Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Nicht gemacht, um anzuecken: Das neue Album von Air, Love 2, bietet Hintergrundmusik zum lässig in der Ecke stehen und Schlaflieder für Turbo-Karrieristen – viel nachdenken muss man dabei nicht.
Das ist keine Platte, die man auflegt, um sich darin zu verlieren, sondern Musik, die läuft, während man sehr moderne, entspannte Dinge tut – Designerfummel anprobieren oder der neuen Freundin die stylische Bude zeigen zum Beispiel. Das lenkt nicht ab, hinterlässt aber einen unglaublich hippen Eindruck und beim Knutschen stört's auch nicht.
Das neue Album von Air, Love 2, knüpft an die Erfolgsplatte Moon Safari an und es läuft Gefahr, mit ihr das Schicksal zu teilen: Als Accessoire für ein szeniges Ambiente zu enden. Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin säuseln und seufzen zu plätschernden Elektrobeats, hier und da recken sich Piepser vorwitzig hervor und Atariklänge sorgen für den unvermeidlichen 80er-Chic .
Das Album beginnt durchaus beeindruckend. Der erste Song, Do the Joy Way, prescht mit spacigen Klängen, hektischem Geklöppel und Kosmonauten-Sprech ins Ohr. Zum zweiten Stück mit dem Titel Love möchte man sich gleich ins Cafè verziehen und sinnlos Zeitschriften durchblättern oder mit offenem Fenster und flatterndem Haar über die Landstraße brettern.
«So light is her footfall», raunen Dunckel und Godin lässig gelangweilt, das Klavier perlt, eine Gitarre steuert dramatische Striche bei – ein Song der geradezu danach schreit, dekorativ an einer Wand zu lehnen und die Wirkung der neuen Sonnenbrille zu testen. Missing the light of the day klüttert so vor sich hin. So weit, so gut.
Fahrstuhlmusik in Reinkultur
Erschreckend belanglos wird es dann mit Stücken wie Eat My Beat oder African Velvet. Der Tiefpunkt ist Of Tropical Disease: Ein Diskobeat, aufgemotzt mit fröhlichen Pianoklängen. Der Song ist Fahrstuhlmusik in Reinkultur, würde sich aber auch hervorragend als Titelmelodie einer Vorabendserie aus den 80ern eignen. Man sieht regelrecht ein Paar mit Dauerwellen händchenhaltend durch eine Blumenwiese hüpfen. Und Air kennen kein Erbarmen – beinahe sieben Minuten lang schwelgen sie in diesen Sorglosklängen.
Das ist der Soundtrack für erschöpfte Workaholics, die nachts die Schuhe von den Füßen gleiten lassen und aus ihrer Le-Corbusier-Liege über die Lichter der Stadt schauen. Um schlafen zu können, hören sie diese Platte und stürzen dazu einen Whisky herunter. Ihre Hymne dürfte Sing Sang Sung sein – da säuselt eine Frauenstimme «You are such a workaholic boy» und «Take a breath, push your pain away». Eingelullt von so viel Verständnis dürfte auch der letzte Turbo-Karrierist seinen wohlverdienten Schlaf finden.
Und weil man sich auf die Musik nicht konzentrieren muss, sondern sich entführen lässt, sind die Texte auch nicht so wichtig. Sie sind Stilelemente wie Piano oder Atarisounds. Bei Textzeilen wie «You're so fine, you walk in my mind» ist es sowieso besser, wenn man sie rechts rein und links wieder heraus rauschen lässt.
Mit Love 2 servieren Air gefällige Elektro-Experimente, die den Hörer aber nie überanstrengen wollen – eigentlich schade.
Interpret: Air
Titel: Love 2
Plattenfirma: Virgin
Spielzeit: 46 Minuten
Erscheinungsdatum: Oktober 2009