Mo., 13.02.12

Interview mit Georg Brunold «Reportage mit Ambition hat es schwer»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 19.10.2009

Georg Brunold hat mit Nichts als die Welt ein Standardwerk der Reportage geschaffen. Im Interview spricht der Schweizer über ihren geringen Stellenwert in Deutschland, über Alpträume, Tränen und die einzige Geschichte, die er vergessen hat. Ausgerechnet die einer Schweizerin.

15.10.2009
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Herr Brunold, wenn ich Ihr Buch als Lesebuch bezeichnen würde, wären Sie beleidigt?

Brunold: Nein, weshalb?

Nun, weil es vielleicht über das eigentliche Lesevergnügen hinausgehen soll ...

Brunold: Das Lesevergnügen ist das höchste aller Vergnügen auf dieser Erde.

Und es ist auch für Ihr Buch das Ziel?

Brunold: Ja, sicher. Mir fällt jetzt gar nicht viel ein, was ich mir jenseits dessen zum Ziel gesetzt haben könnte.

Sie haben dem Buch ja beispielsweise einen eigenen Teil, die Bibliothek des Reporters, beigefügt. Es könnte also durchaus als Lehrbuch für gute Reportagen aufgefasst werden.

Brunold: Ja, diese Bilbiothek des Reporters, die lässt sich so verstehen. Lehrbuch, ich meine, es war nicht die Absicht, zu dozieren. Diese Bibliothek ist, wie der Untertitel sagt, als Werkzeugkasten zu verstehen. Sie beinhaltet die Bücher, die man haben muss, wenn man auf die Welt losgelassen wird als Reporter.

Dieses Buch mit seinen 700 Seiten ist für einen neu gegründeten Verlag, beziehungsweise ImprintUnter einem Imprint versteht man eine Marke unter dem Dach eines Verlages, die behandelt wird, wie eine eigener Verlag, jedoch primär dem Marketing und der Segment-Abgrenzung dient. , schon ein Brocken. Ist es in Zeiten der Digitalisierung auch als Statement für das gedruckte Buch zu verstehen?

Brunold: Ich denke schon, dass das die Absicht des Verlegers war. Sie müssten ihn fragen. Aber ich verstehe es so, ja. Und es passt natürlich sehr gut zur Neugründung eines Verlages.

Sie schreiben in Ihrem Vorwort auch über das Verständnis von Geschichte. Ist das Buch auch so zu verstehen, dass man durch seine Lektüre Geschichte verstehen kann?

Brunold: Es ist so zu verstehen, dass sich nichts an unserer Gegenwart durch diese Gegenwart allein erklärt. Das ist keine neue Erkenntnis, dass wir zum Verstehen der Gegenwart einen Haufen Vergangenheit brauchen. Ich denke, wichtig ist, dass wir, solange wir die Vergangenheit noch in ihren eigenen Stimmen hören können, uns nicht mit Geschichtsunterricht begnügen sollten.

Nun finden wir in diesem Buch bei den aktuellen Texten Reportagen, bei den älteren Augenzeugenberichte. Wie sehen SIe aktuell die Tradition der Reportage im deutschsprachigen Raum? Hat die noch einen Platz?

Brunold: Der Reportage geht es im deutschen Sprachraum nicht sehr gut, würde ich meinen. Sie ist dauernd gezwungen, ins Buch auszuweichen. Aber es gibt auch wirklich kaum Gefäße. Es gibt den Spiegel, der in verdankenswerter, löblicher Weise die großen Form pflegt, der auch sehr viel von Geschiche hält. Aber das ist dann doch eher Geschichtsunterricht als Reportage. Dann gibt es das Zeit-Dossier, das aus dem Haus geschrieben wird zur Hauptsache und natürlich sehr stark deutschlandinteressiert ist. In Deutschland wir die Welt ohnehin oft ersetzt durch ein Interesse an deutscher Außenpolitik. Dann gibt es Geo, das ist sozusagen das große Jugendbuch von Reader's Digest in Monatsraten, so eine Art Katalog der Welt. Aber ich denke, Reportage mit Ambition hat es ziemlich schwer, Raum zu finden oder Geld sogar zu finden. Es gibt den Lettre International, der kein Geld hat und deshalb das Beste zusammensuchen muss, das in anderen Sprachen geschrieben wird und es übersetzen zu lassen. Was dazu führt, dass wir dort wenigstens viermal jährlich Reportagestücke lesen können, die man im besten Sinne des Wortes zur neuen Weltliteratur zählen muss. Aber das ist natürlich etwas wenig, viermal jährlich, 15.000 Auflage.

Dabei hat doch gerade der deutschsprachige Raum so große Vorbilder, was die Reportage angeht ...

Brunold: Ja, großartig, nicht? Man braucht bloß an Heine zu denken, es gab ja keinen besseren Journalismus auf der Welt! Und das ging auch so weiter bis in die Zwischenkriegszeit. Joseph Roth in der Frankfurter Zeitung in der 20er Jahren, es gibt keinen schöneren Reportagejournalismus.

Sie haben ja schon das Wort Geschichte genutzt. Reportage ist ja nicht nur Geschichte im historischen Sinne, sondern auch im erzählerischen. Muss der Leser da aufpassen, um zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden?

Brunold: Fiktion ist vielleicht ein bisschen irreführend. Da steckt nicht Fiktion drin im Sinne von fiktiven Charakteren, im Sinn von Erfundenem. Aber natürlich geht es nicht ohne Fantasie und Einbildungskraft. Die Wirklichkeit besteht ja nicht zu 100 Prozent aus dem Eisenbeton erwiesener Tatsachen, sondern zu ganz großen Teilen aus Vermutungen und nicht befriedigend beantworteten Fragen und Verdächtigungen. Ein Reporter ohne Einbildungskraft kommt nicht mal auf eine gescheite Frage.

Das Gleiche gilt ja auch für die Fotoreportagen in Ihrem Band. Die sind ja auch inszeniert, oder sagen wir, aus einem persönlichen Blickwinkel heraus entstanden ...

Brunold: Ja, sicher. Da tritt das Auge noch deutlicher hervor als in der geschriebenen Reportage.

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