Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Weltpremiere auf dem Filmfestival Dok Leipzig: Kennzeichen Kohl zeigt Seiten von Helmut Kohl, von denen bisher niemand etwas ahnte: Kohl saugt mit Leidenschaft seinen Mercedes, weint bei Don Giovanni und verteidigt den Sozialismus.
Helmut Kohl bricht eine Lanze für die DDR: «Der Sozialismus an sich ist nicht schlecht gewesen. Nur die Ausführung war schlecht», sagt er voller Inbrunst und stimmt «Auferstanden aus Ruinen» an. Keine Panik - es besteht kein Grund, sich um die geistige Gesundheit des Ex-Kanzlers zu sorgen. Der Zitierte ist lediglich ein sächsischer Gastwirt und Namensvetter des prominenten Politikers.
Regisseur Jean Bouè hat den sächsischen Helmut Kohl zu einer der Hauptfiguren in seinem Film Kennzeichen Kohl gemacht. Vier weitere Protagonisten, die den Namen des Ex-Kanzlers tragen, hat er ebenfalls begleitet und daraus ein Stimmungsbild der deutschen Seele gemacht. Am Abend hatte der Film auf dem Dokumentar- und Animationsfilmfestival Dok Leipzig seine Weltpremiere.
Der Zuschauer taucht in dem Film ein in die Welt eines Oberschlesiers in Heidelberg, eines ehemaligen Chemiearbeiters in Wolfen, eines Architekten in Duisburg und eines Anlagenführers in Rheinland-Pfalz. «Diese Menschen sind ja nicht nur damit zufrieden, Namensvetter von Helmut Kohl zu sein», erklärt Bouè, wie er es geschafft hat, sie für seinen Film zu gewinnen. Er bedauert, dass keiner seiner Protagonisten bei der Premiere dabei sein konnte und wirkt etwas nervös, wie sie reagieren könnten. «Mir ist es wichtig, dass sie liebevoll dargestellt sind und sympathisch wirken», betont er.
Expressive Bilder auf der Veranda
Die Träume und den Alltag des deutschen Kleinbürgers hat Boué mit vier der Namensvettern porträtiert. Der fünfte sticht heraus: Der Duisburger Architekt Helmut Kohl speist auf Designerstühlen, pinselt expressive Bilder auf der Veranda seines mediteran angehauchten Hauses, verspekuliert sich in Ostdeutschland und verliert deshalb - oh, schreck - sechs Hundertwasser.
Aber er zeigt auch eine sanfte Seite: Bei Don Giovanni in der Wiener Staatsoper, kommen ihm die Tränen, gesteht er mit zitternder Stimme. Ein Highlight des Films ist, wie er die Tischgesellschaft mit der Geschichte seines Aldi-Besuchs amüsiert. «Da wird doch alles aus Kartons verkauft, oder?», weiß die Gattin beizutragen.
Der sächsische Helmut Kohl trägt einen braunen Strickpulli und eine erstaunlich authentische Kohlbrille. Vor der Kamera reden, das mag er eigentlich nicht so gern. Trotzdem wäre er gern Sportreporter geworden, lobt die DDR und gesteht: «Ich habe Fischbrötchen geschmiert, das mit dem Geld hat immer meine Frau gemacht.»
Auch der Wolfener Chemiearbeiter im Ruhestand denkt gern an die alten Zeiten zurück und sieht hilflos zu, wie die Platte, die einmal seine Heimat war unter dem Abrissbagger zerbröselt. Im beigefarbenen Blouson und grauer Hose steht er auf dem plattgewalzten Gelände, wo einmal sein Arbeitgeber war und klammert sich an seinen Taschenschirm.
Deutschlandfahne und Brombeeren
Der Oberschlesier Kohl hat in Heidelberg in der Biergasse eine Kleingartenparzelle, in der er die deutsche Fahne hisst und Brombeeren pflückt. Mit Hingabe saugt der Kfz-Mechaniker im Ruhestand seinen Mercedes aus und berichtet mit leuchtenden Augen von seinem Auto und seiner glücklichen Ehe. Vollendetes deutsches Kleinbürgerglück. «Dieser Mensch ist völlig frei von Argwohn. Er hat eine derartige Unschuld den Medien gegenüber, dass wir einige Sachen raus nehmen mussten, um ihn zu schützen», berichtet der Regisseur.
Der Anlagenführer Kohl aus Rheinland-Pfalz ist ein Hans-Dampf in allen Gassen: In der Frühschicht konstruiert er Stoßdämpfer, dann züchtet er Weihnachtsbäume, pflegt seinen behinderten Bruder, zwischendurch versucht er noch den Bedürfnissen seiner Familie gerecht zu werden und nimmt sich immer wieder vor, das Leben intensiver zu leben. «Mein Mann kommt nur noch zu den Fütterungszeiten», bemerkt seine Frau lakonisch und brütet derweil über Bewerbungen, weil ihr daheim die Decke auf den Kopf fällt.
Die Frau verdrischt Koteletts
Durch geschickte Schnitte ergeben sich sehr komische Situationen: Während der sächsische Helmut Kohl als DJ Mikro und Lichtanlage testet, verdrischt seine Frau in der Küche Koteletts. Außerdem sind die Geschichten dieser Menschen, die nur zufällig denselben Namen tragen, durch thematische Parallelen miteinander verknüpft: Sie alle äußern sich dazu, was Glück für sie bedeutet, versuchen die Nationalhymne aus dem Gedächtnis hervorzukramen und erzählen, wie sie zu ihrem berühmten Namensvetter stehen.
Regisseur Boué wirft mitunter einen sehr liebevollen Blick auf die kleine Welt dieser Menschen, manchmal gleiten die Bilder aber in die Klischee-Vorstellungen des deutschen Spießertums ab: Da wird das Vereinsleben im Dorf in den höchsten Tönen gelobt, natürlich geht der Architekt mit seiner Gattin zum Golfen und abends wird zu DDR-Schlagern geschwooft.
Auch wenn es vom Regisseur wohl nicht beabsichtigt ist: Das Publikums reagiert mitunter schadenfroh. Boué erlebt das zum ersten Mal: «Diese Situation ist mir völlig fremd. Normalerweise sehe ich Premieren im Fernsehen. Heute habe ich immer mal wieder mit einem Auge nach hinten geschaut, um zu sehen, wie das Publikum reagiert», sagt er. Dennoch hat er sicherlich in zufriedene Gesichter geschaut. Schade eigentlich, dass der Ex-Kanzler selbst nicht da war, um zu sehen, was seine Namensvetter so umtreibt.
tno/news.de