Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Ein Blatt Papier, ein Mann, ein Irrtum: Als Günter Schabowski Reisefreiheit für die Ostdeutschen verkündet, soll das die DDR vor dem Untergang bewahren. Doch er versetzt ungewollt dem SED-Staat den Todesstoß, wie eine Doku beweist.
Hektisch kramt Günter Schabowski nach dem Schriftstück. Eine Stunde hat der Sprecher des Zentralkomitees die Weltpresse mit dem üblichen sozialistischen Geschwätz gelangweilt. Um 18.51 Uhr fällt ihm plötzlich ein, dass er noch einen Zettel verlesen soll, der ihm von SED-Generalsekretär Egon Krenz ausgehändigt wurde. Darauf stehen Sätze wie: «Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen.» Die Journalisten sind plötzlich hellwach, sie können ihren Ohren nicht trauen. Im Saal wird es unruhig. Englischsprachige Journalisten glauben an einen Übersetzungsfehler. Was? Die DDR gewährt Reisefreiheit? Ja, es scheint zu stimmen. Deshalb brennt vor allem eine Frage: Ab wann gilt diese Regelung? Zögerlich antwortet Schabowski: «Ab sofort.»
Zwei Wörter, ein Irrtum. Tatsächlich liegt auf dem Vermerk eine Sperrfrist, doch das hat Krenz seinem Genossen nicht mitgeteilt. Es ist der Schlusspunkt in einer Verkettung vieler Ereignisse, in deren Verlauf das SED-Obrigkeitsregime außer Kontrolle gerät. Zugleich ist es der Schlusspunkt der 40-jährigen DDR-Geschichte. Doch die Tragweite seiner Worte erkennt Schabowski nicht. Während tausende DDR-Bürger an die Grenzübergänge strömen, fährt der hohe SED-Funktionär seelenruhig in seine Villa nach Berlin-Wandlitz. Als er dort ankommt, existiert die DDR bereits nicht mehr. Es ist der 9. November 1989, die Nacht in der die Mauer fiel.
Ein junger Funktionär kostet den Überwachungsstaat die Kontrolle
In dem 75-minütigen Doku-Drama Schabowskis Zettel, das heute Abend um 21 Uhr im Ersten zu sehen ist, zeichnen die beiden Autoren Marc Brasse und Florian Huber die chaotischen letzten Stunden des SED-Staates nach. Mit noch nie zuvor gesendeten Bildmaterial vom 9. November gehen die Filmemacher dabei vor allem einer zentralen Frage nach: Wie konnten ausgerechnet in einem bürokratischen Überwachungsstaat wie der DDR ein außer Kontrolle geratener Zettel und ein Zufall den Lauf der Weltgeschichte so drastisch verändern? Mit vielen Aussagen von Zeitzeugen, verpackt in einer durchaus spannenden Dramaturgie, schildern sie dabei die vielen Fehleinschätzungen, die unbedachten Handlungen und die eigenmächtigen Entscheidungen, die der Pressekonferenz vorausgegangen sind und letztendlich in der Summe der DDR den letzten Todesstoß versetzt haben.
Alles beginnt am Morgen des 9. November. Tausende DDR-Bürger sind in den Wochen zuvor über die Grenzen der sozialistischen Bruderländer geflüchtet. Der DDR droht der Untergang. Deshalb soll im DDR-Innenministerium der junge Funktionär Gerhard Lauter eine neue Reiseregelung ausarbeiten. Wer weg will, soll gehen dürfen – aber nur unter einer Bedingung: Eine Rückkehr ist dann ausgeschlossen. Für alle Zeit. Doch Lauter will das nicht mittragen, ändert entgegen des Auftrags aus dem Politbüro die Regelung eigenmächtig und verordnet die totale Reisefreiheit für alle – wenn auch langfristig, bürokratisch und geordnet. Streng nach Vorschrift reicht er das Papier dann am Nachmittag im Zentralkomitee ein. Dort wird es durchgewunken, die oberen Herren reden sich – statt das Papier ernsthaft zu lesen – bis tief in die Nacht die Köpfe heiß. Schließlich landet der Zettel bei Schabowski. Die Geschichte nimmt den bekannten Verlauf.
Bewusst arbeiten die Macher in Schabowskis Zettel unter anderem mit Splittscreens, also mit geteilten Bildschirmen. In dem Film, in dem sich eingespielte Szenen mit Zeitzeugen-Interviews abwechseln, erzählen sie nicht nur die Geschichten der beteiligten Funktionäre an diesem Tag. Parallel dazu lassen sie auch die Erlebnisse von den normalen Bürgern auf beiden Seiten der Grenze einfließen. Zur Strukturierung wird in regelmäßigen Abständen eine tickende Digitaluhr eingeblendet. Diese Machart habe man in der Tat bei der amerikanischen Echtzeit-Serie 24 adaptiert, bestätigt Autor Florian Huber. Das solle aber «keine Effekthascherei» sein.
Ähnlich sieht das Patricia Schlesinger, Leiterin des NDR-Programmbereichs Dokumentation. In dem Film handele es sich um einen «sensationellen Stoff». Allerdings müsse man sich heutzutage etwas einfallen lassen, wenn man zur besten Sendezeit historische Stoffe behandeln würde. «Um auch ein jüngeres Publikum anzusprechen, muss man das ganze zeitgemäß darstellen», sagt sie. In der vorliegenden Doku sei das sehr gut gelungen.
Schatz, ich habe die Grenze geöffnet
In der Tat kann man nicht bestreiten, dass der Film den Zuschauer fesselt. Allerdings beschränken sich die Autoren in ihren Schilderungen auf die Ereignisse in den 24 Stunden zwischen dem 9. und 10. November sowie auf die Handlungen von vier bis fünf Personen. Doch das verkürzt die Sichtweise auf den Mauersturz ein wenig. Die Tatsache, dass die Beteiligten erst unter dem gewaltigen Druck, der sich über Wochen und Monate durch eine bürgerliche Massenprotestbewegung aufgebaut hatte, zum Handeln und dadurch auch zu Fehlern gezwungen wurden, geht in den Schilderungen zu sehr unter. Erst zum Schluss wird der Blick auf den Mut und die Wut der Masse gelenkt.
Angestachelt von Schabowskis Ankündigung strömen die Menschen aus Ost und West noch am selben Abend scharenweise an die geschlossenen Grenzübergänge und drängen die völlig überraschten und überforderten Soldaten dazu, die Schlagbäume zu öffnen. Als einer der ersten beugt sich der Oberstleutnant Harald Jäger dem Druck der Masse. Ohne einen Befehl seiner Vorgesetzten länger abzuwarten, lässt er schließlich gegen 23.30 Uhr an der Bornholmer Straße die Menschen passieren. Dann geht auch er nach Hause. «Meiner Frau habe ich dann gesagt, ich habe heute die Grenze geöffnet», erinnert er sich 20 Jahre nach dem Mauerfall. Und auch die Antwort seiner Gattin weiß er noch. Sie sagte: «Erzähl nicht immer so einen Unsinn.»
Schabowskis Zettel, 2. November, 21 Uhr, Das Erste
amg/bla/news.de
Der real existierende Sozialismus in der SBZ war ein einziger Weg in die Ausbeutung von Menschen, Sachen und Natur.Die 2. Heimsuchung des Leides des deutschen Volkes. Die Verknechtung der Bewohnung durch das sozialfaschistische Regime fand daher nicht sein Ende in Schabowski´s Botschaft,sondern lebt in den politischen Angeboten der heutigen Linken weiter.Die Unterwerfungserklärung der Linken fehlte.Sie fehlte,weil Lafontaine mit seiner Kritik an Kohl schon damals plante,den Sozialismus auf möglichst hohem Niveau in den anderen Teil Deutschlands zu tragen.R fordert:Gebt den Linken keine Chance
jetzt antwortenKommentar meldenWas macht es uns Alten Eichen wenn sich die Säue daran reiben! Herr Schabowski, das haben sie mit einer schauspielerischen Glanzleistung toll gemacht! Gerade Ihnen ist zu verdanken, das alles seinen "Sozialistischen Gang" machte. Was Sie alles im Hintergrund gemacht haben, wollen wir -auch für zukünftige "Putsche"- nicht wissen-. Geschichte schreiben immer die "Grauen Emminenzen", es wird Ihnen schon mal gedankt werden. "Die listigen dieser Welt werden durch List entlarvt"!
jetzt antwortenKommentar meldenDer Zettel war kein Zufall... DDR bzw. der MargotSozialismus konnte nur durch Mauerfall überleben, da die frisches Geld brauchten und es hat ja funktioniert. Der SprücheUnfug mobilisiert erneut die Jugend
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