Von news.de-Redakteur Christian Vock
Mit Der Seewolf hat Jack London 1904 einen hochintelligenten und überaus facettenreichen Roman geschrieben. Das kammerspielartige Seeabenteuer wurde nun vom ZDF noch einmal verfilmt. Mit Sebastian Koch als sadistischem Kapitän Larsen.
Ein Klassiker – welch oft bemühtes Wort. Durch zu leichtsinnigen Gebrauch zuweilen seiner eigentlichen Bedeutung beraubt. Ein Klassiker ist ein Stück des kulturellen Allgemeinguts, eine Erinnerung im kollektiven Gedächtnis. Etwas, das die Menschen teilen, weil es sie verbindet. Dieses Verbindende ist ein Stoff, der die zeitlichen Beschränkungen auflöst, weil seine Tragweite das Morgen überdauert und jeden Tag seine Aktualität unter Beweis stellt.
Als Jack London vor über hundert Jahren zur Feder griff, wird er wohl kaum geahnt haben, dass seine Geschichte um den sadistischen Kapitän Wolf Larsen gleich in so vieler Hinsicht zum Klassiker werden würde. Da ist ganz vordergründig eine spannende Abenteuergeschichte, deren Stoff das Herz jedes Jungen höher schlagen lässt, der von seiner Fantasie mehr abverlangt, als ihm der urbane Alltag bieten könnte: Ein Bohème, Literaturkritiker von Beruf, der die raue Seite des Lebens noch nicht kennt, wird von der Besatzung eines Robbenfängers aus dem Meer gefischt. An Bord führt der Kapitän ein hartes Regiment, das von willkürlicher Brutalität bestimmt wird. Vom ersten Moment an entspinnt sich ein Duell zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren, das schließlich zum blanken Überlebenskampf wird, trotz aller Faszination, die der jeweils andere auf seinen Gegenspieler ausübt.
Doch Jack London hat aus dem Stoff mehr als nur einen Abenteuerroman gemacht. Er belässt es nicht bei einem mit reiner Körperlichkeit geführten Kampf, sondern strickt aus der Geschichte eine wunderbare Parabel über das Leben, über Gerechtigkeit, aber vor allem über Moral in Zeiten der Unmoral. Welchen Wert hat ein Leben? Welchen Wert das Leben an sich? Die beiden Hauptfiguren finden auf diese Fragen Antworten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die Nebenfiguren ergänzen diesen schwarz-weissen Aufprall um seine Zwischentöne.
Die Verfilmung des Seewolfs von 1971 hat aus der Geschichte zum zweiten Mal einen Klassiker gemacht, diesmal für das Fernsehen. Der Vierteiler mit Raimund Harmstorf in der Rolle des Kapitän Larsen gehört inzwischen zu den meistwiederholten Filmen der deutschen TV-Geschichte. Die Szene, in der Larsen eine rohe Kartoffel mit der bloßen Hand zerdrückt, ist ein Klassiker im Klassiker.
Nun also Sebastian Koch. Ob zu Unrecht oder nicht: Jede Interpretation des Seewolfs kommt an dem Vergleich mit Raimund Harmstorf nicht vorbei. Zu sehr ist dieser in das kollektive Fernsehgedächtnis der Nation eingebrannt, als dass man ihn übergehen könnte. Wie viel Mut muss es demnach von einem Schauspieler erfordern, sich diesem Vergleich zu stellen? Sebastian Koch hat es gewagt und diese Herausforderung auch körperlich angenommen. Vor dem Dreh hat er seinen Körper gestählt, um dem «Tier» Wolf Larsen auch in seiner physischen Stärke gerecht werden zu können. Authentizität – das ist das Schlagwort, mit dem man die neue Verfilmung des Seewolfs wohl am besten umschreiben könnte.
Statt sich in die heimelige Atmosphäre einer Schiffskulisse zu begeben, hat sich das Team um Regisseur Mike Barker entschieden, den Film auf hoher See zu drehen. Zum Glück, denn dadurch fiel es den Schauspielern leichter, in ihre Rollen zu schlüpfen. So konnte auch auf Studioeffekte und Greenscreens weitgehend verzichtet werden. Pluspunkte, die man dem Film nicht nur bei den Wasserszenen deutlich ansieht. Die «Ghost» ist auch optisch ein schmutziges und hartes Schiff – eine Illusion, die dem ProSieben-Seewolf im vergangenen Jahr nicht gelang.
Auch beim Drehbuch von Nigel Williams ist man einen vorgegebenen und damit aber wiederum ganz eigenen Weg gegangen, indem man sich im Vergleich zu den bisherigen Verfilmungen, die zum Teil ein Zusammenschnitt verschiedener Jack-London-Bücher sind, sehr stark an die Romanvorlage gehalten hat. Der Zuschauer wird verblüfft sein, wenn der Film mit der Figur des Death Larsen (bösartig gut gespielt von Tim Roth) den Bruder des Seewolf präsentiert. Eine Dimension, die weder die Version von 1971 noch die von 2008 (ProSieben) vorweisen kann.
Und Sebastian Koch? Der hat es tatsächlich geschafft, Raimund Harmstorf, das bisherige Gesicht des Seewolfs, vergessen zu machen und gleichzeitig dem Roman in seiner Komplexität, die eigentlich nicht fürs Fernsehen taugt, doch gerecht zu werden. Seine Mischung aus körperlicher und psychischer Härte überzeugt in jeder Sekunde. Eine Leistung, die man nicht hoch genug anrechnen kann, zumal Koch in dem beeindruckenden Tim Roth einen Gegenpart hatte, dem man erst einmal standhalten muss. Auch der Rest der Besatzung hat mit Neve Campbell, Stephen Campbell-Moore und Tobias Schenke eine für einen Fernsehfilm ungewöhnlich hohe Dichte an schauspielerischen Hochkarätern. Und allen Filmpuristen sei verraten: Mit einem liebevollen Filmzitat wir Raimund Harmstorf auch 2009 mit an Bord der «Ghost» sein.
Der Seewolf, Erster Teil am 1. November, zweiter Teil am 4. November jeweils um 20.15 Uhr im ZDF.
bla/news.de