Von Sabine Glaubitz
Marie NDiaye gilt als «Wunderkind» der französischen Gegenwartsliteratur. Mit 42 Jahren kann sie auf rund 20 Romane und Novellen blicken. Nun wurde NDiaye als erste dunkelhäutige Französin mit dem Literaturpreis «Prix Goncourt» ausgezeichnet.
«Lesen war immer mein Hobby, aber Schreiben ist etwas, das muss ich tun», erklärte die Französin ihre Schreibbesessenheit. Ihren ersten Roman veröffentlichte NDiaye mit knapp 18 Jahren. Seitdem macht die selbstbewusste und mehrfach Ausgezeichnete, die für ihren jüngsten Roman Trois femmes puissantes (etwa: Drei starke Frauen) nun ausgezeichnet wurde, regelmäßig von sich reden.
Wie französische Medien berichteten, setzte sich die Autorin bereits im ersten Wahlgang mit ihrem jüngsten Roman für den «Goncourt» durch. Das preisgekrönte Werk beschreibt die Lebensgeschichte dreier Frauen im Spannungsfeld zwischen Afrika und Frankreich. Der seit 1903 verliehene «Prix Goncourt» wird für den besten französischsprachigen Roman des Jahres vergeben. Die Auszeichnung ist zwar nur mit symbolischen zehn Euro dotiert, sie führt aber in der Regel zu hohen Auflagen.
NDiaye ist die Tochter eines Senegalesen und einer Französin, dennoch hat ihre doppelte Herkunft sie nicht zu einer Suchenden nach ihrem Ursprung gemacht. «Ich habe keine doppelte Kultur, schade eigentlich, aber gleichzeitig musste ich auch nicht unter dem Zerrissensein leiden, das oft damit einhergeht», erklärte die Autorin einmal. NDiaye wurde in Frankreich geboren, in Pithiviers bei Orléans, wo sie auch groß wurde. Ihren Vater lernte sie erst mit elf Jahren kennen. Sie sei in einem Milieu erwachsen geworden, das einfach und gewöhnlich gewesen sei.
«Was ich von der Welt weiß und vom Leben in Frankreich, ist dort entstanden, in einer tristen, farblosen Provinz», sagte sie einmal. Vielleicht rührt daher ihre nüchterne, aber sehr präzise Sprache, die alle ihre Werke und Geschichten auszeichnet, die oft von Frauen und ihren Familien in schwierigen Lebenssituationen handeln. Ihr eigenwilliger Stil wird gern mit dem des «Nouveau roman» verglichen, einem Stil ohne Pathos und Schnörkel.
Rosie Carpe brachte den Durchbruch
Ihre abgeklärte Schreibe ist für NDiaye ein Werkzeug geworden, um ihre Situation als Schriftstellerin und als Farbige besser zum Ausdruck zu bringen. «Ich fühle die Fremdheit, Schriftsteller zu sein in einer Gesellschaft, wo die meisten das nicht sind. Das sondert mich ab. Ich spüre sie auch als Farbige, aber nicht schmerzlich, vielmehr objektiv», meinte sie.
Einer ihrer meist verkauften Romane ist Rosie Carpe, mit dem ihr der endgültige Durchbruch im Ausland gelang. Darin geht es um eine junge Frau, die im Tropenparadies Guadeloupe ihr Glück sucht. Der Roman schaffte es auf die französische Bestsellerliste, wurde in rund 15 Sprachen übersetzt und 2001 mit dem «Prix Femina» ausgezeichnet. Heute lebt das französische «Wunderkind» mit ihrer Familie in Berlin.
Der zeitgleich zum «Prix Goncourt» vergebene Renaudot-Preis ging an Frédéric Beigbeder für Un roman français (Ein französischer Roman), der im Vorfeld als eines seiner besten Werke gelobt wurde. In dem Roman beschreibt das Enfant terrible der französischen Literatur, wie er mitten in Paris wegen Drogenkonsums festgenommen wird und 48 Stunden in Untersuchungshaft sitzt.
kat/amg/news.de/dpa