Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Wallende Brokatgewänder und Emanzipation im Mittelalter sind der Stoff, aus dem Sönke Wortmanns Die Päpstin ist. Alles wäre gut, wenn Johanna Wokalek nur nicht so übereifrig wäre.
Johanna schreit. Mit einem saftigen Schnalzen saust die Gerte auf ihren Rücken. Weil sich das Mädchen geweigert hatte, mit einem Messer die Schrift ihrer Odysee-Ausgabe abzukratzen, will ihr Vater die ketzerischen Gedanken mit Schlägen austreiben. Seine allzu wissbegierige Tochter bringt das Weltbild des Dorfpfarrers ins Wanken. In einer Zeit, in der die Menschen davon überzeugt waren, dass Frauen zu logischen Schlüssen nicht in der Lage seien und dass Bildung die Gebärmutter schrumpfen lasse, hat es die intelligente Johanna schwer.
Sönke Wortmann bringt mit Die Päpstin das gleichnamige Buch von Donna Wookfolk Cross als üppigen Kostümfilm auf die Leinwand. Die Autorin beschreibt darin die Geschichte einer Frau, die sich im Mittelalter als Mann ausgibt und Papst wird. Die Legende, die von der Kirche vehement bestritten wird, verpflanzt die Emanzipation in das Mittelalter.
Der Dorfpfarrer ist nicht begeistert, als seine Frau Johanna zur Welt bringt: «Eine Tochter», seufzt er und sucht Halt an einem Stützbalken. Noch weiß er nicht, wie sehr dieses Mädchen sein männliches Selbstverständnis in Frage stellen wird.
Platon und die Bibel im Wald
Johanna rebelliert dagegen, dass sie nicht unterrichtet werden soll, weil sie ein Mädchen ist. Sie belauscht den Unterricht und legt lateinische Bibelzitate mit Stöckchen auf den Waldboden. Ihre Lehrer sind der große Bruder und der Humanist Aesculapius, der ihr Mentor wird und sie heimlich mit Büchern aus der Domschule versorgt. Mit gesenkten Häuptern schlendern sie durch den Wald und diskutieren Platon und Bibelpassagen. Johannas Wissenshunger macht sie in den Augen ihres Vaters zur «unnatürlichen Kreatur».
Die Nachricht von einem Mädchen, dass lesen und schreiben kann und auch noch die griechische Sprache beherrscht, spricht sich schnell herum. Schließlich nimmt die Domschule Johanna doch noch auf, wo sie die Gängelungen ihres Lehrers über sich ergehen lassen muss: Fehler kann sie sich nicht erlauben. Den Jungs muss sie immer einen Schritt voraus sein. Nachts muss sie den Steinboden schrubben und über die Rolle der Frau in der Bibel nachdenken.
Johanna boxt sich gegen Neid, Missgunst und Intrigen der Männer durch und als ihr klar wird, dass sie ihren Wissensdurst als Frau nicht stillen kann, schlüpft sie in Männerkleider und findet als Bruder Johannes Unterschlupf in einem Kloster. Plötzlich wird Johanna geschätzt und geachtet. Doch mit der Pubertät wird es immer schwieriger ihr Geschlecht zu verheimlichen.
Dass sie sich in den Grafen Gerold verliebt, macht das Ganze nicht einfacher. In mittelalterlicher Kulisse muss sie die klassischen Entscheidungen der Emanzipation treffen, die so viele Frauen nach ihr zerrissen haben: Lebt sie mit Gerold, aber als Hausfrau? Oder wird sie Nomenklator des Papstes auf Kosten der Zweisamkeit? Sie entscheidet sich für die Karriere und tappt als Päpstin in die Babyfalle.
Die Päpstin ist ein sehenswerter Film, weil Johannas Weg Probleme mit sich bringt, mit denen sich jede moderne Frau auch auseinandersetzen muss. Hin und wieder trägt Wortmann aber leider viel zu dick auf, zum Beispiel wenn Johanna sehr dekorativ durch einen sonnendurchfluteten Wald reitet oder im Mondlicht die Hüllen fallen lässt. Ganz gruselig wird es, wenn ihr Geliebter die getrockneten Blüten hervorzieht, die Johanna ihm vor Jahren zugesteckt hatte. Auch ohne diese abgenudelte Geste hätte man verstanden, dass er sie vermisst hat. Die Aktualität der Geschichte hätte sich wohl besser herauskristallisiert, wenn sie nicht so sehr mit opulenten Gesten, wallenden Gewändern und Herzschmerz zugekleistert wäre.
Ensslin unter der Papsthaube
Noch etwas macht es schwer, den Film ungetrübt zu genießen: Johanna Wokalek nervt. Sie artikuliert ihren Text so überdeutlich, dass aus der Päpstin eine übereifrige Schauspielschülerin wird. Gehörlose dürften wenig Mühe haben, das Gesprochene dieser Lippenakrobatik abzulesen. Auch bei dem Versuch, sich wie ein Mann zu bewegen, schießt Wokalek über das Ziel hinaus. Ihre betont lässigen Posen sind karikaturhaft überzeichnet.
Wenn sie als Päpstin philosophische Diskussionen mit den Kardinälen ausficht, schaut unter der Papsthaube wieder die Gudrun Ensslin aus Der Baader-Meinhof-Komplex hervor. Die Darstellerin der jungen Johanna, die 15-Jährige Lotte Flack, spielt die Wokalek locker an die Wand. Das gescheite Blitzen ihrer Augen ist souveräner, als die taffe Pose der älteren Darstellerin. Großartig, wie Lotte Flack erhobenen Hauptes durch das Spalier der Mitschüler schreitet, die ihr Tinte über den Kopf gießen.
Große Freude macht es auch, John Goodman in der Rolle des Papst Serguis zuzusehen. Rotwangig und schelmenhaft begegnet er den Intrigen und Machtspielen im Vatikan. Als seine Beraterin löst Johanna den Investiturstreit zwischen kirchlicher und weltlicher Macht mit einem technischen Kniff. Den Türoffner-Mechanismus haben Johanna und Graf Gerold gemeinsam entdeckt und pflegen ihn wie andere Paare «ihr Lied». Mit Johanna ist eben alles anders.
voc/news.de