Die Buchmesse und China «Wir denken immer noch schwarz-wei├č»

Wolfgang Kubin, renommierter Sinologe und ├ťbersetzer aus dem Chinesischen, erhielt 2007 trotz seiner teils harten Kritik den chinesischen Staatspreis. Mit news.de spricht er ├╝ber Zensur, schlechte Literatur und dar├╝ber, ob Chinas Autoren wirklich Dr├╝ckeberger sind.

Der Sinologe Wolfang Kubin in seinem B├╝ro der Bonner Universit├Ąt. Bild: Kraus / Frankfurter Rundschau

Herr Kubin, tut die Frankfurter Buchmesse der chinesischen Literatur gut oder schadet sie ihr eher?

Nein, sie tut der Literatur deswegen gut, weil sich die Chinesen mehr ├Âffnen m├╝ssen und auch mal eine andere Stimme h├Âren m├╝ssen als nur die meine. Seit drei Jahren wird ja in China unentwegt das diskutiert, was ich irgendwo mal gesagt habe, ohne das es letztenendes wirklich begriffen wird.

In welchen Punkten?

Ein Punkt ist, dass ich den chinesischen Schriftstellern immer wieder vorwerfe, dass sie im Gegensatz zu denen vor 1949 in der Regel keine Fremdsprachen beherrschen, sich mit ihren Kollegen im Ausland nirgendwo unterhalten k├Ânnen, ihre Werke nie im Original lesen k├Ânnen und immer des Dolmetschers oder ├ťbersetzers bed├╝rfen. Auf der Buchmesse wird ihnen das vielleicht klar werden, dass sie doch bitte selber, nicht immer ├╝ber uns mit ihren ausl├Ąndischen Kollegen reden m├╝ssen.

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Wie wirkt sich diese mangelnde Kommunikation denn aus?

Die chinesische Gegenwartsliteratur, vor allen Dingen der Roman, steht stark in der Nachfolge der westlichen Literatur. Die 1980er und 1990er Jahre waren gepr├Ągt von einem Einfluss von Kafka. Und Erz├Ąhler wie Mo Yan oder Yu Hua sind wesentlich gepr├Ągt von G├írcia Marquez. Und die lernen diese Leute nur auf Basis von ├ťbersetzungen, und zwar schlechten ├ťbersetzungen, kennen. Schlecht deswegen, weil das ├ťbersetzen in China keinen Status hat. Kein Schriftsteller ├╝bersetzt, kein Professor ├╝bersetzt, es ├╝bersetzen nur diejenigen, die nichts besseres zu tun haben. Und deren Chinesischkenntnisse reichen nicht aus. So bekommen chinesische Schriftsteller den Eindruck, so schreiben zu k├Ânnen, wie Kafka oder G├írcia Marquez, bleiben aber immer weit unter dem Vorbild.

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Hei├čt das, dass es eine eigenst├Ąndige chinesische Gegenwartsliteratur gar nicht gibt?

Das ist inzwischen mein neuer gro├čer Zweifel. Ich sage oft sp├Âttisch, die Schriftstellerin Can Xue kann man sich ohne Kafka nicht vorstellen. Mo Yan kann man sich ohne G├írcia Marquez nicht vorstellen. Und so weiter. Es gibt allerdings auch eine Verarbeitung der deutschsprachigen Literatur im positiven Sinne. Und zwar bei den chinesischen Dichtern, die ich vielfach zur Weltliteratur rechne. Da stellen wir fest, dass der Einfluss von H├Âlderlin, Rilke und von Celan immens ist. Da steht nicht die Imitation im Vordergrund.

Das bedeutet ja auch, dass man als ├ťbersetzer einen ungeheuer gro├čen Kanon an Literatur kennen muss, um ├╝berhaupt zu verstehen, was man ├╝bersetzt.

Ja nat├╝rlich, das ist ja das Vertrackte.

Sind sich denn Ihre Kollegen dessen bewusst?

Die ├╝bersetzen ja Romane, und die kommen ohne jede Anspielung, ohne jede Tradition, sei es die chinesische, sei es die westliche, aus. Ich besch├Ąftige mich mit Dichtern. Und die basieren fast ausschlie├člich auf der Tradition des Westens und nur ganz wenige auf der Tradition Chinas.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die Zensur sogar gut f├╝r chinesische Autoren ist

Sie haben im April in Dallas gesagt, Sie seien als ├ťbersetzer h├Ąufig versucht, ein Werk zu verbessern. H├Ąngt das auch mit diesen Zweifeln zusammen und warum ist das ├╝berhaupt notwendig?

Es kommt immer darauf an, was f├╝r einen Auftrag ich habe. Ich bekomme oft Auftr├Ąge von Literaturh├Ąusern oder staatlichen Einrichtungen, die jemanden einladen m├Âchten, und die Person soll dann vorgestellt werden. Wenn ich dann einen Text bekomme, wo ich mir vorstellen kann, der h├Ątte besser so sein sollen, nur fiel dem Kollegen der Dreh nicht ein, dann ├╝bersetze ich oftmals in Richtung dessen, was er gemeint haben k├Ânnte, wenn er die Kraft gehabt h├Ątte, sich so zum Ausdruck zu bringen. ├ťbrigens stehe ich damit nicht allein. Ulrich Kautz, der gro├če ├ťbersetzer chinesischer Romane oder Howard Goldblatt, der gro├če ├ťbersetzer in Amerika, machen das genauso. Das nennen wir aber nicht verbessern, das ist vielleicht kein gutes Wort. Wir nennen das edieren.

Das hei├čt aber nicht, dass Sie der Meinung sind, die chinesische Sprache k├Ânnte bestimmte Dinge nicht leisten ...

Die chinesische Sprache ist gro├čartig, und sie hat ├╝ber 3000 Jahre gro├čartiges geleistet. Die klassische chinesische Literatur zwischen 1000 vor Christus und 1911 ist Weltliteratur und ├Ąhnliches kann man sagen f├╝r die Republikzeit zwischen 1912 und 1949. Da gibt es ungeheuer gute Autoren.

Wo liegen denn ganz praktisch die Schwierigkeiten bei ├ťbersetzungen aus dem Chinesischen?

Die Schwierigkeit liegt nicht im Chinesischen, die Schwierigkeit liegt im Deutschen. Denn das ├ťbersetzen war in Deutschland bis in die 1980er Jahre hinein verkannt, erst in den 1990er Jahren hat man erkannt, dass ├ťbersetzen eine Kunst ist. Und man wird heute nicht mehr scheel angesehen, wenn man auch ├ťbersetzer ist. Das Hauptproblem ist, dass die Sinologen vielleicht gut Chinesisch k├Ânnen, aber nicht gut Deutsch und dass viele Sinologen ein schreckliches Deutsch schreiben.

Sie haben in Dallas auch geschildert, dass oft zuerst vom Chinesischen ins Englische und dann vom Englischen ins Deutsche ├╝bersetzt wird ...

Da muss ich mich korrigieren, da bin ich etwas ├╝bers Ziel hinausgeschossen. Das war einmal in den 1990er Jahren der Fall, aber das scheint jetzt nicht mehr aktuell zu sein.

Wenn Sie sagen, dass etwa Kafka auch die chinesische Literatur gro├čen Einfluss hat, wie sieht es denn mit dem Einfluss deutscher Gegenwartsliteratur aus?

Die hat in China keine Heimat, es sei denn, wir denken an die ├Ąltere Generation, also an Walser, Grass, Lenz, B├Âll. Die werden gerne gelesen. Aber sowie wir an die Literatur seit den 70er, 80er Jahren denken, stellen wir fest, dass die neuen Generationen wie Hans Christoph Buch, Hans Magnus Enzensberger oder Peter Schneider nicht gerne gelesen werden. Es hei├čt, sie seien zu politisch, zu abstrakt, sie w├╝rden keine richtigen Geschichten erz├Ąhlen. Das einzige, womit die deutschen Schriftsteller punkten k├Ânnen, ist die Lyrik.

In der ├Âffentlichen Wahrnehmung Chinas spielt das Wort Zensur eine gro├če Rolle. Stellen Sie als ├ťbersetzer dadurch bei sich so etwas wie eine Schere im Kopf fest?

Ich will jetzt nicht selbstherrlich sein und sofort sagen: Nein. Ich ├╝bersetze ja haupts├Ąchlich Lyrik und zwar deswegen, weil das kaum jemand macht. Dazu geh├Âren neben den Gedichten auch die Essays, die ich sehr sch├Ątze. Und die chinesische Gegenwartslyrik ist so dunkel, dass nicht nur ich, sondern die allermeisten Chinesen damit die gr├Â├čten Probleme haben. Und weil diese Texte so dunkel sind, k├Ânnen sie auch politisch sein. Zum Beispiel Bei Dao, der bei Hanser gerade Das Buch der Niederlage ver├Âffentlicht hat, schreibt rein politische Gedichte. Er selber darf nicht nach China einreisen, aber sein gesamtes Werk wird in China verlegt. Solche Texte k├Ânnen gar nicht zensiert werden, weil selbst der Zensor die Politsprache nicht mehr versteht. Und wenn er sie verstehen w├╝rde, w├╝rde er wahrscheinlich die Augen zu machen, und sagen, das liest ohnehin niemand. Denn die Dichter, was stimmt, stehen leider v├Âllig am Rande der Gesellschaft.

Haben Sie denn das Gef├╝hl, dass sich an der Zensurpolitik etwas ├Ąndert?

Ja. Ich will jetzt nicht ├╝bertrieben optimistisch sein, aber nehmen wir mal ein einfaches Beispiel: Mo Yan war in den 90er Jahren eingeladen nach Berlin und es war gerade sein Werk Die Schnapsstadt herausgekommen. Dieses Werk wurde in den USA v├Âllig falsch verstanden und China deswegen v├Âllig absurder Dinge beschuldigt. Daraufhin erhielt er Ausreiseverbot. Aber jetzt ist er in Frankfurt. Das hei├čt, diejenigen, die dieses Mal nicht kommen k├Ânnen, werden irgendwann kommen k├Ânnen. Das Problem in China ist, dass es nicht mehr die klaren Verbote gibt wie fr├╝her. Heute wei├č der Autor gar nicht mehr, was wirklich verboten ist. Und was verboten ist, wird sofort schwarz nachgedruckt. Ich habe erlebt, dass selbst verbotene B├╝cher in offiziellen staatlichen Buchhandlungen verkauft werden.

Das hei├čt, der Verbot eines Autoren oder eines Buches kann auch f├Ârderlich sein?

Auf jeden Fall, denn die Verlage werben ja leider damit, wenn ein Buch in China verboten ist. Dann denkt jeder, das muss ein gro├čartiges Werk sein. Oft ist das Gegenteil der Fall, sofern man nicht auf das Politische, sondern auf das Literarische abstellt.

Lesen Sie auf Seite 3, warum chinesische Autoren von sich sagen, sie seien Dr├╝ckeberger

Das hei├čt ja auch, dass eine Debatte um Zensur wegf├╝hrt von dem, worum es eigentlich geht: von der Literatur.

Richtig. Das ist ja das Furchtbare, wor├╝ber ich mich immer wieder ├Ąrgere.

Haben Sie denn die Hoffnung, dass die Literatur bei dieser Buchmesse trotzdem angemessen besprochen wird?

Das Problem ist, dass wir leider immer noch schwarz-wei├č denken. Die da oben sind schlecht und die da unten sind gut. Aber tats├Ąchlich treiben beide Seiten miteinander ein Spiel. Die chinesischen Autoren k├Ânnen nichts sehnlicher erhoffen, als verboten zu werden, weil sie damit im Westen sehr sehr viel Geld verdienen und auch eine gewisse Anerkennung in China finden k├Ânnen. Gleichzeitig werden ihre B├╝cher auf dem Schwarzmarkt nat├╝rlich ├╝berall erh├Ąltlich sein. Ich selber wundere mich, warum China, dieser Goliath, immer wieder meint, gegen David k├Ąmpfen zu m├╝ssen. Ich verstehe das einfach nicht, warum man meint, sich eine solche Bl├Â├če geben zu m├╝ssen. Letztenendes ist das v├Âllig unn├Âtig. Oder das verweist darauf, dass die chinesische F├╝hrung, wer immer das auch sein mag, in sich selber eine ungeheure Schw├Ąche versp├╝rt, dass sie etwas kommen sieht, von dem wir keine Ahnung haben.

Wenn Sie sagen, dass gerade die Prosa in China eigentlich die politische Literatur ist, f├Ąllt ihr dann nicht eine gro├če Rolle in einem eventuellen Liberalisierungsprozess zu?

Die Erz├Ąhler weichen ja dem streng politischen und dem streng gegenw├Ąrtigen eigentlich v├Âllig aus. Die siedeln in der Regel ihre Erz├Ąhlungen in der Vergangenheit an und schreiben oftmals allegorische Werke. Insofern ist auch ein Mo Yan politisch, aber nat├╝rlich sehr vorsichtig, sehr zur├╝ckhaltend. Er wagt sich eigentlich nicht an den Kern der Dinge heran, aber aus unserer Sicht geht das nicht tief genug.

Das hei├čt, wir brauchen Unterst├╝tzung beim Lesen und die Autoren Unterst├╝tzung dabei, weiter zu gehen?

Richtig. Wir m├╝ssen lernen, allegorisch zu lesen und die Autoren m├╝ssen aufgefordert werden, einen solchen Mut an den Tag zu legen wie Herta M├╝ller. Ich habe gerade eine Nachricht von einem chinesischen Autor bekommen, der sich restlos f├╝r die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta M├╝ller begeistert hat, der sagt: Wir chinesischen Autoren sind eigentlich alles Dr├╝ckeberger.

Stimmen Sie ihm denn da zu?

Ja und nein. Ich erwarte nicht, dass die junge oder mittlere Generation sich opfert. Die ├älteren aber, die schonmal 20, 30 Jahre in der Verbannung waren, die niemals mehr ins Gef├Ąngnis kommen, m├╝ssen mal ├Âffentlich Position beziehen wie bei uns Enzensberger, Grass oder B├Âll, die immer wieder offen gesagt haben, wo die Probleme unserer Gesellschaft liegen. Aber diese ├Ąltere Generation spricht nicht, sie schweigt.

Glauben Sie, dass sich durch so etwas wie die Buchmesse daran etwas ├Ąndern kann?

Ich denke, ja. Ich merke, dass sich die Dinge unentwegt ver├Ąndern und rein quantitativ kann man sagen, zum Guten, zum Besseren hin. Dass das uns noch nicht reicht, weil wir ungeduldig sind, liegt auf der Hand.

Haben Sie denn das Gef├╝hl, dass die Chinesen geduldiger sind?

Momentan herrscht eine gro├če Ungeduld, das ist mein subjektiver Eindruck. Die Forderung, die die erste demokratische Bewegung zwischen 1978 und 1990 erhoben hat, n├Ąmlich nach einer f├╝nften Reform, der politischen Reform, wird immer weiter verz├Âgert. Und man hat immer st├Ąrker das Gef├╝hl, dass die Leute damit unzufrieden sind. An der Basis allerdings tut sich einiges, die Frage ist nur, ob diese kleinen Ma├čnahmen ausreichend sind, um die wachsende Ungeduld zu d├Ąmpfen.

Die aber auch durch den Druck von au├čen kommt ...

Durch die Begegnung. Es gibt ja immer mehr Reisegruppen und die sind begeistert von Deutschland, etwa, was den Umweltschutz angeht. Der ist in China wirklich ein Problem und wenn die nach China zur├╝ckreisen, fordern die einen ├Ąhnlichen oder einen besseren Umweltschutz. Die kommen hierher und, was mich freut und manchmal auch peinlich ber├╝hrt, sind restlos begeistert. Deutschland ist ein Vorbild.

Das hei├čt, diese Ungeduld ist auch eine der Kehrseiten der Globalisierung?

Richtig, ja.

Aber spielt die Buchmesse dabei nicht vielleicht sogar eine Rolle, die sie gar nicht spielen will, indem sie diese Ungeduld noch antreibt?

Da haben sie Recht, gut formuliert, dar├╝ber muss ich nachdenken.

Herr Kubin, ich danke Ihnen f├╝r die Zeit und das Gespr├Ąch.

Ich danken Ihnen auch.


Wolfgang Kubin, geboren 1945 in Celle, ist Professor f├╝r Sinologie an der Universit├Ąt Bonn und z├Ąhlt zu den renommiertesten Sinologen au├čerhalb Chinas. Er arbeitet zudem als ├ťbersetzer chinesischer Literatur und Autor. 2007 erhielt er f├╝r seine Arbeit trotz seiner ├Âffentlichen Kritik den Staatspreis der Volksrepublik China. Sein Buch Geschichte der chinesischen Literatur im 20. Jahrhundert gilt als Standardwerk.

ped/news.de

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