Emanzipierte Lippenakrobatik
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Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Artikel vom 22.10.2009
Wallende Brokatgewänder und Emanzipation im Mittelalter sind der Stoff, aus dem Sönke Wortmanns Die Päpstin ist. Alles wäre gut, wenn Johanna Wokalek nur nicht so übereifrig wäre.
Johanna schreit. Mit einem saftigen Schnalzen saust die Gerte auf ihren Rücken. Weil sich das Mädchen geweigert hatte, mit einem Messer die Schrift ihrer Odysee-Ausgabe abzukratzen, will ihr Vater die ketzerischen Gedanken mit Schlägen austreiben. Seine allzu wissbegierige Tochter bringt das Weltbild des Dorfpfarrers ins Wanken. In einer Zeit, in der die Menschen davon überzeugt waren, dass Frauen zu logischen Schlüssen nicht in der Lage seien und dass Bildung die Gebärmutter schrumpfen lasse, hat es die intelligente Johanna schwer.
Sönke Wortmann bringt mit Die Päpstin das gleichnamige Buch von Donna Wookfolk Cross als üppigen Kostümfilm auf die Leinwand. Die Autorin beschreibt darin die Geschichte einer Frau, die sich im Mittelalter als Mann ausgibt und Papst wird. Die Legende, die von der Kirche vehement bestritten wird, verpflanzt die Emanzipation in das Mittelalter.
Der Dorfpfarrer ist nicht begeistert, als seine Frau Johanna zur Welt bringt: «Eine Tochter», seufzt er und sucht Halt an einem Stützbalken. Noch weiß er nicht, wie sehr dieses Mädchen sein männliches Selbstverständnis in Frage stellen wird.
Platon und die Bibel im Wald
Johanna rebelliert dagegen, dass sie nicht unterrichtet werden soll, weil sie ein Mädchen ist. Sie belauscht den Unterricht und legt lateinische Bibelzitate mit Stöckchen auf den Waldboden. Ihre Lehrer sind der große Bruder und der Humanist Aesculapius, der ihr Mentor wird und sie heimlich mit Büchern aus der Domschule versorgt. Mit gesenkten Häuptern schlendern sie durch den Wald und diskutieren Platon und Bibelpassagen. Johannas Wissenshunger macht sie in den Augen ihres Vaters zur «unnatürlichen Kreatur».
Die Nachricht von einem Mädchen, dass lesen und schreiben kann und auch noch die griechische Sprache beherrscht, spricht sich schnell herum. Schließlich nimmt die Domschule Johanna doch noch auf, wo sie die Gängelungen ihres Lehrers über sich ergehen lassen muss: Fehler kann sie sich nicht erlauben. Den Jungs muss sie immer einen Schritt voraus sein. Nachts muss sie den Steinboden schrubben und über die Rolle der Frau in der Bibel nachdenken.
Johanna boxt sich gegen Neid, Missgunst und Intrigen der Männer durch und als ihr klar wird, dass sie ihren Wissensdurst als Frau nicht stillen kann, schlüpft sie in Männerkleider und findet als Bruder Johannes Unterschlupf in einem Kloster. Plötzlich wird Johanna geschätzt und geachtet. Doch mit der Pubertät wird es immer schwieriger ihr Geschlecht zu verheimlichen.
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