«Nichts als die Welt»

Was zwischen zwei Buchdeckel passt

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Im Januar erst gegründet, hat der Galiani-Verlag mit dem 600 Seiten starken Nichts als die Welt gleich ein Zeichen gesetzt: Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren, ausgewählt von Georg Brunold. Ein Buch, das schnell zum Standardwerk werden dürfte.

Lester Maul (Was ist das?)

Jetzt weiß ich, was ich mir zu Weihnachten wünsche: Nichts als die Welt! Bloß wer lestert dann in den nächsten acht Wochen? So lange werde ich ja wohl brauchen für den Wälzer.

15.10.2009
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Allein zehn Seiten umfasst das Inhaltsverzeichnis. Zehn Seiten von 700. Dazu ein Titel, der Anspruch wie Wunschdenken gleichermaßen sein dürfte. Nichts als die Welt. Nicht weniger als alles. In dem Wissen wohl, dass das zum Scheitern verurteilt ist. In dem Wissen aber auch, dass das dem Projekt überhaupt keinen Zacken aus der Krone bricht.

Georg Brunold, Reporter, Autor und viele Jahre stellvertretender Chefredakteur der schweizerischen Kulturzeitschrift du, hat mit diesem Folianten ein Standardwerk herausgebracht. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren versammelt er zwischen den beiden Buchdeckeln, fein gebunden und sorgsam gesetzt – einige seltene optische Schnitzer dürften der Deadline geschuldet sein, die Verleger und Herausgeber im Nacken gesessen hat. Seit Egon Erwin Kischs Klassischem Journalismus von 1923, das betont auch Brunold, hat es solch ein Werk im deutschsprachigen Raum nicht gegeben.

Allein beim Überfliegen der Namen schwindelt einem ob der Höhen, die man da erreicht. Es findet sich kanonisches wie Platon und Caesar, ein Auszug als der Karls-Vita des Einhard, Petrarca, Machiavelli, Montaigne, Grimmelshausen, Defoe, Swift, Voltaire ... Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Allein an deutschen Autoren, ob Heine, Goethe, Lessing, hat Brunold alles zusammengesucht, was Rang, Namen und Stil hat. Spätestens ab dem 19. Jahrhundert drängen sich die Texte dichter zusammen, bis er schließlich bei den Legenden des 20. Jahrhunderts landet. Bei Alfred Döblin, Egon Erwin Kisch, Graham Greene, Wolfgang Koeppen, und in der jüngeren Vergangenheit bei Umberto Eco, Ilija Trojanow, Navid Kermani oder, als letztem Text, Andreas Langenbacher.

Es ist eine Reise durch die Geschichte, die so viele Facetten in sich vereint, wie die Autoren Themen fanden. Ein großes, unfassbares Lesevergnügen ist es, sich von der Antike und ihren Berichten in Richtung Neuzeit zu arbeiten. Lampert von Hersfelds Ausführungen zu Heinrichs Gang nach Canossa etwa sind nicht nur historisch lehrreich, sie sind auch trotz der Kürze ein sprachlicher Leckerbissen. Alexander von Humboldts Porträt von Caracas entführt uns in die Ferne und vermittelt die Faszination, die sie auf den Wissenschaftler ausübte, schaudernd nur erträgt man Mr. & Mrs. D. H. Bishops Bericht aus dem Rettungsboot der Titanic.

Es befinden sich einige deutsche Erstveröffentlichungen in diesem Band, die ihn für den deutschsprachigen Raum besonders wertvoll machen. In Auszügen etwa ist Janet Flanners eigentlich dreiteiliges Hitler-Porträt unter dem Titel Hitlers Stimmbänder abgedruckt, das 1936 im New Yorker erschien, und auch Ian Burumas Porträt von Benazir Bhutto, erstmals erschienen 1989 in der New York Review of Books, wurde hierzu erstmals ins Deutsche übersetzt.

Brunold hat diese sorgfältig und fast vollständig zusammengetragene Sammlung um zwei Aspekte ergänzt: Um zwölf von David Schwartz hervorragend ausgewählte Fotoreportagen aus den vergangenen Jahren, von 9/11 bis zum Börsencrash 2008. Und um eine von Brunold selbst verfasste Bibliothek des Reporters, in der er schildert, welche Literatur ihn im Laufe seiner Karriere begleitet hat, eine Art zweiter Kanon der Sekundärliteratur.

Nichts als die Welt ist ein Buch, das wenig vermissen lässt, es beinhaltet, thematisch gefasst, beinahe alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt. Quellenkritisch zwar hat sich Brunold mit den Texten nicht auseinandergesetzt, das müssten Historiker tun, sagt er, in einem solchen Band ist dafür aber vielleicht auch kein Platz. Nichts als die Welt ist ein Lesebuch in erster Linie und ein Werkzeug in zweiter. Es ist ein Kompendium der Reportage, wie auch immer sich diese Gattung definieren ließe.

Es ist aber auch ein Statement, eines für das gedruckte Buch in Zeiten der Digitalisierung, was auch bemerkenswert ist, als der Galiani-Verlag, ein ImprintUnter einem Imprint versteht man eine Marke unter dem Dach eines Verlages, die behandelt wird, wie eine eigener Verlag, jedoch primär dem Marketing und der Segment-Abgrenzung dient. von Kiepenheuer & Witsch, mit diesem Buch sein allererstes Verlagsprogramm eröffnete. Es ist aber auch ein Statement für hochwertigen Journalismus in Zeiten massiver Sparmaßnahmen. Es wird ein Standardwerk werden. Und nicht nur in diesem Punkt dürfte es auf lange Zeit keine Konkurrenz zu fürchten haben.

Herausgeber: Georg Brunold
Titel: Nichts als die Welt
Verlag: Galiani Berlin
Seitenzahl: 608 Seiten
Preis: 85 Euro
Erscheinungsdatum: September 2009

amg/reu/news.de
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