«Wir denken immer noch schwarz-weiß»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 16.10.2009
Wolfgang Kubin, renommierter Sinologe und Übersetzer aus dem Chinesischen, erhielt 2007 trotz seiner teils harten Kritik den chinesischen Staatspreis. Mit news.de spricht er über Zensur, schlechte Literatur und darüber, ob Chinas Autoren wirklich Drückeberger sind.
Herr Kubin, tut die Frankfurter Buchmesse der chinesischen Literatur gut oder schadet sie ihr eher?
Nein, sie tut der Literatur deswegen gut, weil sich die Chinesen mehr öffnen müssen und auch mal eine andere Stimme hören müssen als nur die meine. Seit drei Jahren wird ja in China unentwegt das diskutiert, was ich irgendwo mal gesagt habe, ohne das es letztenendes wirklich begriffen wird.
In welchen Punkten?
Ein Punkt ist, dass ich den chinesischen Schriftstellern immer wieder vorwerfe, dass sie im Gegensatz zu denen vor 1949 in der Regel keine Fremdsprachen beherrschen, sich mit ihren Kollegen im Ausland nirgendwo unterhalten können, ihre Werke nie im Original lesen können und immer des Dolmetschers oder Übersetzers bedürfen. Auf der Buchmesse wird ihnen das vielleicht klar werden, dass sie doch bitte selber, nicht immer über uns mit ihren ausländischen Kollegen reden müssen.
Wie wirkt sich diese mangelnde Kommunikation denn aus?
Die chinesische Gegenwartsliteratur, vor allen Dingen der Roman, steht stark in der Nachfolge der westlichen Literatur. Die 1980er und 1990er Jahre waren geprägt von einem Einfluss von Kafka. Und Erzähler wie Mo Yan oder Yu Hua sind wesentlich geprägt von Gárcia Marquez. Und die lernen diese Leute nur auf Basis von Übersetzungen, und zwar schlechten Übersetzungen, kennen. Schlecht deswegen, weil das Übersetzen in China keinen Status hat. Kein Schriftsteller übersetzt, kein Professor übersetzt, es übersetzen nur diejenigen, die nichts besseres zu tun haben. Und deren Chinesischkenntnisse reichen nicht aus. So bekommen chinesische Schriftsteller den Eindruck, so schreiben zu können, wie Kafka oder Gárcia Marquez, bleiben aber immer weit unter dem Vorbild.
Heißt das, dass es eine eigenständige chinesische Gegenwartsliteratur gar nicht gibt?
Das ist inzwischen mein neuer großer Zweifel. Ich sage oft spöttisch, die Schriftstellerin Can Xue kann man sich ohne Kafka nicht vorstellen. Mo Yan kann man sich ohne Gárcia Marquez nicht vorstellen. Und so weiter. Es gibt allerdings auch eine Verarbeitung der deutschsprachigen Literatur im positiven Sinne. Und zwar bei den chinesischen Dichtern, die ich vielfach zur Weltliteratur rechne. Da stellen wir fest, dass der Einfluss von Hölderlin, Rilke und von Celan immens ist. Da steht nicht die Imitation im Vordergrund.
Das bedeutet ja auch, dass man als Übersetzer einen ungeheuer großen Kanon an Literatur kennen muss, um überhaupt zu verstehen, was man übersetzt.
Ja natürlich, das ist ja das Vertrackte.
Sind sich denn Ihre Kollegen dessen bewusst?
Die übersetzen ja Romane, und die kommen ohne jede Anspielung, ohne jede Tradition, sei es die chinesische, sei es die westliche, aus. Ich beschäftige mich mit Dichtern. Und die basieren fast ausschließlich auf der Tradition des Westens und nur ganz wenige auf der Tradition Chinas.
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