Mo., 13.02.12

Die Buchmesse und China «Wir denken immer noch schwarz-weiß»

Artikel vom 16.10.2009

Sie haben im April in Dallas gesagt, Sie seien als Übersetzer häufig versucht, ein Werk zu verbessern. Hängt das auch mit diesen Zweifeln zusammen und warum ist das überhaupt notwendig?

Es kommt immer darauf an, was für einen Auftrag ich habe. Ich bekomme oft Aufträge von Literaturhäusern oder staatlichen Einrichtungen, die jemanden einladen möchten, und die Person soll dann vorgestellt werden. Wenn ich dann einen Text bekomme, wo ich mir vorstellen kann, der hätte besser so sein sollen, nur fiel dem Kollegen der Dreh nicht ein, dann übersetze ich oftmals in Richtung dessen, was er gemeint haben könnte, wenn er die Kraft gehabt hätte, sich so zum Ausdruck zu bringen. Übrigens stehe ich damit nicht allein. Ulrich Kautz, der große Übersetzer chinesischer Romane oder Howard Goldblatt, der große Übersetzer in Amerika, machen das genauso. Das nennen wir aber nicht verbessern, das ist vielleicht kein gutes Wort. Wir nennen das edieren.

Das heißt aber nicht, dass Sie der Meinung sind, die chinesische Sprache könnte bestimmte Dinge nicht leisten ...

Die chinesische Sprache ist großartig, und sie hat über 3000 Jahre großartiges geleistet. Die klassische chinesische Literatur zwischen 1000 vor Christus und 1911 ist Weltliteratur und ähnliches kann man sagen für die Republikzeit zwischen 1912 und 1949. Da gibt es ungeheuer gute Autoren.

Wo liegen denn ganz praktisch die Schwierigkeiten bei Übersetzungen aus dem Chinesischen?

Die Schwierigkeit liegt nicht im Chinesischen, die Schwierigkeit liegt im Deutschen. Denn das Übersetzen war in Deutschland bis in die 1980er Jahre hinein verkannt, erst in den 1990er Jahren hat man erkannt, dass Übersetzen eine Kunst ist. Und man wird heute nicht mehr scheel angesehen, wenn man auch Übersetzer ist. Das Hauptproblem ist, dass die Sinologen vielleicht gut Chinesisch können, aber nicht gut Deutsch und dass viele Sinologen ein schreckliches Deutsch schreiben.

Sie haben in Dallas auch geschildert, dass oft zuerst vom Chinesischen ins Englische und dann vom Englischen ins Deutsche übersetzt wird ...

Da muss ich mich korrigieren, da bin ich etwas übers Ziel hinausgeschossen. Das war einmal in den 1990er Jahren der Fall, aber das scheint jetzt nicht mehr aktuell zu sein.

Wenn Sie sagen, dass etwa Kafka auch die chinesische Literatur großen Einfluss hat, wie sieht es denn mit dem Einfluss deutscher Gegenwartsliteratur aus?

Die hat in China keine Heimat, es sei denn, wir denken an die ältere Generation, also an Walser, Grass, Lenz, Böll. Die werden gerne gelesen. Aber sowie wir an die Literatur seit den 70er, 80er Jahren denken, stellen wir fest, dass die neuen Generationen wie Hans Christoph Buch, Hans Magnus Enzensberger oder Peter Schneider nicht gerne gelesen werden. Es heißt, sie seien zu politisch, zu abstrakt, sie würden keine richtigen Geschichten erzählen. Das einzige, womit die deutschen Schriftsteller punkten können, ist die Lyrik.

In der öffentlichen Wahrnehmung Chinas spielt das Wort Zensur eine große Rolle. Stellen Sie als Übersetzer dadurch bei sich so etwas wie eine Schere im Kopf fest?

Ich will jetzt nicht selbstherrlich sein und sofort sagen: Nein. Ich übersetze ja hauptsächlich Lyrik und zwar deswegen, weil das kaum jemand macht. Dazu gehören neben den Gedichten auch die Essays, die ich sehr schätze. Und die chinesische Gegenwartslyrik ist so dunkel, dass nicht nur ich, sondern die allermeisten Chinesen damit die größten Probleme haben. Und weil diese Texte so dunkel sind, können sie auch politisch sein. Zum Beispiel Bei Dao, der bei Hanser gerade Das Buch der Niederlage veröffentlicht hat, schreibt rein politische Gedichte. Er selber darf nicht nach China einreisen, aber sein gesamtes Werk wird in China verlegt. Solche Texte können gar nicht zensiert werden, weil selbst der Zensor die Politsprache nicht mehr versteht. Und wenn er sie verstehen würde, würde er wahrscheinlich die Augen zu machen, und sagen, das liest ohnehin niemand. Denn die Dichter, was stimmt, stehen leider völlig am Rande der Gesellschaft.

Haben Sie denn das Gefühl, dass sich an der Zensurpolitik etwas ändert?

Ja. Ich will jetzt nicht übertrieben optimistisch sein, aber nehmen wir mal ein einfaches Beispiel: Mo Yan war in den 90er Jahren eingeladen nach Berlin und es war gerade sein Werk Die Schnapsstadt herausgekommen. Dieses Werk wurde in den USA völlig falsch verstanden und China deswegen völlig absurder Dinge beschuldigt. Daraufhin erhielt er Ausreiseverbot. Aber jetzt ist er in Frankfurt. Das heißt, diejenigen, die dieses Mal nicht kommen können, werden irgendwann kommen können. Das Problem in China ist, dass es nicht mehr die klaren Verbote gibt wie früher. Heute weiß der Autor gar nicht mehr, was wirklich verboten ist. Und was verboten ist, wird sofort schwarz nachgedruckt. Ich habe erlebt, dass selbst verbotene Bücher in offiziellen staatlichen Buchhandlungen verkauft werden.

Das heißt, der Verbot eines Autoren oder eines Buches kann auch förderlich sein?

Auf jeden Fall, denn die Verlage werben ja leider damit, wenn ein Buch in China verboten ist. Dann denkt jeder, das muss ein großartiges Werk sein. Oft ist das Gegenteil der Fall, sofern man nicht auf das Politische, sondern auf das Literarische abstellt.

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