Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Revolte braucht keine roten Fahnen. Sie trägt einen beigen Mantel, bewegt sich in Trippelschritten und spricht wenig. In Frau Böhm sagt Nein spielt Senta Berger eine Frau, die korrekt ist und damit den moralischen Bankrott ihrer Vorgesetzten entlarvt.
Wir kennen die Bilder und wir kennen die Frau. ARD-Börsenexpertin Anja Kohl steht vor einem Werkstor. Hinter ihr werden Schilder und Plakate in die Höhe gereckt. Sie verkünden nichts Gutes. Wieder stehen tausende von Arbeitsplätzen auf dem Spiel, vernichtet durch die Profitgier von Managern. Frau Böhm sagt Nein beginnt als Simulation von Realität, im Pseudo-Dokumentarstil in grauen, verwaschenen Bildern.
Die Gegenwelt ist nur einen Schnitt entfernt. Das Wohnzimmer von Rita Böhm (Senta Berger) sieht aus, als sei die Zeit in den 1970er-Jahren stehen geblieben. Braune Schrankwand, Häkeldeckchen auf dem Tisch, dazu ein Radio vom Typ Volksempfänger, das den Raum mit den neuesten Börsennachrichten beschallt. Selbst die Türklingel schrillt altmodisch. Vor der Tür stehen zwei Polizisten. Frau Böhm muss mit zur Vernehmung. Sie soll eine Aussage machen. Zu ihrem Arbeitgeber, der Hewaro AG. Frau Böhm wird die Aussage verweigern. Dazu sei sie nicht befugt, sagt sie.
Frau Böhm ist Sachbearbeiterin bei Hewaro, zuständig für die Abrechnung der Vorstandsbezüge. Der Posten erfordert absolute Verschwiegenheit. Er erfordert jemanden wie Frau Böhm. Senta Berger hat eine Haltung zu diesem Charakter gefunden, was für den Film von essentieller Bedeutung ist. Er funktioniert nur, weil sie die Figur ernst nimmt, jede Überzeichnung ins Karikaturhafte vermeidet. Haltung ist dabei wörtlich zu verstehen. Wenn Frau Böhm sitzt, dann sitzt sie kerzengerade, mit durchgedrücktem Rücken, den Blick starr nach vorne gerichtet, die abgewetzte braune Handtasche auf dem Schoß. Wenn sie spricht – stockend und langsam – dann vermeidet sie direkten Blickkontakt mit ihrem Gegenüber. Ihre Trippelschritte verraten Scheu. Frau Böhm schätzt Beständigkeit. Alles Neue betrachtet sie mit Argwohn.
Wie wird so jemand zur Rebellin? Dafür braucht es einen Widerpart, eine wie Ira Engel (Lavinia Wilson). Und es braucht neue Entwicklungen. Bei der Hewaro weht seit Kurzem ein frischer Wind. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Horst Hochfeld (Thomas Huber) ist ein Manager der neuen Generation. Kurzfristige Rendite geht über alles. «Bei Hewaro ist der Aktionär König», sagt er. Ira Engel, seine «Office Managerin», hält ihm den Rücken frei. Schneidig ist sie, mehrsprachig, eloquent und auch ein wenig rücksichtslos. Das Gegenteil von Frau Böhm.
Der Zufall will es, dass die beiden mehr miteinander zu tun bekommen. Ira Engel erleidet einen Hörsturz, bricht auf dem Firmenparkplatz zusammen. Frau Böhm ist zur Stelle, fährt sie ins Krankenhaus und passt auf die kleine Tochter auf. Von Ira Engel erfährt die Sachbearbeiterin so manches, was ihr Weltbild ins Wanken bringt. Die Hewaro soll «gesundgeschrumpft» werden. Auf Kosten der Belegschaft. Der Personalvorstand wird erpresst. Es gibt Belege über Bordell-Besuche und Viagra vom Betriebsrat – VW und Peter Hartz lassen grüßen.
Schlimmer noch: Die Hewaro ist durch Misswirtschaft selbst zum Übernahmekandidaten geworden und wird schließlich von der Konkurrenz geschluckt. Tausende Arbeitsplätze stehen auf der Kippe. Dem Hewaro-Vorstand kann das egal sein. Er hat sich fette Boni genehmigen lassen. 80 Millionen Euro. Frau Böhm soll das Geld anweisen – trotz Formfehlern in der Beschlussvorlage. Zum ersten Mal regt sich in der Sachbearbeiterin Widerspruchsgeist. Frau Böhm sagt Nein.
Ein authentischer Fall inspirierte Dorothee Schön zum Drehbuch für Frau Böhm sagt Nein. Nach der verlorenen Übernahmeschlacht gegen Vodafone hatte sich eine Sachbearbeiterin von Mannesmann geweigert, Prämien von 60 Millionen Euro an Klaus Esser und seine Vorstandskollegen anzuweisen. Regisseurin Connie Walther vermeidet in ihrem Film jedoch jede Form der Abrechnung mit der Manager-Kaste. Das ruhige Erzähltempo steht im Kontrast zur hektischen Welt des Wirtschaftslebens, das der Film in wenigen, starken Szenen skizziert. Etwa wenn der unterlegene Personalvorstand an den Kameras der Journalisten vorbeischleicht und der Hewaro-Pförtner die Worthülsen der Bosse auf der Pressekonferenz zerpflückt.
Vor allem aber ist Frau Böhm sagt Nein das Psychogramm einer Frau, der auf denkbar brutale Art die Augen über ihren Arbeitgeber geöffnet werden. Senta Berger spielt diese Rolle ohne Pathos und frei von Sentimentalität. Lavinia Wilson steht ihr an Intensität in nichts nach. «Vorstand sein bedeutet Vorbild sein an Anstand», sagt Rita Böhm gegen Ende ihrem Chef ins Gesicht. Wenn der Film so etwas wie eine Botschaft hat, dann fasst sie dieser Satz zusammen.
Frau Böhm sagt Nein, Mittwoch, 21.10., 20.15 Uhr im Ersten.
voc/news.de