerung auch auf den ersten Blick so aus. Wenn man ein chinesisches Buch öffnet, dann sind ganze Passagen herausgestrichen, aber keiner merkt es. Das fällt nur auf, wenn man das gleiche Buch in einer anderen Sprache liest, dann sieht man plötzlich: Oh, da fehlt ja was. Man weiß nie, wie viel rausgeschnitten wurde und das ist sehr gefährlich.
So etwas haben die Deutschen in der ehemaligen DDR auch erlebt.
Bei: Ja, ich habe gehört, dass Leipzig eine berühmte Buchmesse hat und ich kann mir vorstellen, dass sie in der DDR dieselbe Situation hatten. Jetzt, da ich in Leipzig bin, möchte ich unbedingt die Nikolaikirche sehen und den Pfarrer Christian Führer kennenlernen, der für die friedliche Revolution gekämpft hat. Er war so eine wichtige Person für die Wende und das ist der Mensch, den ich jetzt am liebsten in Deutschland treffen möchte.
Hoffen Sie, dass es eines Tages möglich sein wird, Ihre Texte in China unbehelligt zu veröffentlichen?
Bei: Vielleicht wird man in fünf Jahren merken, dass sich etwas bewegt. Manche Verlage könnten etwas mehr Freiheiten bekommen. Wir können froh sein, dass wir Taiwan haben und dass Honkong sich seine Meinungsfreiheit bewahrt hat. Ich glaube nicht, dass man meine Bücher in China kaufen kann, solange ich lebe. Vielleicht nach meinem Tod. Vielleicht werden sich die Chinesen in 20 Jahren daran erinnern, dass es Autoren wie mich im Ausland gab.
amg/nak/reu/news.de