Von news.de-Redakteur Sascha Gorhau
Fast Forward: Viele Bands verwalten ihre große Zeit und sterben vor sich hin. Dismember hingegen stehen im zarten Alter von 21 voll im Saft. Bester Beweis: Ihre aktuelle, selbstbetitelte Platte ist eine Lehrstunde in Sachen kompromissloser Death Metal.
Irgendwo zwischen Mozart und Morgoth muss sie liegen – die Quadratur des Kreises, in deren Mitte sich das befindet, was ich meine Lieblingsplatte nennen kann. Obwohl meine akustische Sozialisation eindeutig unter dem Banner der Gitarre verlaufen ist, fühle ich mich seit Jahren eher wie ein Kleinkind im musikalischen Spielwarenladen: So viel Neues gibt es zu entdecken!
Wie soll man sich da auf die eine Lieblingsplatte festlegen? Licht ins Dunkel bringt die Trennung von allem Ballast, von all dem Speck auf der eigenen musikalischen Seele, den man sich über die Jahre angelauscht hat. Nach dieser Kur kann die Entscheidung nur tief im eigenen Urschleim liegen. Das ist zweifellos der raue, ungeschliffene Death Metal der späten 1980er und frühen 1990er Jahre. Kapellen wie Gorefest, Bolt Thrower, Carcass oder Edge of Sanity waren stilprägend – und natürlich Dismember.
Dass der Schweden-Fünfer im Jahr 2009 noch existiert, ist an sich schon eine Ausnahme für eine Band einer Jugendbewegung. Denn nach dem juvenilen Furor verlieren die sich gerne – entweder in der musikalischen Bedeutungslosigkeit, irgendwelchen Rauschmitteluniversen oder Lebenskrisen beim Eintritt in die Adoleszenz. Gerade unter diesem Aspekt kann man das nach dem Bandnamen schlicht «Dismember» betitelte Album aus dem Jahre 2008 gar nicht hoch genug bewerten. Das nämlich präsentiert das skandinavische Death-Metal-Flaggschiff auf großer Fahrt.
Die Platte beweist, dass man in Würde älter werden kann. Denn wenn man das übliche Gewäsch der Marke «an die alten Scheiben kommen die neuen eh nicht mehr ran» mal beiseite lässt, dann ist «Dismember» nach dem legendären Debüt «Like an everflowing stream» das stärkste Album der mittlerweile 21-jährigen Bandgeschichte. Je nach persönlicher Ansicht romantisch oder anachronistisch wirkt die Tatsache, dass die Aufnahmen 100 Prozent analog durchgeführt wurde.
Death Metal in Reinkultur
Von Lied zu Lied entwickelt die Scheibe immer mehr Dynamik und baut sich wie eine unüberwindbare Schallwand vor dem Hörer auf. Die Entwicklung harter Metalmusik seit Gründung der Band 1988 wird einfach ausgeblendet. Ausnahmslos jeder der Songs hätte auch vor 21 Jahren so komponiert und eingespielt werden können. Sie gehen gnadenlos nach vorne, halten ein konstant hohes Niveau und vermitteln unglaubliche Spielfreude. Das Organ von Sänger Matti Kärki klingt so gut wie nie zuvor. Ein Nackenbrecher jagt den nächsten.
Der Großteil der elf Stücke befindet sich auf ICE-Geschwindigkeitsniveau. Die wenigen schleppenden Passagen werden dadurch zusätzlich aufgewertet. Wer keine Ahnung von Death Metal hat, der sollte genau diese Rille zum Anfixen wählen. Sie bietet alles, was das Genre prägt. Sie offenbart dem Hörer, welche Einflüsse für den Stil Pate standen: der klassische Heavy Metal von Bands wie Iron Maiden oder Judas Priest. Die Geschwindigkeit, die Geradlinigkeit, die völlig sinnfreien Horrortexte – alles an diesem Album verkörpert Death Metal in Reinkultur. Genauso so muss diese Musik klingen!
Das Sahnestückchen schließlich sind die nach wie vor sehenswerten Livedarbietungen.
Dismember ist die spielfreudigste Kapelle, die ich je gesehen habe. Der Fünfer um das einzig verbliebene Gründungsmitglied David Blomquist (Gitarre) hat einen dermaßen ansteckenden Spaß an der Sache, dass Publikum und Band sich meist um die Wette freuen. Neben den aktuellen Stücken werden auch die alten Abrissbirnen wie «Skinfather» oder «Casket Garden» abgefeiert. Und in solchen Momenten grinsen dann selbst diejenigen, die immer sagen, die alten Sachen seien doch besser.
blf/reu/news.de