Von Axel Schock
Mit einem unbequemen, ausgezeichneten Film geht Deutschland im kommenden Jahr ins Oscar-Rennen. Heute läuft Das weiße Band von Michael Haneke in den Kinos an. Ein seltsamer, verstörender Plot trägt den Zuschauer dabei kalkuliert aus der Bahn.
Dieses kleine Dorf in Norddeutschland der Jahre 1913/1914 erscheint wie ein Idyll, archaisch wie aus einer anderen Zeit. Die einzige Straße durch die Ansiedlung ist weder gepflastert noch asphaltiert, das Fahrrad das modernste Fortbewegungsmittel und die Strukturen innerhalb der Familien und der Dorfgemeinschaft scheinen völlig intakt. Mit präzisem, geradezu dokumentarischem Blick und in schwarz-weiß-Bildern seziert Regisseur Michael Haneke in Das weiße Band das Leben im Dorf.
Doch die heile Welt gerät ins Wanken. Der Dorfdoktor wird bei einem Reitunfall schwer verletzt. Ein Unbekannter hatte ein Metallseil gespannt, über das sein Pferd gestürzt ist. Im Sägewerk kommt eine Arbeiterin unter ungeklärten Umständen zu Tode. Ein geistig behinderter Junge wird gefesselt und gequält im Wald aufgefunden. Eine Scheune geht in Flammen auf. Haneke wird diese Kette seltsamer Verbrechen und Unfälle bis zuletzt nicht eindeutig klären. Die sich langsam aufbauende Atmosphäre des Unbehagens, der Verunsicherung und Bedrohung werden nicht aufgelöst, allenfalls abgelöst durch die Nachricht vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Das weiße Band ist allerdings alles andere als ein historischer Krimi. Den 67-jährigen österreichischen Regisseur interessiert vielmehr das System von Macht und Ohnmacht, Frömmelei und Autorität. Der protestantische Dorfpfarrer (Burghart Klaußner) ist zwar ein fürsorglicher Hirte seiner Gemeindeschäfchen und verständnisvoller Vater seiner Kinder, gleichwohl erzieht er mit drakonischen Strafen. Sein der Onanie bezichtigter Sohn muss fortan mit gefesselten Händen schlafen. Weil sie gesündigt haben, müssen die Pfarrerskinder eine weiße Schleife im Haar beziehungsweise am Arm tragen, um so ständig an ihre verlorene «Unschuld und Reinheit» erinnert zu werden.
Der aufopfernde Arzt (Rainer Bock) macht das Leben seiner Haushälterin und heimlichen Geliebten (Susanne Lothar) zur Psychohölle. Der allseits geschätzte und respektierte Gutsherr (Ulrich Tukur) missbraucht seine Macht zu subtilem Terror.
Dieses falsche Verständnis von Schuld und Sühne und die repressive Erziehung führen bei Haneke zu Böswilligkeit und Verklemmtheit sowie in letzter Konsequenz zu Gewalt. Diese Art der Erziehung und Werte, so Hanekes These, legte bei diesen Kindern die Grundlagen, die sie als Erwachsene zu Stützen des faschistischen Systems machten.
Das Böse als anonyme Bedrohung (wie in Caché) oder sadistischer Gewalttäter (wie in Funny Games) hat Haneke immer wieder in seinen Filmen thematisiert, allzu offensichtliche Lösungen und Erklärungen aber stets vermieden. In Das weiße Band ist dies nicht anders. Für das verstörende, bis in die Nebenrollen unter anderen mit Birgit Minichmayr, Steffi Kühnert und Josef Bierbichler hochkarätig besetzte Werk war Haneke beim diesjährigen 62. Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden. Das weiße Band, gedreht in einem Dorf in der Uckermark, geht nun für Deutschland ins Rennen um den Oscar für den besten ausländischen Film.
Titel: Das weiße Band
Regie: Michael Haneke
Hauptdarsteller: Christian Friedel, Ulrich Tukur, Susanne Lothar, Rainer Bock,
Spielzeit: 145 Minuten
Produktionsland und -jahr: Deutschland/Österreich/Frankreich/Italien 2009
FSK: 12 Jahre
Kinostart: Kinostart: 15. Oktober 2009