Ein Funktionär bringt alles außer Kontrolle
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Artikel vom 02.11.2009
Ein Blatt Papier, ein Mann, ein Irrtum: Als Günter Schabowski Reisefreiheit für die Ostdeutschen verkündet, soll das die DDR vor dem Untergang bewahren. Doch er versetzt ungewollt dem SED-Staat den Todesstoß, wie eine Doku beweist.
Hektisch kramt Günter Schabowski nach dem Schriftstück. Eine Stunde hat der Sprecher des Zentralkomitees die Weltpresse mit dem üblichen sozialistischen Geschwätz gelangweilt. Um 18.51 Uhr fällt ihm plötzlich ein, dass er noch einen Zettel verlesen soll, der ihm von SED-Generalsekretär Egon Krenz ausgehändigt wurde. Darauf stehen Sätze wie: «Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen.» Die Journalisten sind plötzlich hellwach, sie können ihren Ohren nicht trauen. Im Saal wird es unruhig. Englischsprachige Journalisten glauben an einen Übersetzungsfehler. Was? Die DDR gewährt Reisefreiheit? Ja, es scheint zu stimmen. Deshalb brennt vor allem eine Frage: Ab wann gilt diese Regelung? Zögerlich antwortet Schabowski: «Ab sofort.»
Zwei Wörter, ein Irrtum. Tatsächlich liegt auf dem Vermerk eine Sperrfrist, doch das hat Krenz seinem Genossen nicht mitgeteilt. Es ist der Schlusspunkt in einer Verkettung vieler Ereignisse, in deren Verlauf das SED-Obrigkeitsregime außer Kontrolle gerät. Zugleich ist es der Schlusspunkt der 40-jährigen DDR-Geschichte. Doch die Tragweite seiner Worte erkennt Schabowski nicht. Während tausende DDR-Bürger an die Grenzübergänge strömen, fährt der hohe SED-Funktionär seelenruhig in seine Villa nach Berlin-Wandlitz. Als er dort ankommt, existiert die DDR bereits nicht mehr. Es ist der 9. November 1989, die Nacht in der die Mauer fiel.
Ein junger Funktionär kostet den Überwachungsstaat die Kontrolle
In dem 75-minütigen Doku-Drama Schabowskis Zettel, das heute Abend um 21 Uhr im Ersten zu sehen ist, zeichnen die beiden Autoren Marc Brasse und Florian Huber die chaotischen letzten Stunden des SED-Staates nach. Mit noch nie zuvor gesendeten Bildmaterial vom 9. November gehen die Filmemacher dabei vor allem einer zentralen Frage nach: Wie konnten ausgerechnet in einem bürokratischen Überwachungsstaat wie der DDR ein außer Kontrolle geratener Zettel und ein Zufall den Lauf der Weltgeschichte so drastisch verändern? Mit vielen Aussagen von Zeitzeugen, verpackt in einer durchaus spannenden Dramaturgie, schildern sie dabei die vielen Fehleinschätzungen, die unbedachten Handlungen und die eigenmächtigen Entscheidungen, die der Pressekonferenz vorausgegangen sind und letztendlich in der Summe der DDR den letzten Todesstoß versetzt haben.
Alles beginnt am Morgen des 9. November. Tausende DDR-Bürger sind in den Wochen zuvor über die Grenzen der sozialistischen Bruderländer geflüchtet. Der DDR droht der Untergang. Deshalb soll im DDR-Innenministerium der junge Funktionär Gerhard Lauter eine neue Reiseregelung ausarbeiten. Wer weg will, soll gehen dürfen – aber nur unter einer Bedingung: Eine Rückkehr ist dann ausgeschlossen. Für alle Zeit. Doch Lauter will das nicht mittragen, ändert entgegen des Auftrags aus dem Politbüro die Regelung eigenmächtig und verordnet die totale Reisefreiheit für alle – wenn auch langfristig, bürokratisch und geordnet. Streng nach Vorschrift reicht er das Papier dann am Nachmittag im Zentralkomitee ein. Dort wird es durchgewunken, die oberen Herren reden sich – statt das Papier ernsthaft zu lesen – bis tief in die Nacht die Köpfe heiß. Schließlich landet der Zettel bei Schabowski. Die Geschichte nimmt den bekannten Verlauf.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
In Berlin wurden die Preise des internationalen Fernseh- und Hörfunk-Wettbewerbs «Prix Europa» verliehen. Unter den mehr ...
In anderen Staaten wären Städte oder Schulen nach ihnen benannt worden. Denkmäler würden zentrale Plätze mehr ...
Zehntausende Menschen beim «Lichterfest», Politprominenz beim Festakt im Gewandhaus: Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall mehr ...
Deutschland feiert die Wiedervereinigung - und das bundesweit. In Saarbücken nimmt die Politprominenz an einem mehr ...
Fußball öffnete in der DDR Türen, manchmal aber auch das Tor in den Westen. Ein mehr ...
Angeblich ist er verständnisvoll, einfühlsam und ein toller Liebhaber: der Mann aus dem Osten. Doch mehr ...
Der real existierende Sozialismus in der SBZ war ein einziger Weg in die Ausbeutung von Menschen, Sachen und Natur.Die 2. Heimsuchung des Leides des deutschen Volkes. Die Verknechtung der Bewohnung durch das sozialfaschistische Regime fand daher nicht sein Ende in Schabowski´s Botschaft,sondern lebt in den politischen Angeboten der heutigen Linken weiter.Die Unterwerfungserklärung der Linken fehlte.Sie fehlte,weil Lafontaine mit seiner Kritik an Kohl schon damals plante,den Sozialismus auf möglichst hohem Niveau in den anderen Teil Deutschlands zu tragen.R fordert:Gebt den Linken keine Chance
jetzt antwortenKommentar meldenWas macht es uns Alten Eichen wenn sich die Säue daran reiben! Herr Schabowski, das haben sie mit einer schauspielerischen Glanzleistung toll gemacht! Gerade Ihnen ist zu verdanken, das alles seinen "Sozialistischen Gang" machte. Was Sie alles im Hintergrund gemacht haben, wollen wir -auch für zukünftige "Putsche"- nicht wissen-. Geschichte schreiben immer die "Grauen Emminenzen", es wird Ihnen schon mal gedankt werden. "Die listigen dieser Welt werden durch List entlarvt"!
jetzt antwortenKommentar meldenDer Zettel war kein Zufall... DDR bzw. der MargotSozialismus konnte nur durch Mauerfall überleben, da die frisches Geld brauchten und es hat ja funktioniert. Der SprücheUnfug mobilisiert erneut die Jugend
jetzt antwortenKommentar melden