Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Georg Brunold hat mit Nichts als die Welt ein Standardwerk der Reportage geschaffen. Im Interview spricht der Schweizer über ihren geringen Stellenwert in Deutschland, über Alpträume, Tränen und die einzige Geschichte, die er vergessen hat. Ausgerechnet die einer Schweizerin.
Herr Brunold, wenn ich Ihr Buch als Lesebuch bezeichnen würde, wären Sie beleidigt?
Brunold: Nein, weshalb?
Nun, weil es vielleicht über das eigentliche Lesevergnügen hinausgehen soll ...
Brunold: Das Lesevergnügen ist das höchste aller Vergnügen auf dieser Erde.
Und es ist auch für Ihr Buch das Ziel?
Brunold: Ja, sicher. Mir fällt jetzt gar nicht viel ein, was ich mir jenseits dessen zum Ziel gesetzt haben könnte.
Sie haben dem Buch ja beispielsweise einen eigenen Teil, die Bibliothek des Reporters, beigefügt. Es könnte also durchaus als Lehrbuch für gute Reportagen aufgefasst werden.
Brunold: Ja, diese Bilbiothek des Reporters, die lässt sich so verstehen. Lehrbuch, ich meine, es war nicht die Absicht, zu dozieren. Diese Bibliothek ist, wie der Untertitel sagt, als Werkzeugkasten zu verstehen. Sie beinhaltet die Bücher, die man haben muss, wenn man auf die Welt losgelassen wird als Reporter.
Dieses Buch mit seinen 700 Seiten ist für einen neu gegründeten Verlag, beziehungsweise ImprintUnter einem Imprint versteht man eine Marke unter dem Dach eines Verlages, die behandelt wird, wie eine eigener Verlag, jedoch primär dem Marketing und der Segment-Abgrenzung dient. , schon ein Brocken. Ist es in Zeiten der Digitalisierung auch als Statement für das gedruckte Buch zu verstehen?
Brunold: Ich denke schon, dass das die Absicht des Verlegers war. Sie müssten ihn fragen. Aber ich verstehe es so, ja. Und es passt natürlich sehr gut zur Neugründung eines Verlages.
Sie schreiben in Ihrem Vorwort auch über das Verständnis von Geschichte. Ist das Buch auch so zu verstehen, dass man durch seine Lektüre Geschichte verstehen kann?
Brunold: Es ist so zu verstehen, dass sich nichts an unserer Gegenwart durch diese Gegenwart allein erklärt. Das ist keine neue Erkenntnis, dass wir zum Verstehen der Gegenwart einen Haufen Vergangenheit brauchen. Ich denke, wichtig ist, dass wir, solange wir die Vergangenheit noch in ihren eigenen Stimmen hören können, uns nicht mit Geschichtsunterricht begnügen sollten.
Nun finden wir in diesem Buch bei den aktuellen Texten Reportagen, bei den älteren Augenzeugenberichte. Wie sehen SIe aktuell die Tradition der Reportage im deutschsprachigen Raum? Hat die noch einen Platz?
Brunold: Der Reportage geht es im deutschen Sprachraum nicht sehr gut, würde ich meinen. Sie ist dauernd gezwungen, ins Buch auszuweichen. Aber es gibt auch wirklich kaum Gefäße. Es gibt den Spiegel, der in verdankenswerter, löblicher Weise die großen Form pflegt, der auch sehr viel von Geschiche hält. Aber das ist dann doch eher Geschichtsunterricht als Reportage. Dann gibt es das Zeit-Dossier, das aus dem Haus geschrieben wird zur Hauptsache und natürlich sehr stark deutschlandinteressiert ist. In Deutschland wir die Welt ohnehin oft ersetzt durch ein Interesse an deutscher Außenpolitik. Dann gibt es Geo, das ist sozusagen das große Jugendbuch von Reader's Digest in Monatsraten, so eine Art Katalog der Welt. Aber ich denke, Reportage mit Ambition hat es ziemlich schwer, Raum zu finden oder Geld sogar zu finden. Es gibt den Lettre International, der kein Geld hat und deshalb das Beste zusammensuchen muss, das in anderen Sprachen geschrieben wird und es übersetzen zu lassen. Was dazu führt, dass wir dort wenigstens viermal jährlich Reportagestücke lesen können, die man im besten Sinne des Wortes zur neuen Weltliteratur zählen muss. Aber das ist natürlich etwas wenig, viermal jährlich, 15.000 Auflage.
Dabei hat doch gerade der deutschsprachige Raum so große Vorbilder, was die Reportage angeht ...
Brunold: Ja, großartig, nicht? Man braucht bloß an Heine zu denken, es gab ja keinen besseren Journalismus auf der Welt! Und das ging auch so weiter bis in die Zwischenkriegszeit. Joseph Roth in der Frankfurter Zeitung in der 20er Jahren, es gibt keinen schöneren Reportagejournalismus.
Sie haben ja schon das Wort Geschichte genutzt. Reportage ist ja nicht nur Geschichte im historischen Sinne, sondern auch im erzählerischen. Muss der Leser da aufpassen, um zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden?
Brunold: Fiktion ist vielleicht ein bisschen irreführend. Da steckt nicht Fiktion drin im Sinne von fiktiven Charakteren, im Sinn von Erfundenem. Aber natürlich geht es nicht ohne Fantasie und Einbildungskraft. Die Wirklichkeit besteht ja nicht zu 100 Prozent aus dem Eisenbeton erwiesener Tatsachen, sondern zu ganz großen Teilen aus Vermutungen und nicht befriedigend beantworteten Fragen und Verdächtigungen. Ein Reporter ohne Einbildungskraft kommt nicht mal auf eine gescheite Frage.
Das Gleiche gilt ja auch für die Fotoreportagen in Ihrem Band. Die sind ja auch inszeniert, oder sagen wir, aus einem persönlichen Blickwinkel heraus entstanden ...
Brunold: Ja, sicher. Da tritt das Auge noch deutlicher hervor als in der geschriebenen Reportage.
Wie haben Sie denn diese Fotoreportagen ausgewählt?
Brunold: Wir gingen zum besten Fotoredakteur der Welt, der heißt Daniel Schwartz, ich arbeitete lange Jahr mit ihm zusammen für die Zeitschrift du, er hat die ausgewählt. Wir haben ihm die Autorität verliehen dazu, der Verleger und ich hätten sicher so etwas wie ein Vetorecht gehabt, wenn uns etwas nicht gefallen hätte. Aber sonst war das seine Freiheit. Wir beschlossen irgendwann, dass wir im Jahr 2000 aufhören müssen mit den Texten, dass wir den 11.9., Ground Zero und Bushs global war on terror einstweilen den Tageskommentatoren überlassen müssen, dass man mit einer kanonischen Sammlung von Texten aus 2500 Jahren nicht bis heute herankommen kann. Da sind dann doch wenigstens zehn Jahre Distanz erforderlich. Und diese zwölf Bildreportagen zeigen nun, hier sind wir angekommen, das ist jetzt.
Bedeutet das, Ihr Buch ist abgeschlossen? Oder könnte es einen zweiten Teil geben?
Brunold: Ich denke, wir müssten schon ein bisschen warten. Die Leute wollen wahrscheinlich so ein Buch auch nicht alle zwei Jahre. Es gab ein vergleichbares Buch bisher in deutsche Sprache, das war Egon Erwin Kischs Klassischer Journalismus, erschienen 1923, und wir denken eigentlich eher, dass in den nächsten 50 Jahren auch nichts vergleichbares geben wird. Es gab allerdings Leute, die gesagt haben, das ist ein eurozentrisches Projekt, zwar die ganze Welt, aber von Europa aus gesehen. Was als Ergänzung gemacht werden müsste, wäre die übrige Welt.
Wenn Sie sagen, das müsste mal gemacht werden, dann klingt das eher so, als würden SIe das nicht selbst machen wollen?
Brunold: Ich weiß es nicht. Da müssten Sie mich vielleicht in ein paar Wochen nochmal fragen. Ich bin jetzt gerade aus dem Tunnel rausgefahren und zum Schluss ging es da hoch her bei diesem Projekt. Die Leute fragen mich: Seit wann lesen Sie? Wann haben Sie angefangen, dafür zu lesen? Ich sage dann immer: Seit ich lese im Leben. Und seit ungefähr zwei Jahren war ich der Annahme, dass dieses Projekt realisiert wird. Und dann kamen die letzten zwei, drei Wochen vor Deadline. Und dann fällt einem natürlich plötzlich nochmal was ein. Dies und das kommt dann, zum Schluss täglich, was man beinahe vergessen hätte.
Und? Haben Sie etwas vergessen?
Brunold: Doch doch. Bisher aber geht's noch. Ich habe nur ein wirklich schmerzhaftes Versäumis entdeckt. Ich weiß nicht, wie viele solche Entdeckungen mir noch bevorstehen, aber ich habe schon ein bisschen Angst.
Verraten Sie uns, was Sie vergessen haben?
Brunold: Ja, kann ich gerne. Annemarie Schwarzenbach. Zürich, große Reporterin von ungefähr 1930 und 1945. Sehr wichtige Autorin damals für die du, deren stellvertretender Chef ich acht Jahre war. Also, das mir das entgangen ist, ich kann es mir kaum erklären. Wir waren sowieso nicht gesegnet mit zu vielen Frauen, die sich aufdrängten. Und Annemarie Schwarzenbach ist nun wirklich jemand, die da rein gehört hätte.
Vielleicht bietet sich das für eine zweite Auflage an?
Brunold: Wir hoffen es. Aber auch da müssten Sie mit dem Verleger reden. Dieser ganze Rechtealptraum, mit dem das verbunden war. Ich denke, die Rechte sind gekauft für diese eine Ausgabe.
Wodurch ist es denn zu einem Alptraum geworden?
Brunold: 154 Autoren und etwa 120, 130 Übersetzer die ja auch Rechte haben, bis sie 75 Jahre tot sind. Das war eine Geschichte, die vier, fünf Monate dauerte. Solange die Autoren noch am Leben sind, ist das keine große Schwierigkeit. Aber dann gibt es die Erben, dann gibt es die Erben von George Simenon, und dann gibt es die Erben von Curzio Malaparte. Und es gibt Verlage, es gibt den Diogenes-Verlag in Zürich, der die deutschen Orwell-Rechte hat. Und dann gab es da Streiterein, die sich über fünf Wochen hinzogen. Täglich schrieb ich ein Dutzend Herausgeberbriefe, um das Projekt zu erklären und ein bisschen den Tränenstrom fließen zu lassen und ein bisschen auch zu drohen, es wär doch zu schade, wenn ihr Vater da auf der Strecke bliebe. Das war schon ein Alptraum und das war auch mit massiven Budgetüberschreitungen verbunden. Wir waren alle ein bisschen erledigt zum Ende, würde ich meinen.
Gab es denn einen Text, den Sie nicht bekommen haben?
Brunold: Nein, ich glaube, zum Schluss wurde da im Notfall halt wirklich alles bezahlt.
Sie haben ja gesagt, dass Sie sozusagen gerade erst aus dem Tunnel raus sind. Wissen sie trotzdem schon, was Sie als Nächstes machen, was man vielleicht auch wieder journalistisch von Ihnen erwarten kann?
Brunold: Ich würde mal ein bisschen abwarten und sehen wollen, was denn von mir erwartet wird. Im Augenblick tue ich etwas ganz anderes und knüpfe mal wieder an mein Vorleben als Philosoph an. Mein Verleger hat mich gefragt, warum ich mich nicht mal in einer Richtung versuche wie David Richard Precht, Philosophie für eine breite Leserschaft. Ich schreibe an einem kleinen Buch über Fortuna im Moment, Steckbrief einer Göttin. Ich weiß nicht, ob das Lockerungsübungen sind auf diesen Marathon hin oder ob das was Größeres wird. Ich habe da wieder ein Riesenlesepensum angetreten. Fortuna ist das Meer, Fortuna war das Meer für 2000 Jahre, von Pindars Oden 500 vor Christus bis zum Kaufmann von Venedig bei Shakespeare. Und das Meer ist natürlich ein bisschen groß und uferlos bekanntlich. Ich schwimme im Augenblick im Weltmeer herum und insofern ist das eine Fortsetzung dessen, was ich da getan habe mit diesem Nichts als die Welt.
Herr Brunold, danke für das Gespräch und viel Vergnügen beim Schwimmen.
Brunold: Nichts zu danken, ich danke.
amg/news.de