Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann, Frankfurt
Bücher-Marathon in Frankfurt: 300.000 Besucher wühlen sich durch die Hallen und sickern in die Kojen der Verlage. Hier werden Geschäfte gemacht, Münder fusselig geredet und Kaviarhäppchen mit Champagner heruntergespült. Buchmesse eben.
Füße weh, Stimme weg – wer diese Symptome nicht hat, war nicht auf der Frankfurter Buchmesse. Bis Sonntag wollen 7000 Aussteller entdeckt werden, die etwa 400.000 Bücher anpreisen, dazu locken 1000 Autoren in Fleisch und Blut und 2600 Veranstaltungen. Nicht zu vergessen die Leidensgenossen, die sich durch die Gänge schieben: Etwa 300.000 Besucher erwarten die Veranstalter in diesem Jahr.
Besonders in den Hallen für Literatur und Sachbuch ist das Gewühle groß. An den Ständen der großen Verlage wie dtv, Piper oder Diogenes stehen sich die Besucher gegenseitig auf den Füßen. Mit wichtigen Mienen und im feinen Zwirn führen Verlagsvertreter und Buchhändler Verkaufsgespräche. «Ich mache zum ersten Mal Thekendienst», erzählt der Außendienstler des Ullstein Verlags, Thomas Wetzel. Er ist überrascht, mit was für Fragen er den ganzen Tag bestürmt wird. «Ich hätte auch nicht gedacht, dass es so viele Übersetzer und Schriftsteller gibt, die noch keinen Verlag haben», gesteht er.
Christiane Glaeser, Vertriebsleiterin im Innendienst von dtv kennt das. Sie berichtet, dass «massenhaft» Autoren mit Exposés oder ganzen Manuskripten an den Stand kommen: «Wir müssen sie dann vertrösten, weil wir hier keine Manuskripte annehmen können. Es wäre doch schade, wenn sie im Trubel verloren gehen würden.» Deshalb bleibe ihr nichts anderes übrig, als den Autoren zu empfehlen, ihre Arbeit direkt an den Verlag zu schicken.
Manch einer reist mit Rollwagen an
Während die einen versuchen, ihre Werke an den Mann zu bringen, kommen andere, um möglichst viel wieder mitzunehmen. An beinahe jedem Arm baumelt eine stabile Papiertasche, die sich mit jedem zurückgelegten Kilometer füllt. Manch einer reist gar mit einem Rollwägelchen an. Zitronenbonbons, Notizbücher, Kugelschreiber und kiloweise Infomaterial werden aus den Hallen herausgetragen. Und die Standbetreiber beklagen sich immer wieder, dass auf der Messe so viele Bücher geklaut werden. Am Reclam-Stand wollten die Besucher sogar den magentafarbenen Teppich mitnehmen, erzählt Vertriebsassistentin Aysin Köse und schmunzelt. Der Teppich wurde farblich passend zur neuen Sachbuchreihe verlegt.
Groß ist der Andrang auch in der erstmals eingerichteten Gourmet-Gallery. Nicht wegen der Kochbücher, sondern weil hier Starköche effektreich in Töpfen rühren. So auch Chef Chakall. Unter dem Motto «Champagner meets Tapas» turnt er hinter den Kochplatten. Natürlich will jeder den superedlen Champagner probierten, und mit dem Stöffchen lässt sich der Beluga-Kaviar auch wunderbar herunterspülen. Was das mit Bücher zu tun hat? Egal.
Der schwarz-gelbe Turban und eine mit goldenen Drachen bestickte Kochjacke gehören wohl mit zur Show des argentinischen Kochs. So lässt sich auch die zweifelhafte Stopfleber lässig servieren. Doch erst einmal sucht der Gute ewig nach seinem chinesischen Pfeffer, und als das Publikum gerade einzuschlafen droht, wird er fündig und reicht das Gewürz zur Probe. Und tatsächlich: Es ist ein Erlebnis. Das Gewürz schmeckt zitronig und betäubt die Zunge, so dass sie sich anfühlt wie ein Brausebonbon. Morgen kommt sogar Sarah Wiener, aber nur zum Interview. Frau Wiener erscheint, um ihr neues Kochbuch vorzustellen, nicht um geschlauchte Messebesucher durchzufüttern.
Einige Kilometer weiter ist Günter Wallraff auf einem blauen Sofa von einer Menschentraube umringt. Er gibt der Süddeutschen Zeitung ein Interview, in dem es um sein neues Buch Aus der schönen neuen Welt - Expeditionen ins Landesinnere geht, das pünktlich zur Buchmesse erschienen ist. Das Urgestein des Investigativ-Journalismus erklärt, wie eine Maskenbildnerin ihn mit einem Sprühverfahren in einen Schwarzen verwandelte und er dann als Dunkelhäutiger mit einem Rassehund an der Leine versucht hatte, Mitglied in einem Verein für Deutsche Schäferhunde zu werden. Unnötig zu sagen, dass er ungehörigen Rassismus aufgedeckt hat.
Dabei wäre er beinahe aufgeflogen: In Magdeburg stiegt er getarnt in einen Testwagen und der Verkäufer rief: «Herr Wallraff, ich kenne Sie!», zückte sein Handy und schoss ein Beweisfoto. Der aufgeschreckte Wallraff musste alle investigative Energie aufbringen, um den Mann wieder ausfindig zu machen und zum Schweigen zu bringen. «Ich fühle mich in der Anonymität stimmiger», sagt er noch und schaut dabei nicht den Fragenden an, sondern lässt den Blick wohlgefällig über die zahlreichen Zuhörer schweifen. Kaum hat der Journalist mit dem markanten Schnurrbart das letzte Wort gesprochen, verteilt sich die Menge auch schon wieder zwischen den Kojen.
Teppich verlegen im Akkord
Gestern noch hatten die Techniker hier Teppiche verlegt. Etwa sechs Stunden hatte das allein in der 4000 Quadratmeter großen Halle 5.1 gedauert. Teamleiter Jan Hagedorn war mit zehn Mann bis Mitternacht im Einsatz.
Auch die Verleger Axel von Ernst und Viola Eckelt vom Düsseldorfer Lilienfeld-Verlag haben bis spät abends gewerkelt. «Hier ist alles Handarbeit», sagt von Ernst. Heute präsentieren sie schon ihre literarischen Wiederentdeckungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, darunter einen Roman von Donald Windham, einem Freund Truman Capotes und Tenessee Williams, den es hier erstmals in deutscher Übersetzung gibt.
Der Lilienfeld-Verlag teilt sich einen Stand mit dem Verbrecher-Verlag und dem Peter-Kirchheim-Verlag. Man kennt sich von vorherigen Messen und so ließ sich auch eine gütige Einigung finden, zehn Wände unter den drei Verlagen aufzuteilen. «Ich freue mich auf interessante Gespräche und darauf, am Sonntag, wenn die Stadt wieder den Frankfurtern gehört, in Ruhe essen zu gehen», sagt von Ernst. Bis dahin werden noch viele Kehlen heiser und Absätze platt gelaufen. Und die berüchtigten Partys am Abend dürfen sich die Netzwerker auch nicht entgehen lassen.
bla/news.de