Robbie Williams Die letzte Hoffnung in Musik-Europa

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Robbie Williams steht kurz vor seinem Comeback. Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiter Steffen Rüth
Für Robbie Williams Plattenfirma, die hochverschuldete EMI, ist dessen neues Album die letzte Hoffnung. Der schon beinah abgehalfterte Star gibt nun den durch seine Sucht Geläuterten und soll die Platte so zum Erfolg machen. Wahrscheinlich geht das auf.

Draußen ist ein verregneter Montagabend Anfang Oktober, und drinnen in einem teuren Hotel in der Münchner Innenstadt freut sich der Mann von der Plattenfirma auf sein Bett. Er steht in der Mitte eines Konferenzraumes und fährt den Computer hoch, um ihn herum sitzen knapp 20 Journalisten an einem U-förmigen Tisch.

Die Szenerie ähnelt jener der aktuellen Koalititionsverhandlungen, bloß ohne Krawatten und mit Bier. Dazu gibt es runde, frittierte Weißwürste und Schnittchen mit Putenbrust oder Lachs. Fast eine Woche lang war der Mann von der Plattenfirma jetzt unterwegs mit seinem Laptop, dem derzeit vielleicht wertvollsten Laptop der Welt. Er war zuvor schon in Berlin, in Hamburg, in Köln, und niemals hat er den Rechner mit den zwölf höchstgradig sensiblen Musikdateien aus den Augen gelassen. Einmal noch anmoderieren, anklicken, verabschieden, dann wartet die Schlafkabine im Nachtzug, und vollendet ist die zum Zwecke der Medienpräsentation angesetzte Rundreise mit den Songs von Reality killed the Video Star, dem neuen Album von Robbie Williams.

Robbie Williams
Ein Superstar meldet sich zurück
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Auf dem Spiel steht sehr viel. Es könnte unter Umständen eine Frage von existentieller Bedeutung sein, ob Robbies neue Platte - es ist seine neunte im Studio entstandene - nicht nur ein Erfolg, sondern ein sehr großer, ein überzeugender Erfolg wird. Es geht um die Zukunft von Robbie Williams als letztem verlässlichen Umsatzgaranten im europäischen Musikgeschäft.

55 Millionen Platten hat er in den 13 Jahren seit seinem Solodebüt Life thru a Lens verkauft. Selbst seine Misserfolge sind eigentlich Triumphe, vergleicht man sie mit der Konkurrenz. Das wenig beachtete Album Intensive Care verkaufte sich in Europa mehr als jedes andere im Jahr 2005, selbst das als fetter Flop abgekanzelte Rudebox (2006) stand bei uns wochenlang auf Platz Eins.

Es geht aber auch um die Zukunft seiner Plattenfirma, der EMI, für die er nach Reality killed the Video Star nur noch ein Greatest Hits-Album abliefern muss. Dann hat er seinen 2002 abgeschlossenen und mit 80 Millionen Pfund dotierten Vertrag erfüllt. EMI plagt sich mit hohen Schulden und rückläufigen Umsätzen. Sollte die Robbie-Rakete nicht zünden, könnte es eng werden für das traditionsreiche Unternehmen.
«Wir sind alle überrascht, dass es mit Robbie noch mal geklappt hat», sagt der Mann von der Plattenfirma, dessen Arbeitsplatz von Williams’ Verkaufszahlen abhängen könnte. Neulich habe er ihn kurz wiedergesehen bei einem Radio-Interview in Köln, nach Jahren zum ersten Mal. «Er wirkte aufgeräumt und schien über sein Leben nachgedacht zu haben. Das war ein ganz anderer Robbie Williams als ich ihn in Erinnerung hatte.»

Dass der 35-Jährige überhaupt noch einmal mit seiner Musik würde für Aufsehen sorgen können, war lange Zeit gar nicht zu erwarten. Zu seltsam, zu freakig, zu kaputt schien der Kerl geworden, die Medien haben das vermeintliche Wrack, das scheinbar kein ehrbareres Hobby finden konnte, also UFOs zu beobachten, genüsslich vorgeführt. Doch die Wirklichkeit ist gar nicht so amüsant: Robbie konnte nicht mehr.

Nachdem er jahrelang lief wie eine geölte Maschine und Hit nach Hit ablieferte, war 2006 die Luft raus. Seine Close Encounters-Tournee (für 1,6 Millionen verkaufte Tickets an einem Tag kam er ins Guiness Buch der Rekorde) musste er abbrechen. Während seine ehemaligen Kollegen von Take That (in der Boygroup begann Robbie mit 16 seine Karriere, 1996 wurde er wegen Eskapaden aus der Band gefeuert) von einem Triumph zum nächsten eilten, saß Robbie ein Jahr auf dem Sofa, «glotze Big Brother und stopfte einen Haufen Donuts» in sich hinein, wie er dem Magazin Stern erzählte. Auch Drogen waren ein Problem. Gegenüber der englischen Zeitung Sun sagte er: «Ich war so süchtig nach Schmerzmitteln, dass es mir egal war, ob ich lebe oder sterbe. Fast wäre ich draufgegangen.» An seinem 33. Geburtstag wies er sich selbst in eine Entzugsklinik ein. Seitdem scheint er die Sucht im Griff zu haben, auch wenn es «ein täglicher Kampf» sei.

Robbie, und das gehört zur Taktik, um Reality killed the Video Star zu bewerben, gibt nun den Geläuterten. Den Gereiften. Aber auch den Angriffslustigen und Motivierten. Die Moppelphase hat er überwunden, das Exil in Los Angeles hat er gegen ein Anwesen nahe London eingetauscht, auch eine Wiedervereinigung mit Take That kann er sich vorstellen, zwei Mal aß er schon in aller Öffentlichkeit mit den Vieren zusammen zu Abend. Sogar ein Weibchen hat der langjährig Einsame nach langer Suche endlich gefunden. Sie heißt Ayda Field, ist 30 Jahre alt und Amerikanerin. Von Heirat und kleinen Robbies ist die Rede. «Die Dame an seiner Seite ist nicht ganz unwichtig für sein Wohlbefinden», sagt der Mann von der Plattenfirma und klickt endlich den ersten Song an.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die neue Robbie-Platte besser ist, als von vielen erwartet

Der heißt Morning Sun und erinnert stark an Elton John. Piano, Streicher, eine epische Melodie. Geht gut los. Als nächstes kommt Bodies, die forsche erste Single, die schon ein Hit ist, auch wenn sie sich so anhört, als sei sie aus drei verschiedenen Songs zusammengesetzt. Produziert wurde das gesamte Album von Popaltmeister Trevor Horn, einem Könner. Frankie Goes To Hollywood, Pet Shop Boys, Seal – Horn hat schon mit allen gearbeitet, und er macht seine Sache als Klangveredler, Aufmotzer und großzügiger Nutzer von orchestralen Klängen insgesamt sehr gut. You know me, die mutmaßlich nächste Single, zeigt eine neue Robbie-Facette, er klingt plötzlich nach dem Schubidupp der 1950er und 1960er, nach Only you, und ein bisschen auch nach Sasha.

Ebenfalls stark ist die Ballade Blasphemy, die einzige Nummer, an der sein früherer Stammkreativpartner Guy Chambers beteiligt war. Lahm sind Dou you mind? (klingt nach Rolling-Stones-Wegwerfware) und Last Days of Disco (klingt nach Pet-Shop-Boys-Wegwerfware), der kitschige Cabaret-Einwurf Somewhere zählt nicht richtig, da er nur eine Minute lang ist. Danach geht es wieder aufwärts. Deceptation ist ein zurückhaltendes, aber schönes Lied. Starstruck erinnert mit seinem Refrain Ready, steady go – everybody famous an einen George Michael in Topform und dürfte demnächst auch als Single für Stimmung sorgen. Difficult for Weirdos ist eine gelungene Elektrohymne im Geiste von New Order oder Depeche Mode. Keinen bleibenden Eindruck hinterlassen kann Superblind.

Mit dem finalen Liebeslied Won’t do that, einem sehr fröhlichen, fetten, von Bläsern geprägten und offenkundig von Billy Joel inspirierten Stück, endet Reality killed the Video Star und hinterlässt einen satten, zufriedenen und an die Zukunft von Robbie und seiner Firma glaubenden Haufen Journalisten. Tenor: Besser als erwartet, hätte man ihm gar nicht mehr zugetraut. «Diese Platte entscheidet über meinen zukünftigen Weg, und ich bin deswegen ein bisschen ängstlich», sagt Robbie. «Aber es ist ein hinreißendes Album, auf das ich sehr stolz bin. Dieses Album soll dasjenige sein, auf dass sich die Leute beziehen, wenn sie an Robbie Williams denken.»

Wird die Platte ein Erfolg, soll es auch wieder eine Tournee geben. Vorerst spielt Williams ein einziges Konzert in London, am 20. Oktober. Der Auftritt wird weltweit in rund 200 Kinos live übertragen. In Deutschland sind Übertragungen in Berlin, München, Düsseldorf, Karlsruhe und Halle geplant.

Der Mann von der Plattenfirma packt seinen Computer ein und verschwindet Richtung Zug. Er weiß: Noch kennen nur er und die von ihm Eingeweihten den neuen Robbie. Doch bald schon wird sich die ganze Welt ihre Meinung zu diesen Liedern bilden.

ped/juz/news.de

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