Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
In Italien ist er ein ganz Großer, in Deutschland immerhin ein Geheimtipp: Pino Daniele ist keiner, mit dem Ristorante-Besitzer ihre Gasträume beschallen würden. Seine Musik taugt nicht für den Hintergrund und widersetzt sich allen Italien-Klischees.
Mai 1993 im Fußballstadion von Cava de’ Tirreni, eine Stadt südlich von Neapel: Es war das erste Mal, das ich Pino Daniele live erlebt habe – und das erste Live-Konzert des neapolitanischen Liedermachers seit langem.
80.000 Zuhörer wollten sich das nicht entgehen lassen, vermutlich allesamt Italiener. Und ich, die Deutsche, die im südlichen Teil des Stiefels Italienisch studieren wollte, verstand gar nichts. Daniele sang zwar auch italienisch und englisch, aber überwiegend auf Neapolitanisch. Der Dialekt ist ähnlich derb und rustikal wie bei uns das Bayerische.
Fasziniert war ich trotzdem von dem stämmigen Mann mit der schon ein wenig ergrauten Lockenmähne und dem Vollbart, der auf der Bühne ganz vertieft schien in sein Gitarrenspiel. Vor allem von der hellen Färbung seiner Stimme, die seiner Musik den besonderen Ausdruck zwischen Entspanntheit und Wehmut verleiht, der sich wie ein roter Faden durch alle seine Stücke zieht. Und natürlich von seiner Musik, die weder mit dem kraftvollen Rock eines Zucchero noch mit dem Schmusepop eines Eros Ramazotti vergleichbar ist.
Inzwischen verstehe ich auch, was Pino Daniele singt. Und der Live-Mitschnitt des Konzertes E sona mo' (was so viel heißt wie «Jetzt spielt er wieder») liegt bei mir zu Hause immer greifbereit. Ebenso das Album Passi d'autore («Schritte eines Autors») aus dem Jahr 2004.
Elf Jahre liegen zwischen diesen beiden Platten. Elf Jahre, die beweisen, dass Pino Daniele seinem Stil immer treu geblieben ist und sich trotzdem weiter entwickelt hat. E sona mo' ist ein Album, das viel über den Musiker und Songtexter verrät: über seine Heimatstadt Neapel, der er ein melancholisches Liebeslied – Napuli è - gewidmet hat. Hier wurde er 1955 als Sohn eines Hafenarbeiters geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf.
Und noch etwas verrät der Mitschnitt: Trotz seiner Wurzeln – oder vielleicht gerade deswegen – hat sich Daniele schon früh anderen musikalischen Einflüssen geöffnet. Herausgekommen ist ein Mix aus regionaler Folklore, Jazz, Blues und Rock, der von Kritikern als Latin oder Mediterranean Blues bezeichnet wird. Seine musikalische Vorliebe spricht Daniele übrigens selbst an - in dem Titel A Me Me Piace 'o Blues («Mir gefällt der Blues»).
Das wird auch beim Album Passi d'autore deutlich, wobei das erste Stück zunächst erstaunt: Arriverà L'Aurora ist ein sakraler Chorgesang mit politischen Anspielungen: «L'ulivo crescerà» heißt es darin - «der Olivenbaum wird wachsen». Unter diesem Symbol versammelte sich das Bündnis linker Oppositionsparteien gegen den von Silvio Berlusconi geführten rechten Regierungsblock.
Immer wieder sucht Daniele die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, darunter Chick Corea oder Pat Matheny. Für Passi d'autore arbeitete der Neapolitaner mit dem Peter Erskine Trio zusammen. Gemeinsam wandeln sie auf den Spuren des Jazz eines Django Reinhardt, dem sie das Lied Nuages Sulle Note widmen, spielen mit Einflüssen aus Blues, Rumba, Tango und anderen Latin-Sounds, doch schließlich finden sie immer zu ihrem entspannt und spielerisch wirkenden Jazz-Sound zurück.
Daneben befasst sich Daniele auf der Scheibe mit einem der großen Helden seiner Heimatstadt: Diego Maradona. Der argentinische Fußballer schoss den SSC Neapel in den 1980er Jahren zur italienischen Meisterschaft. Seitdem gilt er als einer der größten Helden der Lokalgeschichte. Doch Daniele holt den Fußballgott auf den Boden der Tatsachen zurück: «Lui è un mago con il pallone, ma la partita più importante è da giocare con la vita» («Er ist ein Zauberer mit dem Ball, aber die wichtigste Partie ist das Spiel mit dem Leben») heißt es in Anspielung auf Maradonas Skandale und Lebenskrisen.
Von ähnlichen Problemen ist Pino Daniele weit entfernt. Er genießt das Leben inmitten seiner Familie (La Mia Casa Sei Tu - «Du bist mein Zuhause»), hat in diesem Jahr ein neues Album - Electric Jam - herausgebracht und lässt sich weiterhin von Moden und Trends nicht beirren. «Sono un cantante di blues che non si ferma per niente al mondo porto» - «Ich bin ein Blues-Sänger, der für nichts auf der Welt aufhört», singt er in einem seiner Stücke. Hoffentlich singt er noch lange weiter.
bla/news.de
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