Schon vor dem Start wird der Spartenkanal ZDFneo massiv kritisiert. Senderchef Norbert Himmler spricht im Interview über den Vorwurf der Geldverschwendung, die Kosten für den Gebührenzahler und das Image des ZDF als Seniorensender.
schließen x
Lester Maul ist eine Kunstfigur, die bissig, böse und aus dem Bauch heraus das aktuelle Geschehen exklusiv auf news.de kommentiert. Hinter der Figur stecken mehrere Kabarettisten. Ihre Beiträge entstehen unabhängig von der Redaktion. Sie sollen provozieren, amüsieren und orientieren – und bloß kein Blatt vor den Mund nehmen.
Lesters Welt besuchen »
Er hat kein schlechte Gewissen. Aha. Und ich habe nach der Lektüre des Interviews immer noch nicht verstanden, was denn das Konzept von ZDFneo ist. Soll irgendwie neu sein, klingt aber für mich mehr nach «alter Wein in neuen Schläuchen».
Herr Himmler, Sie waren gerade eben noch bei Ihrem Intendanten Markus Schächter. Eine Krisensitzung?
Himmler: (lacht) Nein, Gott sei Dank nicht. Soweit ist alles in Ordnung.
Es hat aber bereits vor Programmstart einige Kritik an ZDFneo gegeben, vor allem von Seiten der Privatsender. Hat Ihnen das ein wenig die Laune verhagelt?
Himmler: Ich muss gestehen, dass ich die Kritik nicht nachvollziehen kann. Wir haben jetzt seit über einem Jahr sehr transparent offengelegt, was wir vorhaben. Das ist mit all unseren Gremien besprochen und wir werden von ihnen auch ermuntert und bestätigt. Dass jetzt die Privatsender so reagieren, kann ich mir nur dadurch erklären, dass wir uns auf Zuschauer zubewegen, die sie als ihr eigenes Hoheitsgebiet betrachten. Wir aber sehen es als Selbstverständlichkeit an, dass sich ein öffentlich-rechtlicher Sender auch an eine mittlere Zielgruppe wendet.
In diesem Zusammenhang wurde immer wieder gesagt, ZDFneo verstoße gegen den Rundfunkstaatsvertrag. Wird ein solcher Kanal vor Programmstart denn nicht geprüft?
Himmler: Selbstverständlich, er ist intensiv geprüft worden in all unseren Gremien. Wir haben immer offen gesagt, was wir vorhaben und es auch in jeder Hinsicht eingelöst. Vom Fernsehrat des ZDF haben wir in jeder Phase Ermunterung und Bestätigung bekommen. Auch die jüngsten Einwände des
VPRTVerband Privater Rundfunk und Telemedien e.V. gegenüber den Staatskanzleien konnten wir eindeutig widerlegen.
Ein Punkt in dieser Debatte war der Begriff «Vollprogramm». ZDFneo zeigt beispielsweise keine Nachrichten, um eben kein Vollprogramm zu sein. Ist dieser Begriff überhaupt noch zeitgemäß in einer Zeit, in der sich das Fernsehen auch durch die Möglichkeiten des Internets doch massiv verändert?
Himmler: Die Frage finde ich durchaus berechtigt. Doch gerade im Rahmen des Rundfunkstaatsvertrages sind solche Begriffe doch sehr wichtig. Wir sind ein Spartensender, ein zielgruppenorientierter Kanal, wir sind kein Vollprogramm und wir haben keine Nachrichten, weil sie das deutlichste Kennzeichen für ein Vollprogramm sind. Das hat der VPRT in den so genannten Anhörungen, auch selbst so eingefordert . Jenseits der Frage Vollprogramm oder Spartenkanal haben wir uns aber der Genres bedient, von denen wir glauben, dass sie geeignet sind, die Zielgruppe zwischen 25 und 49 möglichst gut erreichen zu können.
Man könnte diese breit gefasste Zielgruppe ja durchaus jung nennen. Ist ZDFneo auch der Versuch, dem Vorwurf Herr zu werden, das ZDF entwickle sich mehr und mehr zu einem Seniorensender?
Himmler: Wir haben in den letzten Jahren feststellen müssen, dass uns die Zuschauer unter 50 Jahren immer mehr abhanden zu kommen drohen, und diesem Trend wirken wir entgegen, sowohl im Hauptprogramm als auch durch die Positionierung von ZDFneo. 25 bis 49, das ist eine große Altersspannbreite, die Kernzielgruppe liegt bei 30- bis 40-Jährigen, sodass wir, wenn Sie die ZDF-Senderfamilie betrachten, auf der einen Seite zusammen mit der ARD den Kinderkanal haben, dann haben wir eine mittlere Altersgruppe 25-49 und schließlich das ZDF- Hauptprogramm, das natürlich nach wie vor alle Zuschauer ansprechen muss, sich aber in einem fragmentierten Fernsehmarkt immer schwerer damit tut. Und meine Hoffnung ist, dass es eben durch eine enge Verbindung von ZDFneo und dem Hauptprogramm zu Synergien und auch zu einem strukturellen Verjüngungseffekt für das Hauptprogramm kommt.
Nun sind Sie selbst Teil Ihrer eigenen Zielgruppe. Ein Vorteil?
Himmler: (lacht) Man muss immer vorsichtig sein mit so genannten individual-empirischen Erhebungen, dass man glaubt, was einem persönlich gefällt, müsse automatisch auch allen anderen gefallen. Die Zielgruppe hat ja dann doch eine große Spannbreite, aber dennoch: Ich habe zumindest die Fantasie und erlebe auch in meinem Bekanntenkreis mit, wie der Tagesablauf von junge Familien oder auch vielbeschäftigten Singles aussieht und so beruht ja auch eine Schemavorgabe, nämlich, dass die fiktionale Primetime erst um 21 Uhr beginnt, auf diesem auch in der Bevölkerung belegbaren Effekt, dass viele erst gegen neun Uhr zum Fernsehen zu kommen.
Nun wird ja für ZDFneo der Dokukanal abgeschaltet. Wie muss man sich einen solchen Umbau innerhalb des ZDF vorstellen?
Himmler: Der ZDF-Dokukanal wird transformiert zu ZDFneo, das gilt sowohl programmlich wie auch inhaltlich und organisatorisch. Inhaltlich mit einer Anmerkung: Wir haben nach wie vor über 50 Prozent Dokumentationen und Reportagen, sodass das Erfolgsrezept des Dokukanals, auch da haben wir ja schon sehr viele junge Zuschauer erreicht, weitergeführt wird. Ähnlich haben wir es auch organisatorisch gehalten, die Mannschaft des Dokukanals existiert weiter und ist verstärkt worden um Kollegen, die Expertise im Bereich Factual Entertainment, Fiktion und Comedy haben. Zudem arbeiten wir eng mit den Fachredaktionen des Hauses zusammen.
Gerade zum Thema Dokumentationen hat es in dieser Woche beim Filmfestival Dok Leipzig eine emotionale Debatte rund um den Vorwurf gegeben, Dokuformate seien im Fernsehen unterrepräsentiert. Tut es Ihnen manchmal leid, einen Sender wie den Dokukanal abzuschalten?
Himmler: Wissen Sie, wenn man in einem Kanal Dokumentationen weiterhin sehr exponiert – als Beispiel sei hier TerraX, viermal die Woche um 20.15 Uhr, genannt – im Programm hat, hat man ehrlich gesagt kein schlechtes Gewissen. Es gibt ja bei uns auch die Möglichkeit, Dokumentationen mit fiktionalen Programmen so zu verknüpfen, dass sie dem Zuschauer einen tatsächlichen Mehrwert bieten. Wir werden am Sonntag Eventabende machen, das heißt, fiktionale Programme, gefolgt von ein, zwei Dokumentationen und Reportagen, die einen Themenschwerpunkt bilden. Das ZDF ist im übrigen immer noch der Sender, der die meisten Dokumentationen, insbesondere zur Primetime, auch im Hauptprogramm hat. Von daher habe ich da alles andere als ein schlechtes Gewissen.
Die Privatsender haben in letzter Zeit immer wieder auch kritisiert, ZDFneo sei Gebührenverschwendung. Reden wir mal über Geld. Was kostet ein solcher Umbau?
Himmler: Den Gebührenzahler erst einmal keinen Cent mehr. ZDFneo wird zu keiner Gebührenerhöhung und auch keiner neuerlichen oder vermehrten Anmeldung bei der
KEF Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten.führen. Allerdings, das ist richtig, das ZDF muss dafür intern umschichten. Das bedeutet, ZDFneo hat ein Programmgeld von 30 Millionen Euro im Jahr, die werden aber mit sehr vielen Synergien mit dem Hauptprogramm erwirtschaftet, sodass es für den Haushalt des ZDF insgesamt kostenneutral ausgeht.
30 Millionen Euro klingt zunächst einmal gar nicht so viel. Schaut man sich aber an, dass der Dokukanal in den digitalen Haushalten eine Quote von nur 0,3 Prozent hatte – können Sie vor dem Hintergrund den Vorwurf der Gebührenverschwendung verstehen?
Himmler: Nein, ich glaube, wenn Sie sich anschauen, wie der Fernsehmarkt sich ausdifferenziert, dann sind wir verpflichtet, solche Sparten- und Zielgruppenangebote zu machen. Wir müssen auf den Markt reagieren. Wenn wir das nicht täten, käme der umgekehrte Vorwurf : Die mittlere Altersgruppe zahlt genauso Gebühren und verdient es auch, dafür ein passgenaues Programm zu bekommen.
Nun ist ZDFneo ein Digitalsender und somit nicht für alle Haushalte zu empfangen. Wie schätzen Sie die Entwicklung in diesem Bereich in Zukunft ein und wie wichtig wird ZDFneo da für das Gesicht der Sendergruppe?
Himmler: Sie haben Recht, das ist noch unser größtes Problem. ZDFneo hat zur Zeit eine technische Reichweite von 40 Prozent der Bevölkerung. Wir wissen aber nach allen Prognosen, dass sich das spürbar ändern wird. Das heißt, wir investieren jetzt schon, um in zwei oder drei Jahren auf einem Fernsehmarkt entsprechend aufgestellt zu sein, der irgendwann komplett digital sein wird. Und da werden die Digitalsender für das ZDF eine ganz große Rolle spielen.
Gibt es eine Sendung, auf dass Sie persönlich sich ganz besonders freuen?
Himmler: Es gibt zwei, die ich zu meinen Lieblingssendungen zähle. Das ist zum einen die dokumentarische Erzählung Der Straßenchor, wo wir wirklich ein mutiges und wie ich finde ein sehr unterscheidbares Programm zu dem machen, was die Privatsender als Factual Entertainment bezeichnen. Und zum anderen bin ich echter Fan von 30 Rock mit Alec Baldwin.
Leserkommentare (8)
... Damit die Zusammenlegung SWR möglich war, bekam jeder 3. im Süden einen eigenen Kanal, obwohl bis auf Sport z.B. das Programm identisch ist. Wieso braucht man zig WDR's, mehrere NDR's u.a., die per DVB-S empfangbar sind. Während die privaten Sender um's Überleben kämpfen, weil aufgrund der Wirtschaftskrise Werbeumsätze einbrechen, bekommen die öffentlich-rechtlichen Sender IMMER mehr Geld, wenn sie jammern. Und alle deutschen Haushalte mit Radion, TV oder PC müssen zahlen, ob sie ARD/ZDF u.a. ansehen oder nicht. ZDF neo ist für mehr ein Ansatz zur GEZ-Willkür-Diskussion als über den Sender
jetzt antworten Kommentar meldenMit 47 Jahren zähle ich ja noch 2 Jahre lang zur Zielgruppe des ZDF neo, verstehe den Sender schon jetzt nicht. Factual entertainment? Die Zwangsabgabe über GEZ ist für mich eine Wettbewerbsverzerrung ohne Ende, Abzocke sowieso. Vor zig Jahren gab es schon den Streit um Spartenkanäle, ob die mit Grundversorgung laut Vertrag zu vereinbaren sind, weil sie Geld kosten, GEZ erhöhen. Damals schon Digital, als kaum jemand DVB-C/-C empfangen konnte. Als wegen Sparmaßnahmen im Süden die Sender zum SWR zusammengefasst wurden, Personal gespart, kam in der Antrittsrede: Wir haben zu wenig Geld! Häh?
jetzt antworten Kommentar meldenEs gibt wenig Kanäle in unserer freien Fernsehwelt, deren Programm es sich zu sehen lohnt. Zur Toleranz gehört auch, daß wir uns das Programm erst mal ansehen und dann kritisieren.
jetzt antworten Kommentar meldenJe solche Scharotzer müßen abgeschafft werden erhöhen die Gebüren damit die Schmarotzer von den Geld sich auf kosten der Leute ein Fettes Leben machen können Dieses nehnt man Mißbrauch und Zwecksentfrendung der Gelder dieses ist Strafbar
jetzt antworten Kommentar meldenEs ist doch nicht ZDFneo, worüber sich der Zwangsgebührenzahler aufregt. Sind es nicht eher die offenkundigen Geldverschwendungen der öffentlich rechtlichen Anstalten. Ich kann die "Heutenachrichten" nicht mehr sehen, da ich mich jedes Mal über das von meiner Rente bezahlte Studio sehe. Und, wir Gebührenzahler sind machtlos. Selbst mein Abschalten ist ein Protest, der den Verursacher nicht erreicht. Herr Schächter, sie verdienen nicht nur zuviel, sondern sie schmeißen mit Geld herum, das Ihnen nicht gehört. Kümmern Sie sich um ein ausgewogenes Programm, wenn Sie den Menschen nutzen wollen.
jetzt antworten Kommentar melden