Facebook & Co. Lebst du noch oder surfst du schon?

Franziska Gerstenberg (Foto)
Franziska Gerstenberg. Bild: news.de

Von Franziska Gerstenberg
Wer viele Freunde hat, ist der Held. Das gilt im wahren Leben wie im Internet. Dumm nur, dass eine lange Kontaktliste bei Facebook keine Zeit mehr lässt für Freunde von nebenan, schreibt Schriftstellerin Franziska Gerstenberg in der news.de-Kolumne.

«Ich muss etwas tun», sagte mein Freund S. letztes Jahr, zu Beginn der Wirtschaftskrise. «Ich will Leute zusammenbringen und darüber diskutieren, was gerade geschieht. Am besten gründen wir eine Gruppe auf Facebook.»

Zwölf Monate später sind die Diskussionen in der damals gegründeten Gruppe längst eingeschlafen, mein Freund S. hat sich kürzlich aus dem Netzwerk verabschiedet. Doch ich hänge seitdem fest - bei Facebook. Ich habe mich daran gewöhnt, am Morgen als erstes nachzuschauen, was über Nacht geschrieben wurde. Wenn mir beim Arbeiten für ein Problem nicht gleich die Lösung einfällt, logge ich mich mal rasch bei Facebook ein. Abends, zwischen Zähneputzen und Weckerstellen: schnell noch zu Facebook. Und oft genug werden aus zwei Minuten zwanzig.

Zum Jahreswechsel hatte Facebook, weltweit das größte soziale Netzwerk, 200 Millionen Mitglieder. Mittlerweile sind es schon 300 Millionen. Es gibt 45 Millionen Gruppen, denen jeder beitreten kann. Tag für Tag werden eine Milliarde Nachrichten über die Plattform geschickt.

«Wer das liest ist mein Freund.» «Eigentlich sollte ich lernen … oh, ein Fussel.» Mit kurzen Statusmeldungen teilt man der Welt mit, wie einem diese Welt gerade gefällt. Dabei sind die Texte so beschaffen, dass aus der großen Welt schnell eine sehr kleine wird. Hier zählen intelligente Menschen auf, was sie zum Frühstück gegessen haben. Sie posten, dass sie zum Frisör gehen. Ich erfahre, wer einen Igel durchpäppelt und wessen Arbeitstag erst um Mitternacht endet. Dazwischen hier und da ein aparter Aphorismus.

Während in der Außenwelt der soziale Druck steigt, sich Netzwerken anzuschließen, etwa weil die Verabredungen des Schachklubs nur noch über diese Plattform getroffen werden, existiert auch ein Druck im Inneren. Facebook-Statusmeldungen müssen originell formuliert sein. Ihre Verfasser wollen geistreich und entspannt wirken. Die Texte sollen den Anschein erwecken, persönlich zu sein, dürfen gleichzeitig aber nichts wirklich Intimes verraten - denn längst hat der Poster vergessen, wer alles mitliest: der Chef, die Mutter, die Exfreundin?

Wahrgenommen wird, wer sich zu Wort meldet. Wer schlagfertig kommentiert. Wer witzige Videos verlinkt. Wer sich unauffällig, aber gekonnt inszeniert und vermarktet. Und der Erfolg meiner Marke wird gnadenlos bewertet: Wie vielen Freunden gefällt ein Beitrag? Die Antwort ist immer nur einen Mausklick entfernt.

Das führt dazu, dass auch an wenigen Worten lange gefeilt wird. Die kunstvolle Selbstinszenierung macht Arbeit - und hält oft genug von jeder anderen Arbeit ab. Kein Wunder, dass soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook in den meisten amerikanischen Firmen bereits verboten sind. Der wirtschaftliche Verlust durch die nette Ablenkung ist gigantisch.

«Aber», schreien die Facebook-Junkies, «Freundschaften muss man pflegen. Ich kann mich nicht einfach neun Stunden ausloggen.» Jedes Mitglied hat durchschnittlich 120 Freunde. Viele haben mehr. Natürlich sind diese «Freundschaften» von größtmöglicher Unverbindlichkeit geprägt. Ich werfe ein witziges Hallo in die Runde - alle fühlen sich angesprochen - und gleich habe ich das Gefühl, mich bei einer alten Freundin, mit der ich längst mal ins Kino gehen wollte, gemeldet zu haben. Im Kino waren wir allerdings immer noch nicht.

Schon allein die Anzahl der gesammelten Kontakte bestimmt einen Teil des sozialen Status. Kürzlich wurde ich von einem Aufruf begrüßt: «Soundso. Er/sie hat nur 13 Freunde. Schlage Freunde für ihn/sie vor.» Ob es meinem Freund Soundso gefallen würde, wenn er wüsste, dass Facebook mit seiner Einsamkeit hausieren geht?

Die Probleme, auf die im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken gern aufmerksam gemacht wird, stellen nur die Spitze des Eisbergs dar: Da wird der Bewerber um eine Stelle abgelehnt, weil sein letztes Kneipenfoto ergoogelt wurde. Da ist es einem 20-Jährigen gelungen, aus «Schüler-VZ» Millionen von Datensätzen zu ziehen.

Viel zu oft jedoch wird eine andere Gefahr übersehen: Online-Communitys sind, nach Rollenspielen und Pornoseiten, die neue Internetsucht. 400 Freunde rund um die ganze Welt zu haben, bei Facebook ist das kein Problem. Aber um eine einzige Freundschaft in der eigenen Stadt am Leben zu erhalten, müsste man den Computer verlassen. Und das Gehirn neu programmieren: Die hohe Geschwindigkeit, mit der es im Internet stimuliert wird, kann die Aufmerksamkeitsspanne reduzieren.

Plötzlich fällt es einem schwer, drei Stunden am Stück ein Buch zu lesen – ohne zwischendurch oder nebenbei zu chatten, Musik zu hören, Fotos hochzuladen. Plötzlich fällt es schwer, in die reale Welt zurückzukehren und die Freundin anzurufen, mit der man längst mal ins Kino wollte. Sie ist bestimmt sowieso verreist. Denkt man und klickt sich stattdessen weiter. Sie war nämlich schon seit zwei Tagen nicht mehr online - auf Facebook.

Franziska Gerstenberg ist news.de-Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift EDIT und hat mehrere Literaturpreise gewonnen, unter anderem für ihren Erzählband Solche Geschenke. Die gebürtige Dresdnerin lebt heute in Berlin.

che/iwi/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Bischi
  • Kommentar 3
  • 30.10.2009 07:58

Ich empfinde diese "sozialen" Netzwerke als Beginn einer sich desozialisierenden Gesellschaft. Einen gewissen Nutzen aus diesen Platformen ziehen hauptsächlich Selbstdarsteller, Datendiebe und Spanner. Wer die Welt auch ausserhalb eines Bildschirms wahrnehmen kann, der interessiert sich sicherlich nicht für das, was ich heute morgen auf meinem Brötchen habe...

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  • kdl
  • Kommentar 2
  • 27.10.2009 21:55

Hallo Frau Frau Gerstenberg und auch an kato! Es ist nicht der PC, ob Arbeitsmittel oder Spielzeug spielt keine Rolle, es ist die degenerierte Sinngebung unserer Gesellschaft, entstanden aus weit verbreiteter oberflächlicher Erziehung der Kinder über Jahrzehnte. Erlauben die Erziehenden FS, PC, iPhone, iPot und und ... weitgehend unkontrolliert, muss man sich nicht wundern, dass die Erwachsenen selbst im Supermarkt vor dem Regal stehen, ins Handy fragen, ob sie in die erste oder zweite Rehe greifen sollen, die Antwort aber nicht verstehen, da sich im Ohr noch der Klipp vom iPod befindet. Für mich bedeutet das, diese Fun-Gesellschaft verblödet immer schneller.

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  • kato
  • Kommentar 1
  • 27.10.2009 18:24

Wie wahr, wie wahr! Wenn eben ein Arbeitsmittel zum Spielzeug ausartet. Wer kam eigentlich auf die Idee dieses Medium "sozialen Netzwerken" zu nennen. Mit sozial hat das meines Erachtens nicht viel zu tun. Ich will nicht falsch verstanden werden. Facebook kann Spass machen und auch bei Entfernungen ein tolles Medium sein. Auch der Freund S ist sicher ein schlauer, wenn er nach Themenabschluss eben wieder das Netzwerk verlässt. Wie immer im Leben sind eben Extreme wirklicher Bockmist. Das sollte eben auch bei diesen unsozialen Netzwerken beachtet werden.

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