Sa., 04.02.12

Interview mit Ken Loach «Ich bin jeden Samstag im Stadion»

Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald

Artikel vom 03.11.2009

Er hat stets die kleinen Leute im Blick: Regisseur Ken Loach. Nach etlichen Sozialdramen präsentiert er nun eine Komödie um einen Briefträger und die Fußballer-Legende Eric Cantona. Im Interview spricht er über Stadionbesuche, Geld im Fußball und die Krise.

03.11.2009
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Eine Komödie würde man von Ken Loach nicht unbedingt erwarten – wie kam es dazu?

Loach: Nach den zwei letzten Filmen, die sehr schwere Themen behandelten, gefiel mir die Idee, einen Film zu machen, der die Leute lächeln lässt. Jemand hat einmal ganz richtig gesagt: Eine Komödie ist ein Tragödie mit einem Happy End. Die Lage von Eric hätte sich ja genauso gut dramatisch verschlechtern können.

War dieser leichte Stoff leichter zu bewältigen als Ihre politisch schwere Kost?

Loach: Komödie im Kino sollte subtil sein – das ist nicht gerade meine Stärke. (lacht) Auf der Bühne ist das einfacher: Man kann bewusst einen auf komisch machen, ein Lacher jagt den nächsten. Im Film brauchen die Szenen aber zudem eine gewisse Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, was einen anderen Rhythmus erfordert. Weil man den Stil nicht ständig ändern kann, verzichten wir auf die großen Lacher und setzen auf die menschliche Beobachtung.

Wie haben Sie den Fußball-Star Eric Cantona für Ihren Film gewonnen?

Loach: Der Kontakt kam durch einen französischen Produzenten zustande. Zunächst dachten wir, das wäre ein Witz. Aber es stellte sich heraus, dass Eric einen Film machen wollte, der vom Verhältnis zu seinen Fans handelt – ein Verhältnis, das ja auf großer gegenseitiger Bewunderung beruht. Da wir bereits etliche Filme über einfache Leute in Manchester gedreht haben, hielt er uns wohl für die richtige Adresse.

Sie sind Fan des Regional-Liga Fußballclubs Bath, Cantona spielte für Manchester United – finden Sie die reichen Clubs mit ihren Fußball-Millionären nicht etwas unsympathisch?

Loach: Man muss zwei Dinge unterscheiden: Es gibt die internationalen Investoren, die sich Clubs kaufen ohne jede Liebe für Fußball. Und es gibt das virtuose Spiel, das von diesen Clubs geboten wird – Manchester United steht einfach für atemberaubenden Fußball. Die Spieler riskieren etwas und wollen unbedingt Tore machen. Natürlich ist bedauerlich, dass die großen Clubs der ersten Liga finanziell gesehen wie Konzerne sind. Die Struktur ist furchtbar, doch die Spieler sind fantastisch.

Welche Bedeutung hat Fußball aus Ihrer Sicht?

Loach: Für sehr viele Menschen bedeutet Fußball sehr viel. Vor allem für Männer ist der Samstag deswegen der wichtigste Tag der Woche – ich bin jeden Samstag selbst im Stadion! In 90 Minuten durchlebt man von der totalen Verzweiflung bis zur völligen Begeisterung das ganze Spektrum von Emotionen. Es ist wie eine große Gemeinschaftstherapie.

Wäre Ihr Held eher Cantona oder Fellini?

Loach: Vermutlich eher Cantona als Fellini! (lacht) Wobei mir die Idee von Helden prinzipiell missfällt. Jemand sagte einmal: ‹Unglücklich ist ein Land ohne Helden.› Und bei Brecht heißt die Antwort: ‹Unglücklich ist das Land, das Helden braucht.›

Dennoch gehören Fußballer längst zum Star-System ...

Loach: Großartige Spieler, die kreativ und spontan sind, verdienen jeden Applaus ihrer Fans. Aber wenn sie dadurch zu abgehobenen Stars werden, habe ich dabei ein etwas ungutes Gefühl.

Was macht die besondere Qualität von Cantona aus?

Loach: Er ist ein Original, er ist clever, scharfsinnig und blickt über den Rand des Spielfelds hinaus. Wenn Eric den Raum betritt, dann weiß jeder, dass er da ist. Über so viel Charisma verfügen nur sehr wenige Menschen. Schauspieler erzählen gerne, wie sie von der Bühne mit dem Publikum kommunizieren – Eric macht das auf dem Spielfeld, mit 70.000 Zuschauern.

Wie waren die Dreharbeiten mit ihm?

Loach: In Manchester gilt Eric bis heute als ganz großer Star. Zum ersten Mal in meiner Karriere hatte ich Paparazzi an meinem Set. Wenn man mit Eric über die Straßen geht, dann bricht tatsächich der Verkehr zusammen, weil jeder seine Hand schütteln will. Ich war einmal mit ihm bei einem Spiel. Die Leute sangen Cantona-Songs – als sie entdeckten, dass er anwesend war, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Erwachsene Männer hatten Tränen in den Augen.

Wie gut passt der Film zur Krise: Ein kleines «Yes, we can» im großen Jammertal?

Loach: Filme brauchen gut zwei Jahre Vorbereitung, auf die aktuelle Krise hätten wir gar nicht reagieren können. Natürlich kann man einen politischen Bezug herstellen, wenn man es möchte: Unser Film handelt von Solidarität. Die Krise verdanken wir dem Gegenteil, der Gier des Einzelnen. Erst das gemeinsame Handeln und nicht die Konkurrenz führt im Film zum Erfolg.

YouTube spielt eine entscheidende Rolle in Ihrem Film – wie schätzen Sie die Bedeutung von solchen Internet-Plattformen ein?

Loach: Wie die Figur Meatball im Film habe auch ich absolut keine Ahnung von YouTube – das war alles die Idee von Drehbuchautor Paul Laverty.

Macht Ihnen das Filmen Spaß oder ist es ein mühsamer Prozess?

Loach: Filmemachen ist harte Arbeit, insbesondere die Dreharbeiten, wenn man täglich um 7 Uhr mit der Arbeit beginnt. Erst später im Schneideraum wird es wesentlich angenehmer. Man kommt um 9 Uhr, geht um 17 Uhr und kann ein normales Leben führen. Wenn man dreht, ist das nicht mehr so – das ist ein Job für jüngere Leute. (lacht)

bla/reu/news.de
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