Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
In der Kleinstadt Beeskow fand 2004 ein grausames Verbrechen statt. Eines, das durch die Medien ging, eines, das heute fast vergessen ist. Regisseur Christian Klandt stammt aus Beeskow und hat einen Film über die Tat gedreht. Ein beeindruckendes Erstlingswerk.
Kennen Sie Beeskow noch? Nein? Diese Kleinstadt im Osten Brandenburgs, 80 Kilometer von Berlin? Nein? Aber Sie kennen Winnenden oder? Sie kennen Emsdetten? Oder Ansbach? In Beeskow hatten 2004 zwei Jugendliche einen Obdachlosen angezündet und lebensgefährlich verletzt. Der Fall ging durch die Medien. Heute aber ist Beeskow fast vergessen.
Christian Klandt kommt aus Beeskow, und der Regiestudent hat einen Film über das grausame Verbrechen von damals gedreht. Eigentlich nur für die 9000 Einwohner seiner Heimatstadt. Eigentlich nur im Rahmen seines Studiums. Eigentlich ein Film, der keine großen Wellen schlagen sollte. Inzwischen aber ist er mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet worden, am 5. November kommt er in die Kinos.
Christian Klandt ist etwas gelungen, was man gemeinhin als Spagat bezeichnen könnte. Ein Spagat zwischen Sozialdrama und Porträt, sowohl der Figuren als auch seiner Stadt. Ein Spagat zwischen Tristesse und Schönheit, zwischen Brutalität und Anmut. Ein Spagat zwischen schauspielerischer Professionalität und szenischer Unvollkommenheit.
Keine Erklärung für das Verbrechen
Auf einen Spagat aber hat Klandt sich glücklicherweise nicht eingelassen. Auf den Spagat zwischen Gut und Böse. Er gewichtet nicht, stellt sich nicht auf eine Seite. Er wertet nicht, sondern zeigt, beschreibt – nah dran, emotional, aber letztlich, ohne es dem Zuschauer leicht zu machen, ohne Antworten zu liefern.
Er zeigt die Tat in all seiner Grausamkeit, er zeigt aber auch das Davor und das Danach. Er zeigt den Ort und seine Bewohner, die Rituale, die Stimmung, er zeigt, wie es zu einem solchen Verbrechen kommen konnte, ohne es zu erklären.
Und so bleibt die Frage nach dem Warum auch nach dem Film bestehen. So bleibt der Schmerz über eine solche Tat ebenso groß wie die Rührung über die Landschaft, die Tragik der Figuren, und so bleibt die Frage nach der eigenen Verantwortung der Beeskower ebenso im Raum stehen wie die nach der eigenen Verantwortung im täglichen Umgang miteinander.
Ein Film mit heilender Wirkung
Klandts Film, der eigentlich nur an seine Heimatstadt gerichtet sein sollte, geht so weit über deren Grenzen hinaus. Auch durch die großartigen Schauspieler. Florian Bartholomäi (Kombat Sechzehn, Der Vorleser) und Gerdy Zint, der eigentlich Dachklempner ist, als Täter, Karoline Schuch (Wilde Jungs, Heimatfilm) und Henrike vun Kuick (Der Baader Meinhof Komplex) als Freundinnen oder der begnadete Hendrik Arnst (Die Päpstin) als Kioskbesitzer Heinrich, sie alle spielen weniger als dass sie sind, sie alle stellen weniger dar, als dass sie erzählen, vorführen, vermitteln.
Und sie alle, Klandt, sein Team, seine Darsteller, werfen in diesem Film Fragen auf, auch vor dem Hintergrund von Winnenden, Emsdetten, Ansbach oder zuletzt München und all den anderen Orten, die im Gedächtnis bleiben oder wieder daraus verschwinden. Fragen nach gesellschaftlicher Verantwortung, nach dem Hinsehen, dem Wegsehen, dem Teilhaben. Sie haben einen Film geschaffen, der in all den Diskussionen um Gewalt und Kriminalität heilende Wirkung hat, die Wirkung, nach dem beiläufigen Wahrnehmen wieder wirklich hinzusehen, nach dem oberflächlichen Beileid wieder wirklich berührt zu sein, sich nach einem kurzen Aufhorchen wieder ernsthaft mit sich selbst und seiner Umgebung zu beschäftigen.
Bei all den Fragezeichen, die der Film – ein wichtiger Film– hinterlässt, bei all der Ratlosigkeit, der Trauer und der Wut, die er erzeugt, gibt es schlussendlich aber doch eine Frage, die er beantwortet. Die Frage nach der Lage von Beeskow. Denn Beeskow liegt nicht in Brandenburg. Beeskow ist nicht der Osten. Beeskow ist überall. Auch da, wo Sie wohnen.
Titel: Beeskow
Regisseur: Christian Klandt
Hauptdarsteller: Florian Bartholomäi, Gerdy Zint, Karoline Schuch, Hendrik Arnst, Justus Carriere, Jürgen A. Verch, Henrike von Kuick, Veit Lowack, Franziska Krumwiede
Spielzeit: 104 Minuten
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2007/2008
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 5. November 2009