Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Der Dokumentarfilm hat reichlich gelitten zuletzt. Zur Unterhaltung verkommen durch Autoren wie Michael Moore, zur Nische trotz Festivals in Leipzig oder Amsterdam. Die Bucht ist eine Ausnahme – ein packender, aufrüttelnder Thriller um Japans Delfin-Schlachten.
Ric O'Barry fühlt sich schuldig und Ric O'Barry hat gute Gründe dafür. In den 1960er Jahren war er Tiertrainer der berühmten Flipper-Delfine, und bis heute gibt es nicht wenige Menschen, die glauben, er habe damit etwas Gutes getan. Doch O'Barry weiß es besser. Spätestens, seit eines der Weibchen, die er damals tranierte, Selbstmord beging. An den zumindest glaubt O'Barry.
Heute sind Delfine begehrte und bedrohte Tiere. Für die Unterhaltungsindustrie und für Delfinarien sind sie ein Milliardengeschäft. Auch durch Flipper. Seit Jahrzehnten setzt sich Barry daher für den Erhalt dieser Säugetiere ein, nun hat er einen Dokumentarfilm gedreht. Über einen Ort in Japan, der wie kein zweiter für die Grausamkeiten der Menschen gegen die Delfine steht: Taiji. Einen Film über Die Bucht.
In dieser Bucht in dem kleinen Ort werden Jahr für Jahr Abertausende Delfine zusammengetrieben und aussortiert. Die Guten ins Töpfchen, in die Hände von Delfintrainern, die Schlechten aber kommen ebenfalls ins Töpfchen. In das der Schulkantinen Japans beispielsweise. Und das, obwohl sie teilweise erheblich mit Umweltgiften belastet sind. Ein grausames Schlachten findet in Taiji jedes Jahr im Herbst statt, gut versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit, bewacht durch Stacheldraht und Sicherheitspersonal, gedeckt durch die Obrigkeit.
O'Barry und der Regisseur Louie Psihoyos haben sich 2007 ein Team zusammengesucht und sich auf den Weg nach Japan gemacht. In einer beispiellosen Aktion sind sie in die Bucht eingedrungen und haben dort gedreht, mit versteckter Kamera, mit Nachsichtgeräten, mit Methoden und High-Tech-Geräten, die eher an Geheimdienste erinnern denn an Umweltschützer. Und so ist auch Die Bucht mehr als nur ein Dokumentarfilm. Es ist ein Thriller.
Von der ersten Minute an bezieht dieser rasante Guerilla-Film Stellung, von der ersten Minute an zieht er den Zuschauer auf eine Seite – auf die Seite der Delfine. Er wird Zeuge eines vordergründig beschaulichen Ortes, begegnet blinden Politikern und Lügen, erlebt Drohungen, Einschüchterung und Skrupellosigkeit und ein Gemetzel, das zwar nicht verboten ist – Delfine stehen nicht unter Artenschutz – das aber in seiner Art, seinem Ausmaß und seiner Grausamkeit, jedem Drehbuch spottet.
Er wird Zeuge einer Gesellschaft, die von all dem nichts weiß oder nicht wissen will, nimmt teil an globaler Politik, die ebenso wie das Geschäft mit den Delfinen, durch Geld funktioniert, und stellt fest, in welchem Ausmaß sich Meinungen kaufen lassen. Und er ist, durch die Nähe der fantastischen Kamera, Teil der Dreharbeiten, wodurch dieser Film gleichzeitig Ergebnis wie auch Making Of ist.
Von Anfang an setzt sich Die Bucht auch einem Konflikt aus. Der Film baut, wie es schon Flipper tat, auf Emotionen. Denn sie sind doch glücklich, die Delfine, oder nicht? Lächeln sie nicht den ganzen Tag? Dieses Lächeln aber, sagt O'Barry, ist die größte Lüge der Natur. Und doch baut auch er diese Bilder in seinen Film ein, zeigt freilebende Delfinschulen, stilsicher untermalt von athmosphärischer Musik. Und er weiß um die Wirkung dessen. Er weiß, dass er sie braucht.
Dem Film schadet das nicht, im Gegenteil. Psihoyos und O'Barry haben ein Werk geschaffen, das mit äußerster Vorsicht und nicht zu genießen ist. Sie haben einen Doku-Thriller gedreht, der wirklich etwas bewegen könnte, doch sie sind sich bewusst, dass sie dafür nur eine Chance haben: parteiisch zu sein, auf äußerste Wirkung bedacht zu sein, im wahrsten Wortsinn mit der Brechstange zu arbeiten.
All das haben sie getan und sie bringen damit einen Film in die Kinos, der das Genre des Dokumentarfilms nachhaltig verändern dürfte. Einen Doku-Thriller, brutal und schonungslos, ein Naturporträt, großartig und atemberaubend schön, und ein Stück Polit-Drama, ekelerregend und wahrhaftig. Sie haben mit Die Bucht den ersten großen Dokumentarfilm des 21. Jahrhunderts gedreht. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie dafür keinen Oscar erhielten.
Titel: Die Bucht
Regie: Louie Psihoyos
Hauptdarsteller: Richard O'Barry, Simon Hutchins, Mandy-Rae Cruikshank, Kirk Krack, Dave Rastovich, Scott Baker, Charles Hambleton, Joe Chisholm, Greg Mooney
Spielzeit: 92 Minuten
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
FSK: 12 Jahre
Kinostart: Kinostart: 22. Oktober 2009
Michael Moore hatte einmal aus dem USA Parlament kommende Abgeordnete befragt, wer von ihnen hat einen Sohn im Irak? Noch nie so schell laufende US Regierungsmitglieder gesehen. Japan hat nun ja auch seine selbst verursachten Superquallen Probleme. Wer die Kreatur nicht achtet, hat vergesen das er selbst nur eine ist.
jetzt antwortenKommentar melden"Der Dokumentarfilm hat reichlich gelitten zuletzt. Zur Unterhaltung verkommen durch Autoren wie Michael Moore . . ." Diese Aussage verstehe ich nicht. Die Dokumentationen von MM fand ich durchaus interessant und informativ. Ging eben um falsche Politik in USA, eben Menschen. Nichts desto trotz werde ich mir die hier beschriebene Doku auch anschauen und eine eigene Meinung bilden. Den Vergleich finde ich nur sehr schräg.
jetzt antwortenKommentar meldenMir fehlen die Worte,es ekelt mich an.Aber eines weiss ich.... Ab heute schaue ich zweimal hin aus welchen Land ich etwas kaufe.Egal ob Thunfisch oder ein Auto..Aus JAPAN jedenfalls nicht
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