«Wir denken immer noch schwarz-weiß»
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Das heißt ja auch, dass eine Debatte um Zensur wegführt von dem, worum es eigentlich geht: von der Literatur.
Richtig. Das ist ja das Furchtbare, worüber ich mich immer wieder ärgere.
Haben Sie denn die Hoffnung, dass die Literatur bei dieser Buchmesse trotzdem angemessen besprochen wird?
Das Problem ist, dass wir leider immer noch schwarz-weiß denken. Die da oben sind schlecht und die da unten sind gut. Aber tatsächlich treiben beide Seiten miteinander ein Spiel. Die chinesischen Autoren können nichts sehnlicher erhoffen, als verboten zu werden, weil sie damit im Westen sehr sehr viel Geld verdienen und auch eine gewisse Anerkennung in China finden können. Gleichzeitig werden ihre Bücher auf dem Schwarzmarkt natürlich überall erhältlich sein. Ich selber wundere mich, warum China, dieser Goliath, immer wieder meint, gegen David kämpfen zu müssen. Ich verstehe das einfach nicht, warum man meint, sich eine solche Blöße geben zu müssen. Letztenendes ist das völlig unnötig. Oder das verweist darauf, dass die chinesische Führung, wer immer das auch sein mag, in sich selber eine ungeheure Schwäche verspürt, dass sie etwas kommen sieht, von dem wir keine Ahnung haben.
Wenn Sie sagen, dass gerade die Prosa in China eigentlich die politische Literatur ist, fällt ihr dann nicht eine große Rolle in einem eventuellen Liberalisierungsprozess zu?
Die Erzähler weichen ja dem streng politischen und dem streng gegenwärtigen eigentlich völlig aus. Die siedeln in der Regel ihre Erzählungen in der Vergangenheit an und schreiben oftmals allegorische Werke. Insofern ist auch ein Mo Yan politisch, aber natürlich sehr vorsichtig, sehr zurückhaltend. Er wagt sich eigentlich nicht an den Kern der Dinge heran, aber aus unserer Sicht geht das nicht tief genug.
Das heißt, wir brauchen Unterstützung beim Lesen und die Autoren Unterstützung dabei, weiter zu gehen?
Richtig. Wir müssen lernen, allegorisch zu lesen und die Autoren müssen aufgefordert werden, einen solchen Mut an den Tag zu legen wie Herta Müller. Ich habe gerade eine Nachricht von einem chinesischen Autor bekommen, der sich restlos für die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller begeistert hat, der sagt: Wir chinesischen Autoren sind eigentlich alles Drückeberger.
Stimmen Sie ihm denn da zu?
Ja und nein. Ich erwarte nicht, dass die junge oder mittlere Generation sich opfert. Die Älteren aber, die schonmal 20, 30 Jahre in der Verbannung waren, die niemals mehr ins Gefängnis kommen, müssen mal öffentlich Position beziehen wie bei uns Enzensberger, Grass oder Böll, die immer wieder offen gesagt haben, wo die Probleme unserer Gesellschaft liegen. Aber diese ältere Generation spricht nicht, sie schweigt.
Glauben Sie, dass sich durch so etwas wie die Buchmesse daran etwas ändern kann?
Ich denke, ja. Ich merke, dass sich die Dinge unentwegt verändern und rein quantitativ kann man sagen, zum Guten, zum Besseren hin. Dass das uns noch nicht reicht, weil wir ungeduldig sind, liegt auf der Hand.
Haben Sie denn das Gefühl, dass die Chinesen geduldiger sind?
Momentan herrscht eine große Ungeduld, das ist mein subjektiver Eindruck. Die Forderung, die die erste demokratische Bewegung zwischen 1978 und 1990 erhoben hat, nämlich nach einer fünften Reform, der politischen Reform, wird immer weiter verzögert. Und man hat immer stärker das Gefühl, dass die Leute damit unzufrieden sind. An der Basis allerdings tut sich einiges, die Frage ist nur, ob diese kleinen Maßnahmen ausreichend sind, um die wachsende Ungeduld zu dämpfen.
Die aber auch durch den Druck von außen kommt ...
Durch die Begegnung. Es gibt ja immer mehr Reisegruppen und die sind begeistert von Deutschland, etwa, was den Umweltschutz angeht. Der ist in China wirklich ein Problem und wenn die nach China zurückreisen, fordern die einen ähnlichen oder einen besseren Umweltschutz. Die kommen hierher und, was mich freut und manchmal auch peinlich berührt, sind restlos begeistert. Deutschland ist ein Vorbild.
Das heißt, diese Ungeduld ist auch eine der Kehrseiten der Globalisierung?
Richtig, ja.
Aber spielt die Buchmesse dabei nicht vielleicht sogar eine Rolle, die sie gar nicht spielen will, indem sie diese Ungeduld noch antreibt?
Da haben sie Recht, gut formuliert, darüber muss ich nachdenken.
Herr Kubin, ich danke Ihnen für die Zeit und das Gespräch.
Ich danken Ihnen auch.
Wolfgang Kubin, geboren 1945 in Celle, ist Professor für Sinologie an der Universität Bonn und zählt zu den renommiertesten Sinologen außerhalb Chinas. Er arbeitet zudem als Übersetzer chinesischer Literatur und Autor. 2007 erhielt er für seine Arbeit trotz seiner öffentlichen Kritik den Staatspreis der Volksrepublik China. Sein Buch Geschichte der chinesischen Literatur im 20. Jahrhundert gilt als Standardwerk.
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