Sa., 26.05.12

Dieter Moor im Interview 02.11.2009 Der Bauer unter den Moderatoren

Dieter Moor (Foto)
Moderator und Autor Dieter Moor. Bild: Manuel Krug

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert

Dieter Moor ist Schweizer, bewirtschaftet ausgerechnet in Brandenburg einen Biobauernhof und findet Deutschland obendrein ausgesprochen unspießig. Wie das passt und warum eine stabile Tür in der Schweiz Statussymbol ist, erklärt der Moderator im Interview.

Herr Moor, kennen Sie das Brandenburg-Lied von Rainald Grebe?

Moor: Natürlich. Der Herr Grebe war auf meinem Hof zu Gast in der Sendung Bauer sucht Kultur.

Sie gehen in Ihrem Buch Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht auf die selben Brandenburg-Klischees ein wie Herr Grebe. Aber während er sie kultiviert, schreiben Sie sie liebevoll um.

Moor: Sie sind ja auch liebevoll. Ich habe mit Herrn Grebe darüber gesprochen und er möchte in Zukunft in Brandenburg leben. Und nachdem es dieses Lied nun schon gibt, muss ich nicht auch noch ein Buch schreiben über die Motorrad- und Golffahrer, die an den Alleebäumen kleben.

Aber die gibt es schon in Brandenburg?

Moor: Die gibt es in Brandenburg, die gibt es aber auch überall. In der Schweiz gibt es relativ wenige Autos, die in Bäume fahren, weil die Bäume weit weg von der Straße sind. Aber Trinken, Autofahren und Bäume sind generell eine blöde Kombination und nichts spezifisch brandenburgisches.

Sie beschreiben in ihrem Buch ein ganz anderes Deutschland, als ich es kenne. Wenn ich wie Sie vor Überreglementierung fliehen wollte, dann wäre Deutschland das letzte Land, in das ich ginge.

Moor: Vielleicht haben Sie noch nicht in der Schweiz gelebt. Ich glaube zwar nicht, dass es tatsächlich mehr Reglemente in der Schweiz gibt als in Deutschland. Aber ich glaube, dass es mehr Leute gibt, die diese Regeln auch lesen. Und was den Schweizer vom Deutschen unterscheidet, ist, dass er sehr genau darauf achtet, dass andere sie einhalten. Nämlich, weil er selbst zu feige ist, sie nicht einzuhalten.

Er würde also zum Beispiel lautes Feiern des Nachts im Gemeindehaus, wie Sie es im Buch beschreiben, nicht tolerieren – im Gegensatz zu den Menschen in Ihrem Dorf in Brandenburg. Ich glaube allerdings, auch in Deutschland gibt es genug Menschen, die da die Polizei rufen würden.

Moor: Ich kenne das hier echt nicht. Das Dorf hat mich angenehm überrascht. Wenn da jeder jeden verklagen würde, der nach 22 Uhr noch etwas auf der Straße sagt, wären wir nur mit Rechtsstreitigkeiten beschäftigt. Gewisse schweizerische Tendenzen sind schon zu erkennen. Unser Dorfladen macht nun endgültig zu. Und mit dem Wegfall des Dorfladens oder des Fußballklubs könnten auch brandenburgische Dörfer zu Schlafdörfern werden.

Was ist das, ein Schlafdorf?

Moor: Ein Dorf, in dem alles richtig und aufgeräumt ist und keine rostigen Geräte mehr hinter den Häusern herumstehen.

Das würde auch dem «kleinen Schweizer», dem Spießbürger gefallen, den Sie in Ihrem Buch immer wieder zu Wort kommen lassen. Wie viel ist von dem noch da nach den sechs Jahren, die Sie nun in Deutschland leben?

Moor: Der ist schon noch da, aber eher so als Erinnerung. Ich bin inzwischen schon so entschweizert, dass ich die Schweiz sogar wieder genießen kann, wenn ich da bin. Ich gehe da als Fremder durch und denke: Ja, das ist ja alles schön, alle sind nett und habe dabei schon fast vergessen, dass die Nettigkeit auch gefährlich ist.

Stimmt es wirklich, dass in der Schweiz alle Türen aus Stahl sind, wie Sie im Buch schreiben?

Moor: Eine stabile Tür ist für den Schweizer ein Statussymbol. Im Kalten Krieg war die Schweiz das erste Land, wo sich die Leute Atombunker in den Vorgarten gesetzt haben. Industriell gefertigte Ein-Mann-Atombunker mit Luft für 24 bis 48 Stunden.

Mögen Sie Peer SteinbrückSteinbrück wird in der Schweiz für seine Aussagen im Zusammenhang mit dem Schweizer Bankgeheimnis kritisiert. Der damalige Finanzminister hatte die Schweiz im März 2003 mit Indianern und die Deutschen mit der Kavallerie verglichen. ?

Moor: Ich mag den, ja. Die Schweizer haben den wahrscheinlich so sehr gehasst, weil er einfach sagt, was Sache ist. Ich mag ja genau das. Und ich habe mit einem Schmunzeln verfolgt, wie Peer Steinbrück mit seinem bösen Blick und der leichten Glatze perfekt in das Bild gepasst hat, das die Schweizer vom «bösen Deutschen» haben. Dafür hab' ich ihn schon sehr gern gehabt.

Was glauben Sie, welches Bild die Deutschen von den Schweizern haben?

Moor: Die Deutschen sind froh, dass die Schweizer noch ein bisschen kleinbürgerlicher sind, als sie selbst, das tröstet. Ansonsten unterschätzen sie sie einfach, was, wie ich glaube, an der Sprache liegt. Allein durch den Akzent finden Deutsche die Schweizer immer nett, lieb, harmlos und witzig. Dabei kann man auch auf Schweizerdeutsch jemanden umbringen.

Lesen Sie auf Seite 2, warum sich Dieter Moor manchmal auch gerne ein bisschen wichtig tut

Man könnte sagen, Ihr Buch passt perfekt in diese Zeit. Biosupermärkte in der Stadt und ein friedlicher Zweitwohnsitz auf dem Land sind ziemlich in. Haben Sie diesen Trend absichtlich abgepasst?

Moor: Nein, die Entstehungsgeschichte ist banal. Es gab einfach diesen Verlag, der gesagt hat: Schreiben Sie doch mal ein Buch. Also da ist keine Berechnung dahinter, sondern es ist ein Privileg. Viele Schreiber, die viel besser schreiben können als ich, haben ein Problem, einen Verlag zu finden.

Ich habe Teile des Buches als belehrend beziehungsweise bekehrend empfunden. War das Ihre Absicht?

Moor: Nee, überhaupt nicht, das tut mir auch leid. Das trifft mich jetzt sogar ein bisschen. Ich hasse Bücher, die belehrend sind. Welche Passage meinen Sie? Die Fuchsgeschichte?

Ja, genau. Als es darum ging, Menschen würden Tiere immer genauso halten, wie es für die Menschen am bequemsten ist. Der Gedanke an sich ist nicht das Problem, aber Sie weiten das über eine halbe Seite mit immer neuen Beispielen aus.

Moor: Ja, der Lektor hat gesagt, das ist zu ausschweifend. Mir war das aber wichtig. Sehen Sie, da bin ich tatsächlich in die Missionarsfalle getappt. Aber ich habe das in meinem Alltag immer wieder, diese Viecherhaltung. Es geht mir einfach auf den Wecker, wenn die Leute immer sagen: «Nein, mein Hund ist total glücklich in dieser Stadtwohnung.»

Ihre Frau ist inzwischen Vollzeit-Landwirtin und kümmert sich um Ihren Hof. Sie haben in Interviews oft davon gesprochen, dass Ihre Arbeit im Fernsehen nur Ihren Hof finanziert. Das klingt, als ob Sie sich lieber komplett aus dem Fernsehen verabschieden würden, um nur in der Landwirtschaft tätig zu sein.

Moor: Da muss ich ein wenig gegensteuern. Wenn ich es hassen würde, Fernsehen zu machen, würde ich es nicht in der Menge tun können. Medienwelt und Landwirtschaft ergänzen sich prima. In meiner Zeit auf dem Hof bin ich komplett geerdet. Und auf der anderen Seite finde ich es dann auch wieder spannend, irgendwo hinzufliegen, Kulturereignissen beizuwohnen und mich ein bisschen wichtig zu tun. Finanziell ergänzt es sich sowieso, weil die Kohle, die in den Medien unzweifelhaft zu verdienen ist, hier gut angelegt ist. Außerdem haben wir keine Probleme, das, was wir hier tun, bekannt zu machen.

Dazu nutzen Sie ihre Bekanntheit also schon?

Moor: Absolut. Um meinem Hof zu helfen, nutze ich alles. Da bin ich völlig skrupellos.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollen mit ihrer Arbeit in der traditionellen Landwirtschaft dem schnellebigen Mediengeschäft etwas Nachhaltiges entgegensetzen. Für den RBB sind Sie in Bauer sucht Kultur unterwegs, bringen also beides bewusst wieder zusammen. Wie passt das?

Moor: Das passt doch gut. Wenn ich einen für alle Zeiten klugen Satz kenne, kann ich ihn auch auf Klopapier schreiben, obwohl ich weiß, dass Klopapier vergänglich ist. Deswegen wird der Satz danach immer noch stimmen. Das Fernsehen ist einfach nur ein Transportmittel. Und es ist auch kein Widerspruch, Fernsehen zu benutzen, um ein nachhaltiges Projekt bekannt zu machen.

Lesen Sie auf Seite 3, warum Dieter Moor eine Late-Night-Show reizen würde

Sie mögen Radio Eins, das liest man in Ihrem Buch gleich auf den ersten Seiten. Welche deutschen Medien mögen Sie außerdem?

Moor: Da kann ich schlecht drauf antworten, weil ich ein extrem schmalbrüstiger Medienkonsument bin. Bei Zeitungen lese ich die, die man halt so schätzt, also Süddeutsche, FAZ und so weiter. Der Fernseher, das muss ich ehrlich sagen, verstaubt hier vor sich hin. Was jetzt vielleicht auch wieder ein Widerspruch ist, weil es das Medium ist, in dem ich mein Geld verdiene. Aber ich komme einfach nicht dazu.

Und was mögen Sie daran, in Deutschland in den Medien zu arbeiten?

Moor: Die Vielseitigkeit. Ich war fast immer freischaffend tätig und in der Schweiz ist man entweder beim Schweizer Fernsehen oder ... Das war's, abgesehen von drei/vier relevanten Privatradiosendern. Und das wiederum korrumpiert sehr schnell. Wenn man nur einen Arbeitgeber hat, ist man sehr schnell erpressbar. Und hier in Deutschland kann man sich an vielen Stellen umsehen und wenn man die Nerven hat, auch mal schlechte Zeiten überdauern.

Ich wollte Sie jetzt eigentlich fragen, ob Sie die neuen Shows von Harald Schmidt und Oliver Pocher gesehen haben. Aber wenn Sie selten Fernsehen schauen, hat das wahrscheinlich wenig Sinn.

Moor: Bei der gemeinsamen Sendung von Schmidt und Pocher habe ich drei-/viermal reingeschaut und war maßlos enttäuscht. Ich fand die Idee großartig, dass die beiden zusammen etwas machen. Oliver Pocher habe ich im Fernsehen zwar überhaupt nie ausgehalten, aber bei einem Live-Auftritt gemerkt: Hey, der Junge ist ja richtig gut und der ist vor allem richtig mutig. Das hat aber mit Harald Schmidt nicht geklappt, weil wahrscheinlich ein alter Alpha und ein junger Alpha nicht zusammen auf einer Weide stehen können.

Hätten Sie Lust, selbst wieder Late Night zu machen?Dieter Moor präsentierte im Schweizer Fernsehen 146 Folgen einer täglichen Late-Night-Show. Nach einer öffentlichen Debatte, in der es unter anderem um die Zuschauerzahlen ging, wurde diese 1999 eingestellt.

Moor: Mich würde das schon mal wieder reizen, offen gestanden. Obwohl ich mir schrecklich, schrecklich die Fresse verbrannt habe. Es ist aber natürlich schon ein Hammer, in einer täglichen Sendung erzählen zu können, wonach einem ist.

Was haben Sie noch vor im Fernsehen?

Moor: Ach, ich hab' doch keine Pläne mehr, mein Gott! Ich guck', was kommt. Also wenn so etwas käme, wie Jon StewartAmerikanischer Komiker und Gastgeber der täglichen, satirischen Nachrichtensendung «The Daily Show» es macht, wäre das natürlich eine riesige Herausforderung. Aber ob ich es mir dann zutrauen würde oder vor Angst schlaflose Nächte hätte, kann ich nicht einschätzen. So ein Feld, irgendwann spät nachts, mit einem guten Team – das wäre natürlich großartig. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob diese Zeiten nicht definitiv vorbei sind. Man muss eben jemanden finden, der es sich mit einem zutraut.

Oder Sie machen es selbst. Sie wollten doch auch immer einen eigenen kleinen Sender.

Moor: Ja, davon träume ich natürlich immer noch. Aber ich muss zugeben, dass es in der jetzigen Phase gerade wieder ein Traum ist, weil ich einfach nicht dazu komme. Die Vision wäre gewesen, eine staatliche Fernsehausbildungsstätte zu gründen, die gleichzeitig ein Sender ist. Ich glaube, dass viele junge, kreative Menschen in Praktikantenjobs zerrieben werden. Und wenn sie dann nach ein paar Jahren endlich eine Festanstellung kriegen, sind sie schon so zurecht gerückt, dass auch nichts Neues dabei herauskommt.

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