Neue Wochenzeitung

«Keine Harakiri-Aktion»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Mitten in der Medienkrise, während allerorten über die Zukunft von Printtiteln diskutiert wird, macht ein Team von Leipziger Journalisten Nägel mit Köpfen. Sie wollen mit der Wochenzeitung weiter den Markt erobern. Gegen die Lokalkonkurrenz. Und wegen ihr.

Lester Maul (Was ist das?)

Nachrichten jenseits des Mainstreams? Da sage ich nur: Bis zum Horizont und noch viel weiter!

Die Auflage von 1500 Exemplaren, die ab heute in Leipzig verkauft wird, klingt nicht gerade selbstbewusst – bei 500.000 Einwohnern. Doch das Team von weiter, das im Kern aus vier Chefredakteuren und 10 Mitarbeitern besteht, meint es durchaus ernst. «Leipzig nennt sich zwar Medienstadt, wird diesem Namen mit einer Lokalzeitung aber nicht gerecht», sagt Jan Kröger, Journalistikstudent und einer der Chefredakteure.

Und so ist zwar die Startauflage bescheiden, der Name aber, weiter, gibt den Kurs vor. Die Redaktion will «weiter denken, weiter fragen, weiter berichten» und damit Themen beleuchten, über die in der Lokalpresse oder im Regionalfernsehen nur unzureichend berichtet wird, Themen abseits des Terminjournalismus. Titelgeschichte der ersten Ausgabe: Die Situation der Polizei in der Messestadt. In kommenden Heften soll unter anderem die spezielle Situation des Leipziger Fußballs zur Titelgeschichte gemacht werden. «Wir wollen versuchen, alle drei Fünftligisten an einen Tisch zu bekommen», sagt Kröger. Ein großes Ziel.

Auch die Medienstruktur in Leipzig nennt Jonathan Fasel, zweiter Chefredakteur der Wochenzeitung, speziell. Es gibt neben dem MDR und einer lokalen Ausgabe der Bild-Zeitung nur eine Tageszeitung, die Leipziger Volkszeitung, und den Kreuzer als monatliches Stadtmagazin. Gerade deshalb glauben Kröger und Fasel daran, dass der Printmarkt in Leipzig einen weiteren Titel gut verkraften kann. Und so hoffen sie auch darauf, dass sich das neue Medium schnell herumspricht. Von «Grassroots-Campaigning» spricht Kröger in diesem Zusammenhang, man könnte es auch Mundpropaganda mit erweiterten Mitteln nennen.

Die Investition in den Printmarkt nennt auch er mutig. Ein Drittel der deutschen Zeitschriften und Zeitungsverlage plant derzeit, Printtitel einzustellen, wie eine Studie ergab. Die Hälfte der Medienhäuser wolle Redaktionen zusammenlegen. Einerseits sollen Printredaktionen zusammengeschlossen werden, andererseits bedeute das aber auch Zusammenlegungen von Print- und Online-Abteilungen. Die Studie wurde am Donnerstag vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) und dem Beratungsunternehmen KPMG vorgestellt. 80 Verlagsverantwortliche haben sich beteiligt.

Bei weiter sind zumindest die ersten Ausgaben finanziell bereits gesichert, die Anzeigen verkauft, zudem ist die Jugendpresse Sachsen mit im Boot und fördert das Projekt mit einer Anschubfinanzierung. Bisher aber sind die Mitarbeiter noch ehrenamtlich tätig. «Wir haben alle nicht geglaubt, dass wir gleich in den ersten Monaten zu Millionären werden», sagt Kröger.

Im Gegenteil. Der Preis der Zeitung ist mit einem Euro absichtlich niedrig angesetzt, ein Online-Abo wird es ebenso geben wie ein «Edel-Abo», bei dem der doppelte Preis gezahlt wird, um das Projekt zu unterstützen. Die bisherigen Rückmeldungen seien positiv, berichtet Kröger. Dennoch, Jonathan Fasel nennt die Stimmung zum Start bewusst pessimistisch. Man wolle eben keine Harakiri-Aktion machen und dann nach zwei Wochen wieder weg vom Fenster sein.

Schnell haben Kröger und Fasel gemerkt, dass hinter einer Wochenzeitung mehr steckt, als nur der Journalismus. In dem halben Jahr seit der ersten Planung etwa haben sie versucht, Verkaufsstellen für ihr Produkt zu finden. «Das aber ist gar nicht so leicht», sagt Fasel. «Da gibt es das alteingesessene Pressegrosso, dem die meisten Läden angehören, die dürfen uns also gar nicht verkaufen.» Ein paar aber haben sie doch gefunden, zudem wollen sie heute und morgen selbst in der Stadt präsent sein und weiter mit einem eigenen Stand an den Leser bringen.

Auf Kritik sind die Journalisten durchaus gefasst. «Journalistikstudenten gelten ja eher als Theoretiker», sagt Kröger. Auch deshalb haben er und seine Kollegen bewusst auf die Rückendeckung der Universität oder den Rat ihrer Professoren verzichtet. «Wir wollten nicht abhängig sein vom Institut.»

Wann sich das Produkt selbst tragen und auch eine ordentliche Bezahlung der Mitarbeiter ermöglichen soll, und was ein solches Projekt kostet, darüber schweigt man bei weiter lieber. «Wir rechnen quartalsweise», sagt Fasel lediglich und fügt hinzu: «Jedes Vierteljahr sehen wir nun, wie es uns geht und planen dann weiter.» Für den Anfang jedenfalls sehen sich die Macher gut aufgestellt: «Wir müssen jetzt zwar einfach ausprobieren und werden bestimmt noch viel lernen müssen», sagt Kröger. «Aber wir haben sicherlich schon mehr als nur eine grobe Linie gefunden.»

Ob das stimmt, können sie von heute an jeden Freitag beweisen – auf 16 Seiten zunächst. «Natürlich haben wir große Erwartungen, aber wir sind nicht verkrampft, was das angeht», sagt Fasel. Und Jan Kröger fügt hinzu: «Wenn sich das Blatt nicht so gut verkauft, sehen wir die erste Ausgabe als öffentliche Werbemaßnahme. Entmutigen lassen wir uns davon nicht. Wir haben genug Stolz, um weiter zu machen.»

amg/news.de/dpa
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