Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Werden Dokumentarfilmer arbeitslos, weil jeder mit dem Mobiltelefon alles überall festhalten kann? Auf dem Filmfestival Dok Leipzig warnen Fachleute vor ungefilterten Handyfilmen.
In einer Podiumsdiskussion beleuchten sie, wie sich die neuen technischen Mittel des Filmens auf den Dokumentarfilm auswirken. Unter der Überschrift Zeugen unerwünscht – Von der Macht dokumentarischer Bilder in repressiven Systemen hatte der MDR gestern Abend in das Polnische Institut in Leipzig geladen. Ausgestrahlt wird die Sendung heute ab 18 Uhr im MDR Radio. Knut Elstermann moderiert.
Einer der Gäste, Piotr Bikont, war einer der wichtigsten Videoaktivisten der Solidarność-Bewegung. Er hatte 1988/89 noch unter widrigen Bedingungen und mit einem zwölf Meter langem Mikrofonkabel gefilmt, das Material unter Lebensgefahr aus der Danziger Werft geschmuggelt und in Kirchen gezeigt.
Sabine Streich hingegen ist Vetreterin des modernen Videojournalismus: Als sogenannte «VJane» macht sie alles selbst – sie dreht, recherchiert, interviewt und schneidet das Material. Der Direktor der Dok Leipzig, Claas Danielsen, spricht für den künstlerischen Dokumentarfilm und Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig ist für den großen historischen Blick zuständig.
«Es ist unglaublich, dass ich in einer Zeit leben durfte, in der sich die Technik so verändert hat. Als ich angefangen habe zu studieren, haben wir noch auf Zelluloid gedreht», sagt Bikont. Leidenschaftlich sind seine Erinnerungen an die Jahre 1988 und 1989: Er habe sich für eine Seite entscheiden müssen. Das sei keine Zeit gewesen, zur Seite zu treten, um objektive Bilder zu machen. «Das war nicht avantgardistisch, sondern illegal», sagt Bikont lapidar und holt damit jede Revolutionsromantik auf den Boden der Tatsachen zurück.
Mit handlichen, aber professionellen Kameras ist das heute einfacher. Danielsen berichtet vom Videomaterial, das «Untergrundjournalisten» mit kleinen Kameras vom Aufstand der Mönche in Burma gedreht und aus dem Land geschmuggelt haben. «Dass wir diese Bilder sehen konnten, verdanken wir auch der modernen Technik», betont der Festivaldirektor.
Auch Sabine Streich arbeitet mit einer kleinen Kamera. Vor ihr hätten die Menschen nicht so eine Scheu und so könne sie autonom arbeiten. «Ich habe die Möglichkeit, einen ganz subjektiven Blick mit meiner Handschrift zu zeigen und keiner redet mir rein», sagt sie, gesteht aber auch, dass die Gefahr bestehe, Scheuklappen zu entwickeln, die keinen anderen Blick zulassen.
Dass Bilder Objektivität vermitteln, sei ohnehin ein Trugbild, warnt Danielsen. Heute könne jedes Bild manipuliert werden, aber auch Aufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg seien unter dem Blickwinkel der Propaganda gedreht worden. «Auch die Tagesschau-Redaktion trifft immer eine Entscheidung darüber, was sie zeigen will», so Danielsen. VJane Streich pflichtet ihm bei und betont, dass es heute die wichtigste Aufgabe von Journalisten und Dokumentarfilmern sei, die Echtheit von Handyvideos zu prüfen und die Bilder, die täglich auf uns einströmen, einzuordnen. «Die Handykamera ist immer schon vor Ort», gibt sie zu bedenken.
Bibliothekar Schneider setzt die aktuelle Debatte um Urheberrecht und Originalität auf ein historisches Fundament. Man müsse «gar nicht so weit» zurückgehen: «Im 17. und 18. Jahrhundert gab es noch kein Urheberrecht, da musste man sich auch fragen, wer hat hier von wem kopiert», erzählt er in Hinblick auf Googles Feldzug mit gescannten Büchern.
Bikont bringt dann auch YouTube und Facebook aufs Tableau. YouTube sei in seinen Augen «das bessere Fernsehen», weil er sich das Programm auf seine Interessen selbst zuschneiden kann. Neue Formen des Dokumentarfilms wie Dokusoaps findet auch Danielsen «gar nicht schrecklich», ihm sei nur wichtig, wie das Ganze angegangen wird, ob die Bilder ihre Protagonisten achten oder entblößen.
Insgesamt war man sich einig, dass die rasante technische Entwicklung von Kameras und Bildträgern auch das Dargestellte verändert. Der Dokumentarfilmer Piotr Bikont bringt es prägnant auf den Punkt: «Die Technik verändert die Sprache des Films und ist Ausdruck einer neuen Wirklichkeit.» In den Jahren 1988 bis 1989 habe sich das Verhältnis der Menschen zu den Medien geändert. Zuvor sei die Kamera in Polen ein Feind gewesen, hinter dem die Menschen den spitzelnden Staatsapparat sahen. Das habe sich seit dem Mai 1988 grundlegend geändert, erzählt Bikont.
bla/news.de