So., 27.05.12

Geburtstag des Internets 29.10.2009 Papa Kleinrock und sein Baby

Kleinrock (Foto)
Informatik-Professor Leonard Kleinrock neben dem Interface Message Processor (IMP), mit dem 1969 die erste Internet-Verbindung zustande kam. Bild: dpa

Von Christof Kerkmann

Gibt es den Geburtstag des Internets überhaupt? Den Tag, an dem alles begann? Die erste Verbindung zwischen zwei Rechnern zumindest, Voraussetzung für das Web, kam vor 40 Jahren zustande. Dabei begann die vielleicht wichtigste Erfindung seit dem Buchdruck mit einem Computerabsturz.

Es war am 29. Oktober 1969, als der Informatikprofessor Leonard Kleinrock und einer seiner Studenten versuchten, ihren Großrechner in Los Angeles mit einer Maschine im 500 Kilometer entfernten Stanford zu verbinden – ein Novum in der noch jungen Computerwissenschaft. «Wir tippten das L ein und fragten am Telefon: Seht ihr das L?», erinnert sich Kleinrock. Es klappte. Er tippte das O, das G – dann stürzte der Rechner ab.

Auch wenn die Einwahl mit dem Wort «Login» im zweiten Versuch klappte: Kleinrock und Kollegen kam die Verbindung zwischen den zwei kühlschrankgroßen Rechnern keinesfalls revolutionär vor. Keine Kamera, kein Mikrofon hielt den historischen Moment fest, nur ein dürrer Protokolleintrag. Dennoch legten sie mit ihrer Forschung den Grundstein für die Vernetzung von Computern – und damit für das Internet, das die Welt seitdem in 40 Jahren grundlegend verändert hat.

Kleinrocks Forschung war ein Resultat des Kalten Krieges. Im Oktober 1957 schoss die Sowjetunion als erstes Land der Welt einen Satelliten ins All. Das weltweit empfangbare Piepsen des «Sputnik» schockierte die USA zutiefst: Der Klassenfeind hatte bei der Weltraumforschung einen symbolträchtigen Sieg errungen.

Das sollte nicht noch einmal passieren: US-Präsident Dwight D. Eisenhower gründete ein Jahr später die Forschungseinrichtung Arpa (Advanced Research Projects Agency). Die dem Pentagon unterstellte Agentur förderte die Grundlagenforschung an den amerikanischen Universitäten, in der Hoffnung, dass auch das Militär davon profitiert. Die Informatik nahm Fahrt auf.

Der Mythos vom unzerstörbaren Netz

Die damalige Hardware setzte den Forschern allerdings noch enge Grenzen. «Die Rechner waren bis Ende der 1960er Jahre im Prinzip Datenfabriken», sagt der Technikhistoriker David Gugerli: Daten rein, mit einer Formel bearbeiten, Ergebnis raus. Verwaltungen nutzten die Geräte für Volkszählungen, Fluggesellschaften für ihre Reservierungssysteme, Banken für Buchungen, Unis für aufwendige Berechnungen. «An E-Mail hat aber keiner gedacht», sagt der Professor von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich.

Dass die Vordenker der Arpa ihre Großrechner vernetzen wollten, hatte einen anderen Grund. Die Maschinen waren auf wenige Aufgaben spezialisiert und so teuer, dass nicht jede Hochschule sich mehrere davon leisten konnte. Wer Grafiken berechnen wollte, musste daher nach Utah fahren, für Simulationen war Los Angeles zuständig, für Datenbanken Stanford. Per Verbindung sollten die Wissenschaftler Rechenkapazitäten anderer Universitäten nutzen können, ohne den Fuß aus dem Labor setzen zu müssen.

Mythos ist dagegen, dass die Forscher ein dezentrales und damit kaum zerstörbares Netz bauen wollten, damit das US-Militär im Fall eines Atomkrieges sicher kommunizieren konnte – wenngleich dieses Argument gut taugte, um mehr Geld für die Forschung locker zu machen.

Wie Kleinrock und seine Vordenker die Pläne umsetzten, war revolutionär. Anders als beim Telefonieren sollte es keine zentrale Leitstelle, sondern ein Netz mit vielen verteilten Knoten geben. Und um die knappe Bandbreite der Leitungen ideal zu nutzen, wollten die Forscher die Nachrichten zerlegen. «Man schneidet sie in Blöcke einer vorgegebenen Größe und sendet sie über das Netzwerk», beschreibt Kleinrock das Prinzip. Der Computer, der empfängt, überprüft, ob alles da ist, und setzt die Stücke wieder zusammen.

Das Internet lässt sich nicht abschalten

Nach dem ersten Fehlschlag hatten die Arpa-Forscher Erfolg. Innerhalb weniger Monate schlossen sich auch die Universitäten in Santa Barbara und Utah an. Das war die Keimzelle des Internets – und von allem, was noch kommen sollte: Grafisch gestaltete Websites, E-Mails oder Internet-Telefonie zum Beispiel.

Die heutige «Architektur» des Internets schufen tausende Ingenieure erst in den 1970er und 1980er Jahren, doch Kleinrock und Kollegen legten ein Fundament, das immer noch Bestand hat. So verzichteten sie auf eine zentrale Steuerung und setzten auf offene technische Standards, die jeder nutzen und weiterentwickeln durfte.

«Deswegen kann niemand das Internet abschalten und, vielleicht noch wichtiger, die Entwicklung neuer Anwendungen unterbinden», erklärt die Expertin Jeanette Hofmann. Das trage maßgeblich zur Innovationsdynamik bei, sagt die Politologin vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin.

Aus den frühen Tagen ist allerdings ein Konstruktionsfehler geblieben: «Wir haben damals keine Sicherheitsmaßnahmen eingebaut», sagt Leonard Kleinrock. Das Netz war und ist offen und anonym – jeder kann sich anmelden, ohne sich zu identifizieren. Als sich noch alle Nutzer persönlich kannten, war das kein Problem. «Heute ist das perfekt für die dunkle Seite», weiß Kleinrock. Im Oktober 1969 aber, da hatte man noch mit anderen Problemen zu kämpfen.

bla/sgo/news.de/dpa
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