Fernsehsender zeigen zu wenige Dokumentarfilme, moniert Claas Danielsen, Direktor des Dok-Filmfestivals. Der Fernsehdirektor des MDR, wichtiger Medienpartner des Festivals, ist nicht amüsiert.
In einem eindringlichen Appell an die deutschen Fernsehsender hat der Direktor des Leipziger Dok-Film-Festivals, Claas Danielsen, mehr Beachtung für die dokumentarische Filmgattung gefordert. Er beobachte seit Jahren die Verdrängung dieses Genres ins programmliche Abseits, sagte der Regisseur am Montagabend zur Eröffnung des 52. Internationalen Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm.
«Mir wird immer klarer, dass dies das Ergebnis einer gefährlichen Haltung Programmverantwortlicher gegenüber dem Zuschauer ist», sagte Danielsen und erhielt dafür viel Beifall. Der Zuschauer werde oft für eingeschränkt aufnahmefähig und etwas zurückgeblieben gehalten und damit letztlich als unmündiger Bürger abgestempelt. Komplexe, ungewöhnliche und fordernde Themen und Erzählweisen seien im Massenmedium Fernsehen unerwünscht.
«Ich fordere die Kolleginnen und Kollegen in den von uns allen finanzierten Funkhäusern auf: Steuern Sie um und widerstehen Sie. Zeigen Sie sich! Zeigen Sie ihre Frustration und Wut, die ich in Gesprächen mit intelligenten Redakteuren immer wieder höre», sagte Danielsen. «Ein wirklich guter Film zeichnet sich durch eine Haltung aus, die ich an der Wahl der Protagonisten, der Bilder, der Worte, der Töne, am Rhythmus, aber auch an den Auslassungen erkenne.»
Themen, die jenseits des regionalen oder nationalen Sendegebiets angesiedelt sind und mit Neugier das Fremde erkunden und Vorurteile aufbrechen, kämen fast nicht mehr vor. Zudem seien kaum Dokumentationen in Originalsprache zu sehen. «Machen wir uns mal klar, was da passiert: Den Menschen vor der Kamera wird ihre Stimme genommen!», sagte der Direktor des Festivals.
Der Fernsehdirektor des MDR, Wolfgang Vietze, reagierte empört. Im Vorfeld der Premiere des Films «Kennzeichen Kohl» - eine Koproduktion des MDR - ging er Danielsen sichtlich verärgert an. «Dieser Rundumschlag ist vernichtend und verletzend. Für den MDR ziehe ich mir die Jacke nicht an», sagte er an Danielsen gerichtet.
«Ich wurde falsch zitiert», ruderte der Dok-Direktor etwas hilflos zurück. Er werde Vietze seine Rede zukommen lassen und dann könne man noch einmal über alles sprechen, versprach der zerknirschte Danielsen und wurde nicht müde, die Qualität des MDR-Programms und die wunderbare Zusammenarbeit mit dem Sender zu loben. So kämpferisch wie in seiner Rede wirkte er da nicht mehr.
iwi/amg/news.de/dpa
Allein das Wort Eklat ist in diesem Zusammenhang lächerlich. DIes war die leidenschaftlichste Rede, die ich je in solch einem Rahmen erleben durfte. Wahrhaftig und persönlich. Wirklich, all mein Respekt an Herr Danielsen.
jetzt antwortenKommentar melden