Interview mit Mando Diao «Wir suchen einen neuen Kick»

Mando Diao (Foto)
Die fünf Schweden von Mando Diao sind die derzeit erfolgreichste Rockband in Deutschland. Bild: Emi

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Mando Diao haben gerade eine umjubelte Deutschlandtour hinter sich. News.de sprach mit Sänger Gustaf Norén und Schlagzeuger Samuel Giers über Robbie Williams, das Älterwerden und die Frage, ob England überbewertet ist.

In Deutschland füllen Mando Diao mittlerweile die Arenen. Ist das die Größenordnung, von der ihr immer geträumt hattet?

Norén: Nein. Dass wir jetzt jeden Abend in großen Hallen spielen, ist auch für uns selbst eine Riesen-Überraschung. Sonst treten hier U2 oder die Red Hot Chili Peppers auf, und an diese Liga hatten wir nie gedacht. Als wir anfingen, wären wir schon zufrieden gewesen, wenn wir so erfolgreich geworden wären wie Velvet Underground oder die Smiths. Die haben vor vielleicht 2000 Fans gespielt.

Bei Eurem Auftritt in Berlin habt ihr aber sogar Robbie Williams die Show gestohlen. Ihn haben am Nachmittag 7000 Fans gesehen – abends waren 8500 bei Mando Diao. Dabei war Robbies Konzert sogar kostenlos.

Mando Diao
Aus Borlänge in die weite Welt

Giers: Wir haben erst am nächsten Tag erfahren, dass Robbie Williams auch in der Stadt war. Dass wir mehr Zuschauer haben als er, ist irre – auch für uns.

Was haltet ihr von seinem Comeback?

Giers: Er scheint nicht gerade der schlaueste Mensch der Welt zu sein. Aber das, was er tut, macht er wirklich gut. Und er hat die richtigen Leute um sich herum. Man merkt, dass da echte Profis am Werk sind.

Norén: Bei ihm steckt eine ganze Industrie dahinter – bei uns wird alles von den fünf Leuten in der Band entschieden. Aber ich denke, dass er wirklich ein guter Performer ist. Sein Erfolg und die Tatsache, dass er schon so lange dabei ist, sprechen da für sich. Denn man kann einem Publikum niemals etwas vormachen.

Bei Mando Diao scheint das auch zu funktionieren. Fast sieht es aus, als ob ihr mit jedem Album ein neues Publikum gewinnt, ohne die alten Fans durch die neue Entwicklung zu verprellen.

Norén: Das stimmt nicht ganz. Never Seen The Light Of The Day hat sich deutlich schlechter verkauft als die Platten davor. Viele Fans, die sich ein Jahr vorher Ode To Ochrasy wegen der Singles und dem eher britischen Sound gekauft hatten, konnten mit dem Album nichts mehr anfangen. Aber diesen oberflächlichen Fans trauere ich auch nicht nach. Never Seen The Light Of The Day war trotzdem eine wichtige Platte für uns, denn sie hat uns viele sehr enthusiastische, echte Fans gebracht.

Man könnte befürchten, dass sich dieser Effekt nach dem großen Erfolg von Give Me Fire beim nächsten Album wiederholen könnte.

Norén: Das glaube ich nicht. Natürlich sind wir mit diesem Album noch einmal in eine ganz neue Dimension vorgestoßen. Dance With Somebody ist ein echter Radio-Hit und wir werden plötzlich in einer Reihe mit Leuten wir Britney Spears gespielt. Es gibt sicher Leute, die zu unseren Konzerten kommen, und nur diesen einen Song von uns kennen. Aber sie werden trotzdem nicht enttäuscht sein. Denn Live-Musik ist eine fantastische Form der Unterhaltung. Und wenn wir live spielen, dann bekommt man das in Reinform. Selbst Leute, die Mando Diao gar nicht mögen, können bei unseren Konzerten viel Spaß haben.

Giers: Es ist wirklich für jeden etwas dabei, egal ob er gerne Soul hört oder Heavy Metal oder irgendetwas anderes. Wenn man Musik mag, wird einem die Show gefallen.

Merkt ihr, dass sich das Publikum verändert?

Norén: Oh ja. Die Leute sind älter als früher. Es gibt natürlich viele Fans der ersten Stunde, die jetzt Ende 20 sind. Aber man sieht jetzt auch 40- und 50-Jährige im Publikum, Eltern mit ihren Kids. Da bin ich mir sicher, dass die nicht Bring 'Em In gekauft haben, aber das ist auch okay. Man merkt: Die haben uns vielleicht im Radio gehört, dann das Album gekauft und erkennen da einiges wieder, was sie früher in ihrer eigenen Jugend toll fanden.

Was können sie vom nächsten Album erwarten?

Norén: Wir werden keine Platte für das ältere Publikum machen. Jedenfalls nicht absichtlich (lacht). Wir werden einen neuen Kick, einen neuen Rausch suchen. Uns gefällt zurzeit sehr viel Tanzbares, Soul oder elektronische Musik. Vielleicht wird es in diese Richtung gehen.

Dance With Somebody habt ihr einmal «den einfachsten Song, den wir je geschrieben haben» genannt. Gleichzeitig ist es der bisher größte Hit. Ist die Zukunft von Mando Diao also ganz simpel?

Giers: Das lässt sich nie sagen. Wenn man einen Song schreibt oder eine Platte aufnimmt, dann weiß man nie, was passiert und was dabei herauskommen wird.

Norén: Man kann das wirklich nicht planen. Dance With Somebody ist wirklich sehr einfach, und im Nachhinein ist es einleuchtend, dass das Lied so beliebt ist. Es hat etwas, das andere Songs von uns nicht haben. Aber es lässt sich eben nicht genau sagen, was dieses Etwas ist. Und man kann es erst recht nicht auf Knopfdruck erzeugen. Es gibt keine Formel.

Lesen Sie auf Seite 2, ob Mando Diao aufhören, wenn sie 30 sind...

Ihr habt einmal gesagt, dass man Mando-Diao-Musik nicht ewig machen kann. Spätestens mit 30 habe man nicht mehr genug Power für den echten Rock’n'Roll. Ist das etwas, was ihr fürchtet?

Giers: Wir merken das zum Beispiel, wenn wir Sheepdog spielen. Für uns ist das ein sieben Jahre alter Song, und es ist schwierig, sich in diese Zeit zurückzuversetzen. Wir haben das Lied damals mit einer ganz anderen Energie aufgenommen, es war Wut, Sturm und Drang. Seitdem haben wir uns verändert und eine ganz andere Vorstellung von der Band.

Norén: Um die Musik zu machen, für die Mando Diao steht, braucht man Leidenschaft. Und ich bezweifle, dass man diese Leidenschaft noch hat, wenn man älter wird. Niemand will, dass Mando Diao alt und irrelevant werden. Auch wir selbst und unsere Fans nicht. Jeder will, dass wir aufhören, wenn wir auf dem Gipfel sind.

Ist der Gipfel schon in Sicht?

Norén: Das weiß man nie. Wenn man einen 85-Jährigen fragt, wie lange er noch zu leben hat, dann kann er es auch nicht beantworten. Als wir Give Me Fire gemacht haben, dachten wir schon, dass es vielleicht das letzte Album sein könnte. Auch die nächste Platte könnte die letzte von Mando Diao sein. Man weiß nie. Wir können nur vom Jetzt sprechen. Und jetzt sind wir jung und haben noch mehr als genug Energie.

Giers: Wir merken aber auch, dass wir sorgsam damit umgehen müssen, damit wir uns diese Kraft und den Spaß bewahren können. Deshalb werden wir in Zukunft sicher nicht mehr 200 Konzerte pro Jahr spielen.

Welche Ziele hat die Band noch? England muss beispielsweise noch erobert werden.

Norén: Das ist mir nicht so wichtig. England ist überbewertet. Natürlich bewundern wir, was dort in den Sixties für die Popmusik geleistet wurde. Aber seitdem hat sich kulturell wenig getan – und die Engländer ruhen sich immer noch auf den alten Lorbeeren aus. Deshalb klingen auch alle britischen Bands gleich. Und sobald jemand dort mal wagt, Elemente aus anderen Kulturen einzubauen, wird es sofort ein Riesenerfolg, wie bei Amy Winehouse oder Duffy.

Auch in den USA sind Mando Diao noch weitgehend unbekannt. Seht ihr eine Chance, das zu ändern?

Giers: Ich weiß nicht. Wir waren dort schon auf Tour und ich fand es ein bisschen seltsam. Ein paar Wochen kann man es sicher gut aushalten. Aber auf Dauer hätte ich vielleicht ein Problem mit der Oberflächlichkeit.

Norén: Die Amerikaner sind eben Verkäufer. Sie verkaufen alles, auch ihre Seele. Aber musikalisch ist das Land extrem spannend. Überall ist Musik, und es gibt eine unglaubliche Vielfalt: Blues, Jazz, Soul, Funk, HipHop, Punk – alles. Als wir in New Orleans waren, sind wir zufällig in eine Bar gekommen. Dort hat eine alleinerziehende Mutter mit einer Band gespielt, sie hat eine Soul-Version von Proud Mary gesungen. Es war Nachmittag und es waren vielleicht 15 Leute im Publikum. Aber die Musik war irre. Wenn wir da den Durchbruch schaffen könnten, wäre das riesig.

Die USA rücken also stärker in euren Fokus?

Norén: Nicht, was das Business oder die Konzerte angeht, aber musikalisch. Bluegrass, Country & Western, HipHop, neue Indiebands wie MGMT – all das lieben wir, und das wird sich auch auf unsere Musik auswirken.

mik/amg/reu/news.de

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