Abschied von den Eselsohren
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Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann, Frankfurt
Artikel vom 15.10.2009
Seit es Bücher gibt, hat sich das Lesen kaum verändert. Mit Digitalisierung und E-Books muss sich der Leser auf eine einschneidende Typveränderung gefasst machen und sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten verabschieden.
Der Kopf geneigt, im Lieblingssessel, ein Kissen im Rücken, dampfender Tee, auf dem Schoß ein Buch und Kino im Kopf. Künftige Generationen werden wohl keine Kekskrümel mehr zwischen besonders spannenden Seiten hinterlassen. Die perlen am Display ab und kugeln in die Dielenritzen.
Der Leser, eine feste Instanz unserer Kulturgeschichte, muss sich mit der Digitalisierung von Büchern auf eine tief greifende Typveränderung gefasst machen. Lieb gewonnene Gewohnheiten und Schrulligkeiten wird er über den Haufen werfen müssen, wenn das digitale Buch seinen Feldzug beginnt.
Nein, die Frisur bleibt, wie sie ist, und auch die ausgebeulte Cordhose muss noch nicht in die Kleiderkammer. Aber von Kakaoflecken und Eselsohren, mit denen er bislang auf Buchseiten sein Revier markiert hatte, wird er sich – es hilft ja nichts – verabschieden müssen.
Bücher werden irgendwann so skurril sein, wie Tonbänder. Unsere Kinder lachen uns wahrscheinlich aus, wenn wir nostalgisch am Blättern festhalten. Das heimliche Lesen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke – auch das wird nur noch müdes Lächeln hervorrufen. E-Books beleuchten sich selbst.
Spucke auf dem Display
Außerdem muss sich unser Patient, der Leser, schnellstens einen Tick abgewöhnen: Abgeschleckte Finger zum Umblättern der Seiten sind in Zeiten der Schweinegrippe ohnehin keine gute Idee, aber Spuckespuren auf dem Display, das macht sich überhaupt nicht gut. Wer Bücher gern zerknautscht und zerfleddert – Vorsicht, so ein E-Book ist nicht so geduldig.
Auch die Wohnung wird sich verändern: Bücherregale gibt es nicht mehr, weil alles schön praktisch auf der Festplatte gespeichert ist. Poser, die gern mit meterlangen Werkausgaben angeben oder gar Buchattrappen drapieren, müssen sich jetzt echt etwas einfallen lassen. Die üppig gefüllte Festplatte trägt schließlich keiner vor sich her. Jetzt zählt, was im Kopf ist. Was gelesen wurde, wird einfach wieder gelöscht. Das bedeutet aber auch, dass jedes Buch jederzeit abrufbar ist.
Noch eine gute Nachricht: Sollte er mal umziehen, der Bücherwurm, er wird sich ungleich leichter fühlen. Welcher Bücherjunkie hat sich nicht verflucht, wernn er die 18. Bücherkiste ächzend in den Umzugswagen wuchtet. Egal wie viel Gigabyte auf dem E-Book gespeichert sind – das klemmt man sich flott unter den Arm und das ewige Auspacken und Staub wischen spart man sich auch. Auch wenn die Wohnung dann ziemlich kahl ist.
Die sinnlichen Eindrücke werden weniger, die muss sich der Leser der Zukunft aus der Literatur holen. Stöbern in kauzigen Buchläden, der würzige Duft alter Bücher, die Privatbibliothek zerfledderter Lieblingsstücke – von all dem erfährt der Leser dann aus den Texten, die er verschlingt.
bla/news.de
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