Wettrüsten mit Worten
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Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann, Frankfurt
Artikel vom 13.10.2009
Chinesen und Deutsche wetzen auf der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse rhetorisch die Messer. Die frisch gebackene Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller geht da erst einmal unter.
Ein Tauziehen war es. Auf der einen Seite ziehen die Deutschen, auf der anderen die Chinesen. Bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse am Dienstagabend mühten sich beide Seiten, ihre Position zu festigen. Chinas Vize-Präsident Xi Jinping sprach von «Austausch», «Dialog» und «Respekt» und es klang wie eine Warnung. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Hessens Ministerpräsident Roland Koch und der Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Gottfried Honnefelder hielten hingegen mitunter leidenschaftliche Plädoyers für die Meinungsfreiheit.
Beide Seiten waren voll der nachdrücklich vorgetragenen Ratschläge. Als Roland Koch seine Faszination für Tibet gesteht, gefrieren die Gesichter der chinesischen Delegation. Koch legt gleich nach und mahnt, «den anderen seine Meinung nicht zu ersparen». Das polsterte er in einige warme Worte an die chinesische Adresse.
Der chinesische Schriftsteller Mo Yan, der nach einer Jazzeinlage der Band ans Rednerpult trat, entgegnete subtil: «Erst war ich über die Musik erschrocken, aber dann habe ich bemerkt, dass sie doch harmonisch ist.»
Honnefelder bezeichnete den Eklat um die chinesischen Dissidenten, die auf Druck der chinesischen Delegation von einer Podiumsdiskussion im Vorfeld der Messe wieder ausgeladen worden waren, als «unglücklich». Er betonte, dass die Frankfurter Buchmesse stets sensibel im Umgang mit der Freiheit des Wortes gewesen sei. Der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Jürgen Boos, gab sich kleinlaut: Man könne Konflikte aufzeigen, sie aber nicht lösen.
Chinesische Claquere im Publikum verpassten keinen Einsatz in der Rede ihres Vize-Präsident Xi Jinping. Der Kulturaustausch brauche Verständnis und Respekt und dürfe nicht behindert werden, mahnt er. Seine Landsleute applaudieren frenetisch.
Merkel sprach dann als achte Rednerin endlich die deutsche Literaturpreisträgerin Herta Müller an und stellte die längst fällige Verknüpfung von chinesischer Zensur und dem Jubiläum 20 Jahre Mauerfall her. «Bücher haben ein freiheitliches Potenzial. Deswegen werden sie in Diktaturen verbrannt und zensiert. Ich habe das in der DDR selbst erlebt», sagte sie. Bücher hätten eine Rolle beim Fall der Mauer und der Überwindung des Kalten Krieges gespielt.
Ein paar Appetithäppchen, was die Buchbranche von der neuen Regierung zu erwarten habe, reichte Merkel zum Dessert: Auch E-Books sollen der Buchpreisbindung unterstellt werden und die Regierung werde sich dafür einsetzen, dass der Urheberschutz weltweit verankert werde. «Aber das hängt nicht nur an uns», wiegelte die Kanzlerin ab.
Honnefelder hatte zuvor in seiner Ansprache an die Kanzlerin appelliert, rechtsstaatliche Hilfe im Internet herzustellen. Im Hinblick auf das Google Book Settlement hoffe er, dass «auf die Finanzkrise nicht die Krise des geistigen Eigentums folgt». Google dürfe nicht zum «Torhüter einer unendlichen Bibliothek» werden, der die Tore öffne und schließe wie es ihm gefalle.
Auf der 61. Frankfurter Buchmesse präsentieren bis zum Sonntag mehr als 7000 Aussteller rund 124.000 Neuerscheinungen. Die Veranstalter rechnen insgesamt mit rund 300.000 Besuchern. Der Themencocktail dieser Buchmesse, der in der Eröffnung anklingt, verspricht eine explosive und spannende Mischung zu sein. Doch wer will schon jetzt an Kopfschmerzen denken?
iwe/news.de
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