Von Gerd Korinthenberg
Rund 25 Jahre haben Tanztheater-Legende Pina Bausch und Filmregisseur Wim Wenders über einen gemeinsamen Film geredet. Als Wenders zur Kamera griff, starb Bausch. Pina wird somit zum ungeplanten cineastischen Vermächtnis - und das in 3D.
In dichten Schwaden wirbelt der Staub von der knöcheltief mit Torf bedeckten Bühne, drei Dutzend Männer und Frauen des weltweit gefeierten Tanztheaters Wuppertal zeigen Das Frühlingsopfer. Wie ein High-Tech-Raumschiff mit Kabeln und Blinklämpchen schwebt am langen Kran eine Filmkamera über den zum Musik-Stakkato Igor Strawinskijs wirbelnden Tänzern: Wim Wenders dreht Pina.
Der noch ein wenig am amerikanischen Modern Dance orientierte Wuppertaler Klassiker von 1975, mit dem Pina Bausch ihre Revolution zum Tanztheater einleitete, ist ein Hauptbestandteil des abendfüllenden Tanzfilms Pina, den der 64-jährige Wenders derzeit im Opernhaus von Wuppertal dreht.
Nach dem überraschenden Krebstod der Star-Choreographin Ende Juni wird der voraussichtlich Anfang 2011 in den Kinos startende Film nun zum ungeplanten cineastischen Vermächtnis der Bausch. Fast vier Jahrzehnte lang krempelte die Solinger Gastwirtstochter mit ihren Tanz-Collagen zu existenziellen Themen wie Tod und Leben, zu Kindheit und Alter, zum Verhältnis der Geschlechter die Tanzwelt um und wurde dafür weltweit bejubelt.
Seit den 1980er Jahren habe er mit Pina Bausch über diesen Film gesprochen, schildert Wenders: Erst mit der für ihn völlig neuen 3D-Technik, bei der mit zwei parallelen Kameras gedreht wird, habe er nun die geeignete Möglichkeit für die räumliche Darstellung des Bühnengeschehens gefunden. «Man sieht die unglaubliche Arbeit des Ensembles und Pinas Vermächtnis auf adäquate Weise», sagt der international angesehene Filmemacher. «Es ist ein bisschen so, als ob man in einer privilegierten Reihe im Theater sitzt.»
Die klassische, zweidimensionale Leinwand verschwindet: «Sie ist eigentlich nur das Fenster, vor und hinter dem Dinge geschehen», schildert Wenders den ungewohnten Raum-Eindruck, durch den beispielsweise Tänzer nun auch gestaffelt hintereinander auftreten können. Dies mache auch eine völlig neue Planung der einzelnen Filmszenen nötig, die «in einer anderen Ästhetik» entstehen.
Dem Ensemble habe sehr geholfen, dass zumeist während normaler Aufführungen vor Publikum gedreht wurde, erklärt Tänzer Dominique Mercy als neuer künstlerischer Tanztheater-Leiter und «alter» Weggefährte Pina Bauschs. Die Kamera als «Verlagerung der Augen des Zuschauers» - der Riesen-Apparat auf der Bühne sei ungewöhnlich gewesen.
Selbstverständlich werde er an keinem Punkt in die noch mit der Tanzkünstlerin für den Film verabredeten Choreographien von Café Müller, Frühlingsopfer und Vollmond als Regisseur eingreifen, verspricht Wenders. Er wolle in seinen Tanzfilm auch älteres Dokumentarmaterial einarbeiten. «Aber ich denke, es wird kein wortreicher Film werden».
Zwar gebe es eine Reihe von Berührungspunkten zwischen dem Kino und dem Tanztheater von Pina Bausch, denn beides sei «enorm visuell», beschreibt Wenders: «Aber Pina hat es geschafft, in Regionen voranzugehen, wo der Film nicht hinkommt.» Wie zur symbolischen Bekräftigung der authentischeren Bühnen-«Wirklichkeit» verletzt sich die Tänzerin Aida Vainieri bei den Dreharbeiten von Cafe Müller am Fußknöchel. Das Rot auf ihrem weißen Kleid ist kein Kinoblut.
kat/amg/news.de/dpa